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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.04.2008

Der Tod als Erzähler

Markus Zusak: "Die Bücherdiebin", cbj 2008, 592 Seiten

Am 29. April 1945 wurde das KZ Dachau befreit (AP Archiv)
Am 29. April 1945 wurde das KZ Dachau befreit (AP Archiv)

Die Eindringlichkeit dieses Buches - und damit sein Erfolg - sind leicht erklärt: Markus Zusak wuchs in Sydney als Sohn deutsch-österreichischer Eltern auf, Geschichten über den Krieg und den Holocaust hörte er täglich am Küchentisch. Diese Erzählungen waren der Grundstein für "Die Bücherdiebin" - und sogar der Anstoß dafür, dass er Schriftsteller wurde.

Zusak erzählt ein einfache, aber ergreifende Geschichte: Die neunjährige Liesel, deren Eltern Kommunisten sind, wird 1939 in Bayern bei Pflegeeltern untergebracht. Sie gerät in eine fremde, primitive Welt. Ihr Pflegevater nimmt sie zärtlich auf, die Pflegemutter ist roh und laut, beide aber sind großherzige, mutige Menschen, die später sogar monatelang einen Juden verstecken.

Liesel erlebt den Krieg als eine zugleich schreckliche und schöne Zeit. Sie ist geborgen in der Kleinfamilie und hat zwei wunderbare Freunde, den Juden Max und den Nachbarsjungen Rudi. Geschichten sind ihr Ein und Alles, sie liest und liebt und stiehlt darum Bücher. Aber sie muss auch Hunger erleben und Angst, Gewalt und Brutalität, Trauer und Tod.

"Die Bücherdiebin" ist in vieler Hinsicht einmalig. Das Buch erzählt von dem ganz normalen Alltagselend der Kriegszeit und von herzzerreißendem Leid, zugleich aber von Glück und Geborgenheit. Wozu vor allem die Menschen beitragen, von denen Zusak erzählt. So schlicht sie sind, so groß ist ihre Würde, Herzlichkeit und Menschlichkeit. Dass es solche Menschen gibt, lässt - trotz des bitteren Endes - Hoffnung zu.

Es ist schwierig, Zusaks Sprache adäquat zu beschreiben. Sie ist zart, innig und poetisch, dann wieder schneidend scharf und schmerzhaft. Zusaks Sätze berühren uns unmittelbar, streicheln, kratzen, bohren sich in unser Bewusstsein. So suggestiv und geschmeidig, so verwirrend neu in ihren Bildern und Gesten wirkt auch die deutsche Übersetzung, dass man beiden, Autor und Übersetzerin, nur begeistert danken kann!

Seine ganz eigene Struktur erhält der Text auch durch den Kunstgriff, dass der allwissende Erzähler der Tod selbst ist. Ein sehr menschlicher, staunender Tod. Er begegnet dem alltäglichen Schrecken mit einer Art Galgenhumor und der Wucht der Trauer mit einem Schuss Heiterkeit. Inmitten all der Zerstörung erzählt er diese Geschichte über die Bücherdiebin und ihre Freunde, um sich selbst zu beweisen, dass die Menschen trotz allem ihre Existenz verdienen.

Dass "Die Bücherdiebin" in Deutschland gleichzeitig bei einem Verlag für Jugend- und einem für Erwachsenenliteratur erscheint, hat sicherlich mit der Herkunft des Buches aus dem angelsächsischen Raum zu tun. Dort ist ein doppelter Auftritt häufiger und in diesem Fall sicher auch mit verantwortlich für den großen Erfolg. Denn das Buch ist sowohl ein großartiger Jugendroman als auch ein kunstvoller Roman für Erwachsene, der Vieles zugleich ist: eine tief berührende Geschichte, ein dramatisches Zeitpanorama, eine Hommage ans Lesen und Schreiben und auf jeden Fall ein sprachliches Meisterwerk voller Lebensfreude, Trauer, Wut und - Trost.

Rezensiert von Sylvia Schwab

Markus Zusak: Die Bücherdiebin
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
cbj 2008 und Blanvalet 2008
592 Seiten

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