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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 20.05.2012

Der Traum vom besseren Menschen

"Human Enhancement" wird ständig vorangetrieben - und birgt auch Gefahren für den Menschen

Von Annegret Faber

Der südafrikanische Läufer Oscar Pistorius (m.) beim 400-Meter-Rennen zur IAAF World Challenge Golden Spike im tschechischen Ostrava. (picture alliance / dpa / Filip Singer)
Der südafrikanische Läufer Oscar Pistorius (m.) beim 400-Meter-Rennen zur IAAF World Challenge Golden Spike im tschechischen Ostrava. (picture alliance / dpa / Filip Singer)

Den menschlichen Körper so verändern und formen, dass wir frei von Krankheiten sind, nicht mehr so schnell altern und über unsere Kräfte hinaus wachsen - das ist ein alter Traum der Menschheit. Heute wird er unter dem Begriff "Human Enhancement", also "Verbesserung des Menschen", geführt. Und tatsächlich stehen wir momentan an einem Wendepunkt.

Er lief Weltrekord: Oscar Leonhard Karl Pistorius, geboren 1986 in Südafrika. Durch einen Gendefekt wurde er mit stark verkleinerten Unterschenkeln geboren. Trotzdem lief er über 100 und 200 Meter Weltrekord. Möglich machen das Karbonprothesen. Ist das Human Enhancement, die Veränderung des Menschen über das Natürliche hinaus? Armin Grunwald von der Universität Karlsruhe, Physiker, Mathematiker und Philosoph, kann die Frage nicht beantworten.

"Weil, es gibt keine klaren Grenzen zwischen Heilen und Verbessern und es war sportgerichtlich umstritten, ob er schon enhanced sei, ob er besser läuft als mit normalen Unterschenkeln, oder nicht."

Wir sollten die Grenzen dringend definieren, fordert Armin Grunwald. Wo beginnt Human Enhancement und wo hört es auf? Beispiel Konzentrationssteigernde Mittel wie Ritalin: Das ist Human Enhancement sagen die Einen, die Anderen verneinen es. Für den Leipziger Dermatologen Professor Uwe Frithjof Haustein hätten von Medikamenten dieser Art einzig Pharmakonzerne Vorteile, nicht aber der Mensch.

"Wie ist die Situation? 16 Prozent der US-College-Studenten machen Gebrauch von Methylphenidat und von Modafinil oder Betablockern und 20 Prozent der Wissenschaftler, also höher Gebildete, aus 60 Ländern, haben das einmal im Leben getan. Die Mehrzahl benutzen das Methylphenidat, also das Ritalin und die anderen das Modafinil, um eben Anforderungen der Leistungsgesellschaft zu genügen - Examensvorbereitung, Förderung betrieblicher Karriere."

Wer sein Gehirn regelmäßig "tuned" müsse aber mit Folgen rechnen. Uwe Frithjow Haustein berichtet von dem Versuch einer 27-Jährigen. Sie nahm das Medikament Ritalin über einen längeren Zeitraum.

"Schon 15 Minuten nach der Einnahme hat sie ein euphorisierendes Hochgefühl, sie ist hochgradig konzentriert an der Arbeit am Bildschirm, vergisst fast auf die Toilette zu gehen, fühlt sich fähiger, selbstbewusster, hat keine Selbstzweifel. Sie arbeitet locker bis in die Nacht."

Dieser Zustand sei später gekippt. Die Studentin habe ihn dann als anstrengend empfunden. Sie war schlaf- und ruhelos und konnte sich nicht mehr entspannen. Dies ist eine eindeutige Verschlechterung der Lebensqualität, sagt der Mediziner. Die beste Methode, konzentriert und wach zu sein, sei immer noch ausreichend Schlaf. Herkömmliches lernen ist besser als jedes Medikament. Man brauche zwar mehr Zeit, vermeide aber Nebenwirkungen. Und das sei dringend geraten, denn:

"Die Wirkungen und Nebenwirkungen sind unzureichend untersucht. Teils nur an Nagern, Fruchtfliegen und Zellkulturen."

Doch angesehen Philosophen aus den USA würden ihre Aufsätze längst nur noch mit Ritalin schreiben, hört man aus Fachkreisen. Für Armin Grunwald, der sich heute vor allem mit Technikfolgenabschätzungen befasst, eine fragliche Situation.

"Es kann dazu kommen, dass ein Druck entsteht, dass man sich verbessern muss, um noch Schritt zu halten mit den Anderen, sonst würde man abgehängt, sonst würde man in der Berufswelt benachteiligt und so weiter. Also es könnte sein, dass ein Enhancement auch zu Verlust an Autonomie führt."

In diese Richtung zielt auch eine medizinische Behandlung, namens "Mommy Refresh", die mittlerweile auch in Deutschland angeboten wird. "Mommy Refresh" steht für die "Wiederherstellung" der Frau nach der Geburt. Fett absaugen, die Schamlippen verkleinern, Geburtskanal verengen. Alles soll so sein, wie vor der Geburt. Veränderungen dieser Art würde der Mensch nur auf sich nehmen, um dem Gesellschaftsdruck stand zu halten, glaubt Prof. Dr. Hartmut Rosa von der Universität in Jena.

"Gar nicht die Hoffnung, das sage ich schon seit Jahren, es ist nicht die Hoffnung auf Erlösung und Perfektionierung. Es ist die Angst vor dem Absturz, wenn ich das nicht tue, kann ich nicht mehr mithalten."

