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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 25.11.2012

Der Tatort "ist eigentlich eine Verabredung, ein Ritual"

TV-Kritiker Matthias Dell über den Sonntags-Krimi als Anker in der Fernsehlandschaft

Matthias Dell im Gespräch mit Matthias Hanselmann

Die beiden Schauspieler Jan Josef Liefers, links, und Axel Prahl spielen in der Reihe "Tatort" Kriminalbeamte aus Münster
Die beiden Schauspieler Jan Josef Liefers, links, und Axel Prahl spielen in der Reihe "Tatort" Kriminalbeamte aus Münster (AP-Archiv)

Der Buchautor Matthias Dell ist überzeugt, dass die Marke "Tatort" viel aushalten kann - dazu trage der Vorspann und die Sendezeit bei. Es sei aber auch absurd, dass im "Tatort" mitunter schlechte Filme liefen und diese trotzdem geschaut würden.

Matthias Hanselmann: Bei uns ist Matthias Dell, Kulturredakteur und Kritiker bei der Wochenzeitung "Der Freitag" und Autor des Buches "'Herrlich inkorrekt' – die Thiel-Boerne-Tatorte". Willkommen!

Matthias Dell: Schönen guten Tag!

Hanselmann: Boerne und Thiel, wir haben sie ja eben gehört, im wirklichen Leben Jan Josef Liefers und Axel Prahl, stehen uns heute Abend wieder ins Haus. Fangen wir doch mal mit den beiden an. Was macht die Ermittler aus Münster zu etwas so Besonderem, dass Sie ihnen ein ganzes Buch widmen?

Dell: Eigentlich ein bisschen das Unverständnis, weil ich, wie Sie ja sagten, beim "Freitag" arbeite und da seit drei Jahren jetzt immer 21 Uhr 45 eine Kritik freischalte, über die dann auch diskutiert wird. Und ich konnte da nie so richtig verstehen, wenn ich diese "Tatorte" besprochen habe, was eigentlich der große Reiz sein soll, während viele andere das immer sehr lustig und gut fanden und die Einschaltquoten ja auch die höchsten sind. Und das war eigentlich so ein bisschen die Idee, sich dem zu widmen.

Hanselmann: Und der Titel Ihres Buches ist "Herrlich inkorrekt", ist das was Neues an den beiden?

Dell: Na ja, es ist insofern neu, weil es, glaube ich, eine Reaktion auch ist auf so eine gefühlte Gleichförmigkeit von allen anderen "Tatorten", wo man immer so das Gefühl hat, dass die Moral und die ganze Anlage, wie ich das nennen würde, gesamtsozialdemokratisch ist, also sehr weites Spektrum von Mitte, was da abgedeckt wird. Und da ist dann eben, was ich aber kritisch sehen würde, dieser Entwurf von Inkorrektheit irgendwie scheinbar die einzige Alternative, sich dazu zu verhalten.

Hanselmann: Wohl also die, sagen wir mal schwarz-rote Koalition erreicht der "Tatort" in der Regel jeden Sonntag, und herrlich inkorrekt waren aber auch schon andere auch im "Tatort", zum Beispiel Schimanski, der eigentlich seine eigenen Regeln hatte und fast eine Revolution war damals.

Dell: Das war er bestimmt, aber das Interessante dabei ist, dass der damals nicht so genannt wurde, weil dieser Begriff ist viel jünger, und dieses Muster, was dahintersteckt, dieses Denkmuster, das ich sehr schwierig finde, weil es sehr viel Schimpfen möglich macht und sehr viele Gedankengänge verengt, das gab es damals noch gar nicht. Deswegen wurde der auch nicht als inkorrekt bezeichnet.

Hanselmann: Was macht denn aus Ihrer Sicht den "Tatort" insgesamt so zuverlässig erfolgreich? Beginnen wir mal mit der Sendezeit 20 Uhr 15 am Sonntag.

Dell: Ja, das ist ja eigentlich das Hauptgeheimnis schon. Die Sendezeit, der Sendeplatz, Sonntagabend, und natürlich auch dieser Vorspann, der aus welchen Gründen auch immer absurderweise nie geändert worden ist und natürlich jetzt auch nicht mehr geändert werden wird, würde ich mal behaupten. Til Schweiger hat ja versucht vorzuschlagen, dass man es tun sollte, aber ich glaube, die ARD weiß doch sehr gut, was sie daran hat, und es gibt meines Wissens sonst eigentlich nur James Bond, wo das ähnlich ist.

Hanselmann: Es ist eine Standardverpackung, die seit 42 Jahren immer läuft und die aber auch ein Überraschungspaket ist, weil danach geht es immer mit aktuellen Zeitbezügen weiter.

Dell: Genau, das ist die Mischung, dass man irgendwie halt unter diesem Label alles verkaufen kann, also auch mittelmäßige oder schlechte Filme, und dass man trotzdem überhaupt nicht aus der Mode kommt, weil die Filme selber ja irgendwie immer aktualisiert werden können.

