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Religionen / Archiv | Beitrag vom 25.02.2012

Der Tod ist nicht das Ende

Das Café Finovo auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof in Berlin

Von Christian W. Find

Die Gräber der Brüder Grimm auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof in Berlin-Schöneberg
Die Gräber der Brüder Grimm auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof in Berlin-Schöneberg (picture alliance / dpa / Rolf Kremming)

Die letzte Ruhe ist auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof in Berlin lebendiger als anderswo: Viele Frauenrechtlerinnen, schwule Aktivisten, Künstlerinnen und Künstler sind hier bestattet. Und innerhalb der Friedhofsmauern liegt seit fünf Jahren das Café Finovo.

"Sind so kleine Hände, winz'ge Finger dran. Darf man nicht drauf schlagen; die zerbrechen dann."

Wenn der Märchenerzähler Gerhard Moses Heß auf seiner Friedhofsführung an den Gräbern der Gebrüder Grimm vorbeikommt, singt er manchmal dieses Lied von den kleinen Händen, die man nicht schlagen darf. Und er erzählt das Märchen von dem unartigen Kind, aus einer alten Sammlung der Gebrüder Grimm: Noch im Tod streckt das unartige Kind seine Hand aus dem Grab, bis die Mutter kommt und die Hand schlägt. Eigentlich ein schreckliches Märchen, sagt Heß.

"Es gibt aber andere Varianten, zum Beispiel eine serbokroatische, und die benutze ich dann, und die ist ganz versöhnlich; da geht es nicht um Strafe, da geht es um Liebe. Und diese Geschichte endet so, dass die Mutter kommt und die Arme des Kindes an sich zieht, und eben seine Hände küsst, und da findet das Kind endlich Ruhe in seinem Grab."

Gerhard Moses Heß ist Theaterpädagoge. Auf dem Alten Sankt Matthäus Friedhof bietet er Märchenlesungen und Führungen an. Anlass für ihn war das neue Café.

"Es ist ein ganz, ganz schöner Ort, das bedeutet mir ganz, ganz viel deswegen, weil ich sehr lange auf dem Friedhof war, weil ich einen Freund verloren hab, in den 90er-Jahren. Das Haus stand leer, kurz vor der Trauerfeier durfte man da reingehen, und da war ein Kanonenofen, und da durfte man sich aufwärmen, ne halbe Stunde vor Beginn der Trauerfeier. Und für mich war das also eine ganz, ganz tolle Geschichte, dass da plötzlich in diesem verfallenen Eingangsgebäude jetzt plötzlich ein Café aufmacht und dass da wieder ein Blumenladen ist, da hab ich mich total gefreut und seitdem fühl ich mich auf diesem Friedhof eben auch zu Hause, wenn man das so sagen kann."

"Hier wird diagonal gequatscht, es ist ja sehr eng, und wenn an einem Tisch was gesprochen wird, ruft schon mal vom anderen Tisch jemand was dazwischen oder beteiligt sich einfach am Gespräch, das finde ich eine sehr, sehr schöne Sache","

sagt Bernd Bossmann, der das Café vor fünf Jahren gründete und ihm auch gleich einen Namen gab: Finovo.

""Fin ist eigentlich die Bezeichnung für das Ende und Novo ist eigentlich ein Neubeginn, und Finovo hat nur ein N, weil es hört ja nicht was auf, anschließend beginnt was Neues, sondern es geht was ineinander über. Es ist immer ein Wandel und Wechsel, ne? Es wächst permanent was und hört irgendwas auf."

Café und Blumenladen sind inzwischen zu einer festen Anlaufstelle vieler Friedhofsbesucher geworden. Hier fällt es leichter, über Leben und Tod zu sprechen. Man kann die Trauer teilen oder lieber allein bleiben.

"Und da sind einige Sachen, die ich total toll finde, dass Leute Informationen über diesen Friedhof bekommen haben und hierher kommen zu mir ins Café und sagen, ich hab letzte Woche die Diagnose bekommen, ich leb vielleicht noch anderthalb, zwei Monate und hab von dem Friedhof gehört und würde hier gern ein Grab aussuchen. Und dann kommt man ins Gespräch, und ich geh dann in der Regel mit den Leuten über den Friedhof spazieren und such mit denen einen Platz aus, der ihnen gut gefällt."

Café-Betreiber Bernd Bossmann hatte schon als Krankenpfleger zu einem offenen Umgang mit den Tabus Krankheit und Sterben gefunden. Er selbst verlor in den 80er-Jahren viele Freunde durch AIDS. Bossmann ist eine Kämpfernatur. Als "Ichgola Androgyn" kämpfte er über zwei Jahrzehnte für die Rechte von Lesben und Schwulen. Sein Durchhaltevermögen half ihm auch, sich mit seiner außergewöhnlichen Idee eines Friedhofscafés gegenüber den Behörden durchzusetzen.

Unterstützung bekam er von dem Geistlichen der Zwölf-Apostel-Gemeinde, zu der der Friedhof gehört. Pfarrer Andreas Fuhr liebt es, hier seinen Kaffee zu trinken.

"Also ich denke schon, dass das Café Finovo da Vorbild-Charakter hat, und ich denke, sicherlich wird sich das so entwickeln auch in diese Richtung auf anderen Friedhöfen, weil auch die gesamte Trauerkultur, die Bestattungskultur sich ja verändert hat in den letzten 20 Jahren. Früher war der Rahmen einer Trauerfeier klar vorgegeben, da war sozusagen alles festgelegt und heute ist die Mitgestaltung der Angehörigen ein ganz wesentlicher Faktor."

Dass die Angehörigen inzwischen nicht nur Trauerfeiern, sondern einen ganzen Friedhof mitgestalten, hat für Pfarrer Fuhr auch eine theologische Aussage:

"Die Auferstehung der Toten meint ja im Grunde genommen eben, dass der Tod nicht ein Ende ist, sondern ein Übergang. Dieser Übergang, den können wir natürlich weder kennen noch begleiten. Das ist etwas, was für uns verborgen ist. Aber dass der Tod dadurch nicht die Macht hat, die er für uns scheinbar hat, das ist der Ausdruck. Und darum, wie es ja zum Beispiel auch in den Gemeinden afrikanischer Art ist, wenn sie da mal das erleben, wechselt das unmittelbar von der Trauer in die Freude. Und irgendwo ist dieses Café Finovo, denke ich auch, ein Ausdruck dieser Freude darüber, dass die Toten nicht einfach weg sind."

Zahlreiche Aktivitäten sind rund um das Finovo entstanden und werden immer weiter entwickelt. So gibt es zum Beispiel einen wachsenden Garten der Sternenkinder, in dem Eltern einen Platz für ihre tot geborenen Kinder finden können. Und immer häufiger werden Patenschaften für Gräber übernommen.

Auch für Gerhard Moses Heß, den Märchenerzähler, ist der Friedhof mit seinem Café zu einem Ort der Inspiration geworden. Als er wieder einmal an den Gräbern der Gebrüder Grimm vorbeikam, wünschte er sich, das Gedenken an sie neu zu beleben:

"Das ist so was von düster, so'n grauer, schwarzer Porphyr oder so was, schwarzer Stein, sehr düster, ich möchte ja gern was drüber machen, so'n Netz oder so, ein buntes Netz, schillernd. Mal sehen. Im Sommer wollen wir ein Märchenfest machen auf dem Friedhof, zu Ehren des 200. Jahrestages ein Märchenfest machen, und da hoff ich, dass wir auch das Grab mal ein bisschen bunter gestalten können."