Ein weiteres, viel diskutiertes Beispiel ist das künstliche Auge. Mediziner entwickeln es mit immer größeren Erfolgen, erklärt Armin Grunwald.

"Wenn ein künstliches Auge verfügbar wäre, das all das macht, was das jetzige menschliche Auge tun kann, dann würden Ingenieure schnell auf die Idee kommen und all das was wir aus der Welt der Fotoapparate kennen, sicher auch in das künstliche Auge implantieren. Also Zoomfähigkeit zum Beispiel, dass man halt so eine Art Teleobjektiv sich einbaut, auf bestimmte Dinge fokussieren kann. Das wäre ein Artikel, den ich mir relativ gut in naher Zukunft vorstellen kann."

Eine Vorstellung, die Wissenschaftler reizt. Doch wie würde sich diese neue Fähigkeit auf unsere Psyche auswirken? Was ist mit denen, die sich kein manipuliertes Auge leisten können? Für Ortrud Riha, Professorin der Geschichte der Medizin, sind Forschungen auf diesem Gebiet nicht sinnvoll. Hier werden enorme Summen in Projekte gesteckt, die der breiten Bevölkerung nichts bringen.

"Heute hat an allererster Stelle das Militär Interesse daran, an der Verbesserung, nicht nur in Hinblick auf Aufmerksamkeit, Wachheit, das ist ja fast banal heutzutage, sondern in Hinblick darauf, die Sinnesleistung des Menschen zu verbessern. Die Nachtsichtigkeit zu verbessern, die körperliche Stärke zu verbessern und all so was in der Art."

Vieles was heute in der Kategorie Human Enhancement diskutiert wird, stehe in der Tradition der Science Fiction des 19. Jahrhunderts und tauge vor allem als Romanstoff.

"Es scheitert allerdings nicht daran, dass es die Kameras oder diese Chips nicht gibt, sondern, dass das Gehirn diese Reize nicht verarbeiten kann. Insofern ist es vielleicht ein bisschen naiv zu sagen, es gibt doch Nachtsichtgeräte, warum baue ich die nicht einfach ein. Oder ich kann doch diese und jene Schallwelle visualisieren, warum kann ich das nicht einbauen? Das Gehirn ist nicht vorgesehen dafür, es zu verarbeiten."

Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr getan ihn zu überwinden?

Also sprach Zarathustra. Ein philosophisches Werk von Friedrich Nitzsche. Geschrieben vor knapp 150 Jahren.

Alle Wesen bisher schufen etwas über sich hinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser großen Flut sein? Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch - ein Seil über dem Abgrund.

"Es gibt wie immer Vorläufer - Geschichten, nämlich die Träumereien an Zukünfte, die die Zukunft überschätzt haben, von den etwas läppischen Vorstellungen: Sie müssen nur ins schwäbische Tripsdrill fahren, die Altweibermühle, die dann aus alten Frauen junge Mädchen machen. Und diese Träumereien haben die Menschen immer gehabt. Insoweit war Enhancement immer ein Thema. Was ich sagen will ist, Enhancement als Thema ist heute kein Thema, sondern noch viel mehr futurologisch oder wenn Sie so wollen Science Fiction, als es die Leute war haben wollen. Als solches hat es schon immer existiert. Gleichzeitig ist der richtige Umgang damit, dass wir wissen, dass es ein Traum ist."

Professor Pirmin Stekeler-Weithofer, Präsident der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Er ist Mitherausgeber des Buches "Perfektionierung des Menschen". Seit der Neuzeit, also seit der Mitte des vergangenen Jahrtausends, versucht der Mensch die Natur radikal zu unterwerfen - auch sich selbst.

"Ewige Jugend oder Unsterblichkeit sind reine Chimären. Mit der Tatsache, dass der Mensch endlich ist und altert, müssen wir uns abfinden und wer glaubt über bestimmte technische Mittel diese Tatsache überspielen zu können, der ist nur dumm. Kann man überhaupt nicht anders sagen."

Träume vom perfekteren Menschen gab es schon immer, gleichzeitig wurde aber auch davor gewarnt - in der Vergangenheit, wie in der Gegenwart. Literaturwissenschaftler Elmar Schenkel behauptet: In einem System, wo es um Konkurrenz geht, kann Human Enhancement eher eine Gefahr sein, als zur Zufriedenheit des Menschen beitragen:

"Und da gibt es ja das schöne Wort von Oscar Wilde, der Mensch hat zwei Tragödien im Leben. Die eine Tragödie ist, du kriegst nicht, was du möchtest und die zweite ist, du kriegst was du möchtest und die zweite ist die Schlimmere!"

Trotz aller Kontroversen - die Forschung wird weiter gehen. Milliarden werden in Produkte gesteckt, die den Menschen besser machen sollen. Ob es ihn auch glücklicher macht, steht in Frage.

"Es wird sehr, sehr viele einzelne Menschen geben, die an sich herum machen lassen, in der Hoffnung ihr Leben zu verbessern. Ich würde sagen, für die medizinische Technik und den Fortschritt ist es gut, für den Menschen selber nicht. Ich glaube nur, dass die Hoffnungen sich zerschlagen werden. Die Hoffnung nämlich, dass uns technische Interventionen glücklicher machen. An die glaube ich in der Tat überhaupt nicht."

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