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Der triebverkürzte Tannenbaum

Miserable Ökobilanz dank Heiligabend

Von Udo Pollmer

Die Optik ist vor allem beim Tannenbaum wichtig. Der Kunde will ein ebenmäßiges Astwerk.
Die Optik ist vor allem beim Tannenbaum wichtig. Der Kunde will ein ebenmäßiges Astwerk. (AP)

Es weihnachtet sehr und überall werden die Bäume geschmückt. Doch wie werden Weihnachtsbäume gezüchtet, bevor sie in unserer Stube landen? Udo Pollmer hat einmal nachgesehen, warum der Tannenbaum so grün im Wohnzimmer grünt, auch wenn es draußen schneit.

Genaugenommen ist der Weihnachtsbaum nur ein saisonaler Sonderfall eines Obstbaumes. Statt Äpfel oder Nüsse lassen sich bunte Früchte in Form von Zuckerkringeln und Schokofiguren von seinen Zweigen pflücken. Die Begeisterung für diese Art von "Obst" ist ungebrochen, auch wenn sich der Baum im Laufe der Zeit gewandelt hat. Statt simpler Rotfichten dominiert heute in Deutschland die Nordmann-Tanne.

Das Saatgut dieser Tanne kommt aus Georgien. Alexander von Nordmann, ein Botaniker aus Finnland, hat diese Bäume vor über 150 Jahren im Kaukasus entdeckt. Die Tanne hält relativ lange frisch, ist von gleichmäßigem Wuchs und ihre Nadeln pieksen nicht. Der Christbaumwirt schätzt vor allem den späten Austrieb im Frühjahr, was das Frostrisiko für die empfindlichen Knospen senkt. Moderne Plantagen haben zur Bekämpfung von Frostschäden Sprinkleranlagen: Sobald die Temperatur unter Null Grad fällt, werden die Bäume beregnet. Beim Gefrieren wird etwas Kristallisationswärme frei, das schützt die Triebe.

Das Saatgut der Tannen ist so wertvoll, dass es gelernte Zapfenpflücker eigenhändig hoch in den Wipfeln kaukasischer Wälder ernten. Vor der Aussaat wird es in speziellen Kühlanlagen stimuliert. Nach zwei Jahren im Saatbeet werden die Setzlinge wieder entnommen und – verschult. Das verbessert die Entwicklung des Wurzelwerks. Nach weiteren ein bis zwei Jahren kommen die Baumschüler in die Plantage. Dort wachsen sie gewöhnlich weitere sechs bis sieben Jahre, bevor sie geschlagen werden.

Die Sorge des Christbaumwirtes gilt vor allem der Optik. Der Kunde will ein ebenmäßiges Astwerk, das in Etagen angebracht ist. Damit der Baum schmaler ist und besser ins Wohnzimmereck passt, werden die Seitentriebe regelmäßig gestutzt. Auch mehrfache Spitzen kommen bis auf eine weg. Diese wird dann mit einer Spezialzange gekniffen, um den Saftstrom zu bremsen, das verlangsamt das Wachstum – so wirkt der Baum kompakter. Natürlich gibt es auch dafür Hormone, sogenannte chemische Triebverkürzungsmittel.

In Weihnachtsbaumplantagen braucht es Herbizide gegen Unkräuter wie Brombeeren oder Weidenröschen. Dazu kommen Spritzungen gegen Schädlinge wie Läuse oder Spinnmilben und natürlich gegen Pilzkrankheiten wie Botrytis oder Hallimasch. Letzterer ist mancherorts ein geschätzter Speisepilz – aber überall auch ein gefürchteter Forstschädling. Die Schönheitspflege ist das A und O einer erfolgreichen Christbaumkultur, Bäumchen mit optischen Makeln verderben die Preise oder sind unverkäuflich. Selbst zum Anhübschen der Nadeln gibt’s eine spezielle Düngung, die direkt auf die Bäumchen gesprüht wird. So leuchten sie sattgrün.

An der Spitze der Bäume sieht man manchmal einen Stab. Der soll Vögel fernhalten. Sonst setzen sie sich noch auf den obersten Trieb, und schon ist er abgebrochen. Andere Tiere tun sich eine Etage tiefer an den Bäumchen gütlich: Hasen und Rehe lassen sich im Winter die frischen Triebe schmecken. Also werden die Kulturen engmaschig eingezäunt. Das schafft manchmal ein neues Problem: In mäusereichen Jahren kommt auch der Fuchs nicht mehr ins Weihnachtsbaumquartier, um die pelzigen Plagegeister zu vervespern. Hinter dem sicheren Zaun lassen sich die Nager nun die zarte Rinde der Jungpflanzen munden.

Das rief die Naturschützer auf den Plan, die nun Christbaumplantagen als widernatürliche Monokulturen geißeln, das Heil läge im Öko-Christbaum. Doch wer Öko-Bäume will, fördert letztlich eine Produktion, in der viele Bäume aufgrund von Krankheiten, Schädlingen und unregelmäßiger Beastung gar nicht marktfähig sind. Das würde eine Ausweitung der Anbauflächen bedeuten und jede Menge Ausschuss. Wer der Umwelt unbedingt Gutes tun will, kann es auf einfache Weise: Er kauft halt ein missratenes Exemplar aus konventioneller Produktion, das sieht nicht nur wie Öko aus. Je hässlicher der Baum, desto besser ist auch die Umweltbilanz. Die beste Ökobilanz hat konsequenterweise, wer auf Weihnachten gleich ganz verzichtet.

Weihnachten bleibt hoffentlich noch lange ein Fest voll Freude und Schönheit. Mit einem geschmückten Christbaum, mit bunt verpackten Geschenken und glänzenden Kinderaugen, ein Fest des Lichtes und des inneren Friedens. Ein Fest voll Zauber, voll Lebensfreude und feinem Essen. Mahlzeit!

Literatur
Baumgarten A et al: Empfehlungen für die sachgerechte Düngung von Christbaumkulturen. AGES, Wien 2008
Gut P: Pflanzenschutz bei Christbaumkulturen. g’plus 2005; H.16: 17-19
Chastagner GA, Benson DM: The christmas tree: traditions, production, and diseases. Plant Health Progress 13. Oct. 2000, doi: 10.1094/PHP-2000-1013-01-RV
Perny B: Krankheiten und Schädlinge in Christbaumkulturen – Anlage von Kulturen. Online Publikationen des Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft. 10. 11. 2000
Thomsen IM et al (Eds): Proceeding oft he 8th International Christmas Tree Research & Extension Conference. Forest & Landscape Working Papers 2008; 26
Bundesverband der Weihnachtsbaum- und Schnittgrünerzeuger in Deutschland e.V. (Hrsg): Antwortkatalog zu Kernfragen von Journalisten und Endverbrauchern "Rund um den Weihnachtsbaum". Wenzendorf 2010
Pfeifer W: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Akademie, Berlin 1993

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