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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 29.03.2008

Der Tibetkonflikt und Olympia in China

Zu Gast: Eberhard Sandschneider und Ulrich Delius

Ein Mönch protestiert am Jokhang-Tempel vor ausländischen Journalisten in Lhasa gegen die chinesische Politik. (AP)
Ein Mönch protestiert am Jokhang-Tempel vor ausländischen Journalisten in Lhasa gegen die chinesische Politik. (AP)

Olympia-Boykott ja oder nein? Und wenn ja, in welcher Form? Kein Tag vergeht, ohne dass sich Politiker zu Wort melden, wie man gegen das harte Eingreifen der Chinesen gegen Mönche und Demonstranten in Tibet vorgehen soll.

Viele Politiker, darunter der polnische Premier Donald Tusk oder der tschechische Präsident Vaclav Klaus, wollen der Eröffnungsfeier fernbleiben. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier nehmen nicht teil, erklärte Steinmeier am gestrigen Freitag am Rande der EU-Außenministerkonferenz in Slowenien. Er betonte jedoch, dass dies nichts mit den derzeitigen Ereignissen in Tibet zu tun habe. Weder Merkel noch er hätten bisher eine Teilnahme geplant. "Insofern gibt es nichts abzusagen." Er sprach sich erneut gegen einen Olympia-Boykott aus: "Ein Nein zu Olympia, um sich das Gewissen zu erleichtern, ist weder eine Hilfe für die Menschen in China noch eine Hilfe für die Sportverbände."

Ulrich Delius, der Asienreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), hat schon früh zu einem Boykott der Eröffnungsveranstaltung aufgerufen:

"Das wäre ein deutliches Zeichen gewesen, das wäre auch stark registriert worden. Das bedeutet nicht, dass die Sportler nicht an den Wettkämpfen teilnehmen sollen, nur es suggeriert auch nicht die heile Welt. Wie kommt denn das IOC dazu, tolle Umweltstandards für die Spiele einzuführen, aber die Menschenrechte spielen keine Rolle!"

Der Jurist engagiert sich bereits seit mehr als 20 Jahren für die Menschenrechte insbesondere in China. "Es wird versucht, den Tibetern die chinesische Kultur überzustülpen. Es geht um die enorme chinesische Besiedlung Tibets. Sie hat die alten Stadtzentren zerstört, es wurden große Straßen errichtet, Überwachungskameras installiert. Das Problem ist, dass diese traditionelle Kultur, die Religion, dieses ganze Volk vor dem Untergang steht, weil China Fakten schafft. Das erklärt, warum die Menschen so hoffnungslos sind, dass sie sogar vor den Überwachungskameras protestieren."

In diesen Tagen reist Ulrich Delius quer durch Deutschland, um mit Protestveranstaltungen auf die Menschenrechtsverletzungen in China aufmerksam zu machen. "Das ist jetzt ein Schrecken ohne Ende für Chinas Funktionäre. Bis zum 24. August wird das ein Rutenlaufen für China, für das gesamte Land. Das ist in gewisser Weise ein Erfolg für uns und die anderen NGOs. Was könnten wir sonst gegen ein Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern ausrichten? Jetzt wird der Blick darauf gerichtet und wir sehen die Licht-, aber auch die Schattenseiten."

Eberhard Sandschneider sieht den Tibetkonflikt nüchterner. Der Otto-Wolff-Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit dem "Reich der Mitte". Er plädiert für mehr Zurückhaltung und weniger reflexhaften Protest gegen China:

"Die deutsche Debatte ärgert mich maßlos, die ist medial übertrieben und verantwortungslos. Wenn die Olympiade vorüber ist, wird sich kein Schwein mehr für Tibet interessieren. Was war bei Myanmar? Und was sind das für Signale an die Menschen in Tibet? Auf der Straße wird weiter gestorben!" Jede Form des Boykotts werde zu nichts führen, denn hinter jedem, der boykottiere, stünden andere bereit, um davon zu profitieren. "Olympia ist ein Milliardengeschäft, das sich keiner durch die Lappen gehen lässt. Den Menschen in Tibet wird damit nicht geholfen. Im Gegenteil: Die chinesische Regierung lässt sich nicht gern schulmeistern. Auch die Bevölkerung nicht. Die Regierung wird daraus gestärkt hervorgehen."

Der Politikwissenschaftler und Autor des Buchs "Globale Rivalen. Chinas heimlicher Aufstieg und die Ohnmacht des Westens" setzt auf einen konstruktiven Dialog mit der chinesischen Führung. "Ein konstruktiver Dialog findet dann statt, wenn auf der Ebene von Delegationen und Ministerien unterschiedliche Themen angesprochen werden. Das ist mühsam, langsam und nicht immer von Erfolg gezeichnet. Zum Beispiel haben die Chinesen weite Teile unseres Bürgerlichen Gesetzbuches übernommen. Aber es gibt weder Staatsanwälte noch Rechtsanwälte.(..) Ein konstruktiver Dialog heißt, Richter und Staatsanwälte nach Deutschland zu holen und zu schulen. Sie nicht zu schulmeistern, sondern zu erklären. Damit reißen sie keine Bäume aus, aber es ist besser, als die Chinesen an den Pranger zu stellen."
Sein Anliegen: Den diffusen Ängste, Vorurteilen und Klischees über China klare Informationen entgegenzusetzen.

"Der Tibetkonflikt und Olympia in China" – Darüber diskutiert Dieter Kassel heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr gemeinsam mit Ulrich Delius und Eberhard Sandschneider. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der kostenlosen Telefonnummer 00800/22542254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.

Weitere Informationen im Internet:
Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik
Gesellschaft für bedrohte Völker

Literaturhinweis:
Eberhard Sandschneider: Globale Rivalen. Chinas heimlicher Aufstieg und die Ohnmacht des Westens, Carl Hanser Verlag, München 2007. 248 Seiten, 19,90 Euro

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