Hanselmann: Sie schreiben in Ihrem Buch, der Tatort ist ein Medium gesellschaftlicher Verständigung, und wenn man es feuilletonistisch-apokalyptisch mag, könnte man sagen, der "Tatort" ist das letzte Medium gesellschaftlicher Verständigung, das das deutschsprachige Fernsehen offeriert. Da haben wir nicht auch noch einige wenige andere, zum Beispiel eine Fußball-WM, eine spannende, oder die verjüngte Form von "Wetten, dass …?", die uns demnächst geschenkt werden soll?

Dell: Die wird uns ja schon geschenkt. Ich weiß gar nicht, ob das so funktioniert, ob es so anschlussfähig ist. Also es scheint zu funktionieren, aber irgendwie ist auch was verloren gegangen, weiß ich nicht, kann man auch nicht sagen wahrscheinlich bei "Wetten, dass …?". Aber tatsächlich außer dem, ich meine, Stefan Raab könnte man zum Beispiel sagen, "Schlag den Raab" ist auch eigentlich etwas, eine Sendung, die unglaublich gut gemacht ist und die man auch unterhaltsam gucken kann, aber offensichtlich gibt es da sehr viele Widerstände von Leuten, die sich davon unterhalten lassen könnten, die aber gar nicht da hinkommen, weil ihnen Stefan Raab irgendwie suspekt ist. Und Fußball-WM, ja, okay, das stimmt schon, allerdings würde ich sagen, dass so ein Fußballspiel noch eine andere Geschichte erzählt als so ein fiktionaler Film wie der "Tatort".

Hanselmann: Auf jeden Fall, aber was macht den "Tatort" zum Medium gesellschaftlicher Verständigung, jenseits von Vorspann und Sendezeit?

Dell: Dass man eben wegen Vorspann und Sendezeit Sonntagabend da sitzt, auch weil es so wunderbar passt, das ist der letzte Moment, wo das Wochenende noch Wochenende ist und wo noch nicht der Chef einem gegenübersitzt, der dann aussieht wie Günther Jauch und einem wieder schlechte Laune macht, weil man an den nächsten Tag denken muss. Das Tolle ist, alle sitzen da, alle gucken zu, alle gucken auch, egal was kommt … Also es ist ja wirklich absurd, dass da ganz schlechte Filme laufen, und trotzdem guckt man die viel eher, als wenn man das ohne "Tatort"-Vorspann gucken würde. Und das ist eigentlich eine Verabredung, ein Ritual, eine Verabredung darauf, dass man sich darüber verständigt, was einen verbindet. Und das sind auch die interessanten Momente an diesem Medium.

Hanselmann: Erstaunlich ist ja, dass der "Tatort" offenbar auch bei der jüngeren Generation, oder den jüngeren Generationen muss man sagen, gut ankommt. Es gibt Menschen, die sonst kaum fernsehen, vielleicht DVDs oder Serien, die sich zu Public-"Tatort"-Viewings verabreden in irgendwelchen Szenekneipen. Wie erklären Sie uns das?

Dell: Das ist die Frage, was man jung meint. Ich glaube, die Grenze ist da 30, die Leute, also da haben wir diese digitale Grenze, während die, die schon praktisch mit Computer und ohne Computer groß geworden sind. Der Vorteil bei denen ist natürlich, dass die auch eine Generation sind, die sehr, sehr anfällig ist für ihre eigenen Sentimentalitäten im Bezug auf frühe Kindheitserfahrungen, die wiederum im Fernsehen stattgefunden haben, weil es das schon gab. Also anders gesagt: Das, was damals früher Florian Illies mit der "Generation Golf" beschrieben hat, die halt "Wetten, dass …?" guckt – so fängt das Buch ja an –, und dann später immer noch "Wetten, dass …?" gucken kann, der geht es beim "Tatort" natürlich noch viel besser, weil sie im Prinzip, die in der Kindheit eingeübte Sehgewohnheit heute gnadenlos weiter fortsetzen kann.

Hanselmann: Aber prophezeien Sie mit der Einschätzung nicht dann doch sozusagen das langsame Absterben des "Tatort"? Weil es wächst ja dann niemand mehr nach, der auf diese Erlebnisse sich beziehen kann.

Dell: Ja, aber ich meine, die können ja neu gemacht werden. Also wenn man heute da mit Eltern dasitzt, die "Tatort" gucken, dann guckt man selber wieder mit. Die Frage ist ja auch, wie Fernsehen in der Zukunft überhaupt aussehen wird. Aber ich würde schon behaupten, dass bei all dem – und deswegen ist der "Tatort" ja auch so populär … Wir haben gerade in diesem Jahr gesehen, wie viele neue Kommissariate da gegründet wurden, weil es eben was ist, was wiedererkennbar ist. Also in dieser ganzen Unübersichtlichkeit auch in diesem zeitversetzten Fernsehen ist der "Tatort" halt einfach ein sehr, sehr starker Anker, und das ist, glaube ich …

Hanselmann: Aber gerade, was Sie eben gesagt haben, die Unübersichtlichkeit der Ermittlerteams, es werden ja immer mehr, es werden ja nicht weniger. Dann gibt’s noch den "Polizeiruf 110" immer mal zwischendurch. Sollte die ARD da nicht eher reduzieren?

