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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 23.06.2012

Der Urahn der Nerds

Vor 100 Jahren wurde der britische Mathematiker Alan Mathison Turing geboren

Von Irene Meichsner

Computerpionier Alan Turing (1912-1954) (bletchleypark.org.uk)
Computerpionier Alan Turing (1912-1954) (bletchleypark.org.uk)

Für viele zählt der britische Mathematiker Alan Turing zu den klügsten Köpfe des 20. Jahrhunderts: Die meisten modernen Computer basieren noch immer auf seiner Rechenmaschine, durch die Entschlüsselung der Chiffriermaschine Enigma trug er zur Niederlage Nazideutschlands bei. Doch die Würdigung seiner Leistungen konnte Turing nicht mehr erleben.

Alan Mathison Turing kam am 23. Juni 1912 in London zur Welt und war schon als Kind von Zahlen fasziniert. Mit 15 Jahren erklärte er seiner Mutter Einsteins Relativitätstheorie. Mit 24, nach einem Mathematikstudium am King’s College in Cambridge, entwarf Turing in seinem berühmten Aufsatz "On Computable Numbers" das theoretische Konzept des modernen Computers - lange bevor es den ersten Computer gab.

"Im Prinzip ist die Turing-Maschine eine mathematische Beschreibung unseres Computers. Es ist also eine sehr allgemeine, sehr abstrakte Beschreibung. Und das Überraschende dabei ist, dass es dann auch sehr einfach ist, wenn man einen Computer so abstrakt beschreibt."

Erklärt der Kognitionspsychologe Franz Schmalhofer.

"Der besteht nämlich nach Turing aus einem Schreibkopf, aus einem Lesekopf und aus einem unendlich langen Band. Also, da kann man sich ein Magnetband vorstellen. Man kann sich aber auch eine unendliche lange Toilettenrolle vorstellen, wenn man das möchte. Und mit dieser Maschine kann man alles berechnen, was berechenbar ist."

Nachdem die britische Regierung unter Premierminister Neville Chamberlain Deutschland am 3. September 1939 den Krieg erklärt hatte, ging Turing zum Geheimdienst.
In Bletchley Park nordwestlich von London wurde eine Kryptologie-Abteilung aufgebaut, die versuchen sollte, die Funksprüche der deutschen U-Boote zu entschlüsseln. Die Deutschen benutzten für ihren Code die Chiffriermaschine "Enigma". In dem Film "Enigma – das Geheimnis" erklärt die Hauptfigur Tom Jericho alias Alan Turing zwei Geheimdienstmitarbeitern, welche Herausforderung die Enigma an sie stellte.

Tom Jericho: "Sie verwandelt Klartextnachrichten in unsinnige Buchstabengruppen. Der Empfänger hat ebenfalls eine Enigma-Maschine, die daraus wieder die ursprüngliche Nachricht macht. Drücken Sie, so oft Sie wollen, auf dieselbe Taste, es kommt immer etwas anderes heraus."
Geheimdienstmann 1: "Und sie besitzen eine eigene?"
Geheimdienstmann 2: "Von der polnischen Dechiffrierabteilung zur Verfügung gestellt."
Geheimdienstmann 1: "Wo liegt dann das Problem?"
Tom Jericho: "Problem? Das Problem ist, dass die Maschine 150 Millionen Millionen Millionen Möglichkeiten hat – je nach Anordnung der drei Walzen und dieser Steckverbindungen hier."
Geheimdienstmann 1: "Ach du heilige Scheiße."

Turing knackte den Code mit Hilfe einer Maschine, die - so der Informatiker Wolfgang Coy – relativ wenige Strukturvorgaben hatte.

"Das war keine universelle Maschine im Sinne seiner universellen Turing-Maschine, also kein Computer, so wie wir es heute sagen, sondern ein spezialisierter Computer, der nur eines konnte, nämlich alle möglichen Enigmas aufzulösen. Aber das ist trotzdem eine ganze Menge."

Seit die Engländer den Funkverkehr dechiffrieren konnten, wussten sie, wo sich die deutschen U-Boote befanden, konnten sie angreifen und versenken - eine wesentliche Voraussetzung für den späteren Sieg der Alliierten. Nach dem Krieg befasste sich Turing mit Fragen der künstlichen Intelligenz und mathematischen Problemen der Biologie. Mit Hilfe des nach ihm benannten "Turing-Tests" versuchte er festzustellen, ob und inwieweit eine Maschine das Denken eines Menschen nachahmen kann. Zum Verhängnis wurde Turing seine Homosexualität, die damals noch strafbar war. Nachdem er wegen eines Einbruchs, der offenbar von einem Schwulen verübt worden war, Anzeige erstattet hatte, fand Turing sich 1952 selber auf der Anklagebank wieder.

Um einer Haftstrafe zu entgehen, erklärte er sich bereit, sich einer Hormonbehandlung zu unterziehen. Am 7. Juni 1954 wurde Turing in seinem Haus in Wilmslow südlich von Manchester tot aufgefunden. Er hatte in einen mit Cyanid vergifteten Apfel gebissen – allem Anschein nach Selbstmord, doch die Todesumstände wurden nie geklärt. Welchen Anteil Turing am Ausgang des Zweiten Weltkriegs hatte, wurde erst in den 1970er-Jahren bekannt. 2009, nach einer Petition von mehr als 30.000 Briten, die von dem Programmierer John Graham-Cumming initiiert worden war, hat sich der damalige Premierminister Gordon Brown posthum bei Turing für die "unmenschliche Behandlung" entschuldigt. Browns Stellungnahme endet mit den Worten:

"Ich bin sehr stolz, im Namen der britischen Regierung und all jener Menschen, die dank Alans Arbeit in Freiheit leben, sagen zu können: Es tut uns leid, Du hättest etwas so viel Besseres verdient."

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