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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.01.2010

Der unbekannte Mafia-Killer

Don Winslow: "Frankie Machine", Suhrkamp 2009, 365 Seiten

Frank Machianno ist der Mann vom Angelladen auf dem Ocean Beach Pier, der seine Stammkunden und Freunde bei Laune halten muss. Er kommt mit seiner Ex-Frau und seiner Geliebten gut aus und führt ein zufriedenes Leben. Doch er ist auch ein Mafia-Killer.

Frankie Machianno hat gut zu tun in San Diego. Er muss seinen Angelladen auf dem Ocean Beach Pier in Schuss halten und seine Stammkunden und Freunde bei Laune. Er muss sich um seinen Wäscheservice für Restaurants kümmern und um seinen Fischhandel auch. Mit seiner Ex-Frau kommt er gut aus, mit seiner Geliebten auch, und seine Tochter ist sein Sonnenschein. Frank ist 62 und lebt ein zufriedenes Leben.

Dieses Leben schildert uns Don Winslows Roman "Frankie Machine" in aller Ausführlichkeit, fast 50 Seiten lang, bis uns vor so viel Nettigkeit und heiler Welt fast übel wird. Denn uns schwant, dass dieser langsame Anfang eben nur der Anfang einer ganz anderen Geschichte ist.

Denn Frankie Machianno ist auch Frankie Machine, ein äußerst effizienter und kaltblütiger Mafia-Killer. Schon beinahe im Ruhestand - aber Mafiosi gehen nicht einfach in Pension. Ein alter Konflikt bricht auf, und Frank muss wieder das tun, was er am besten kann, wenn er eine Überlebenschance haben will: Leute umbringen.

Winslows Roman ist gnadenlos parteiisch. Wir mögen Frankie, wir wollen, dass er durchkommt, und wir würden uns sogar mit einem würdigen Abgang begnügen. Winslow inszeniert den Abgesang auf die alte Mafia-Herrlichkeit mit präziser Lakonie. Sein beiläufiger Umgang mit Gewalt ("Mike schoss ihm dreimal ins Gesicht") ist entschieden wirkungsvoller als einlässliche Schilderungen von Gemetzel und Geschlachte. Gewalt gehört zu den ganz normalen "Umgangsformen" einer Gesellschaft, in der auch der Mafia-Killer ganz normal lebt.

Nebenbei zeichnet Winslow den Niedergang der klassischen Cosa Nostra nach, die sich wie ein taumelnder Industriekonzern in undurchsichtigen Kompetenzen, Partialinteressen und verfehlter Produktpolitik (immer noch Sex und Drogen statt politisch geschickt eingesetzter Macht) verheddert und von der Konkurrenz und dem FBI gejagt, gehetzt und instrumentalisiert wird. In Rückblenden erleben wir diesen Niedergang seit den 1960er-Jahren mit, als die Macht der italienischen Familien mit dem Wahlsieg von John F. Kennedy auf dem Höhepunkt war und dann allmählich bröckelte.

In den Focus rückt bei Winslow – anders als bei vielen seiner Kollegen, die sich seit dem "Paten" um die Ostküste, Miami und Chicago filmisch und literarisch gekümmert haben – die Westküstenmafia. Die gab es, seit Hollywood anfing, gewinnträchtig zu werden und seit die mexikanische Grenze als Importschleuse für Drogen interessant wurde. Aber so richtig als Stoff für populäre Mythen erschließt sich diese Szenerie erst mit Winslows wunderbarem Buch.

Eine Verfilmung von "Frankie Machine" so heißt es, steht an. Natürlich kann diese Rolle nur Robert de Niro spielen, der im August 67 Jahre alt wird. Beinahe so alt wie Frankie Machine heute wäre (das Original stammt aus dem Jahr 2006).

Besprochen von Thomas Wörtche

Don Winslow: Frankie Machine. (The Winter of Frankie Machine, 2006) Roman. Dt. von Chris Hirte
Suhrkamp 2009, Frankfurt am Main, 365 Seiten, 8,89 Euro

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