Dell: Das ist eine schwierige Frage, aber ich glaube, diese Entwicklung ist ein bisschen älter. Es hat ja vor 15 Jahren eingesetzt, dass die Zahl der "Tatorte" extrem gestiegen ist, dass der "Polizeiruf" auch an eigener Kraft verloren hat, die er anfangs mal hatte, also eine eigene konzeptionelle Idee, und dass jetzt natürlich auf dieser Woge des Erfolgs, die vielleicht so seit sich in den letzten zehn Jahren herausgestellt hat, plötzlich natürlich der Wunsch da ist, das sehr viel das weiterzuspinnen und mit Prominenz auch zu besetzen. Und da ist natürlich eine Gefahr, dass man irgendwann, wenn man 21 Schauplätze hat, plus vier "Polizeirufe", wie soll man da jemanden wiedererkennen – den dritten Assistenten aus Dortmund oder die wechselnde Assistentin aus Luzern. Also da kommt man wahrscheinlich schon an Grenzen, und dann wird vielleicht irgendwann der Punkt erreicht sein, wo man wieder reduzieren müsste.

Hanselmann: Apropos "Polizeiruf": Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler sind im Frühjahr abgesetzt worden, und damit, würde ich sagen, auch ein letztes Stück DDR-Vergangenheit, das auf so einem prominenten Sendeplatz lief. Hat der "Polizeiruf" denn aus Ihrer Sicht überhaupt noch eine Chance, oder wird der "Tatort" ihn sozusagen mittelfristig sich einverleiben?

Dell: Na, ich würde sagen ja, das passiert, und das kann man irgendwie, zumindest wenn man so will, geschichtsphilosophisch erklären, dass nämlich einfach gar keine Notwendigkeit da ist, dass der "Tatort" sich ändern müsste, weil auch die ganze Vereinigung nichts war, was sich an der Bundesrepublik groß geändert hat. Da ist was dazugekommen, und im Fernsehen ist es halt der "Polizeiruf". Und gerade, weil der "Polizeiruf" eben an eigener Ausgestaltung verloren hat – das war ja in den 90er-Jahren durchaus anders, da gab es ja eigene Entwürfe – und heute eigentlich auch gar nicht zu unterscheiden ist vom "Tatort". Das ist ja auch lustig, wenn Leute sagen, sie gucken "Polizeiruf" nicht so gern wie "Tatort", weil die angeblich schlechter seien, was überhaupt nicht stimmt, weil die Drehbücher sind genauso schlecht und gut wie bei den "Tatorten".

Hanselmann: Also beim letzten "Polizeiruf" mit Matthias Brandt habe ich zwischendurch wirklich vergessen, dass ich nicht "Tatort" gucke, zum Beispiel.

Dell: Eben. Und das ist eigentlich dann … Da kann man sehr stark sehen, was das eigentliche Kriterium für gut und schlecht ist, nämlich der bessere Vorspann, die bessere Marke, die größere Tradition. Aber alles andere macht der "Polizeiruf" genauso. Insofern ist es wahrscheinlich nur konsequent, wenn dann irgendwann der "Polizeiruf" ganz im "Tatort" aufgeht.

Hanselmann: Die Marke ist es, also die Uhrzeit, der Vorspann, die thematische Kontinuität mit aktuellen gesellschaftlichen Bezügen. Kann jemand wie Til Schweiger – Sie haben es erwähnt –, der schon mal gleich den Vorspann als irgendwie dämlich und outdated bezeichnet hat, kann so jemand die Marke "Tatort" gefährden?

Dell: Die Marke hält viel aus, das ist wahrscheinlich so ähnlich wie mit der Edition Suhrkamp, die ja auch eine wunderbare Gestaltung hat, die unglaublich viel aushält. Die Frage ist bei Til Schweiger, dass wirklich so ein kritischer Punkt berührt sein könnte, weil ich jetzt behaupten würde, es gab in der Geschichte des "Tatort" noch nie diesen Moment, dass der Darsteller eines Kommissars bei Dienstantritt so prominent war wie Til Schweiger. Und also Götz George und Manfred Krug sind es durch den "Tatort" geworden, aber Til Schweiger ist es eben anders. Und da ist die Frage, wie sich das verträgt, weil eigentlich ist beim "Tatort" natürlich ganz klar, wer der Chef ist: der "Tatort" selbst. Also der "Tatort" ist der Star, und der "Tatort" ist größer als alles andere. Das muss man sehen, wie sich das verträgt.

Hanselmann: Zum Schluss an den Anfang: Heute Abend sind es wieder Boerne, Thiel, Alberich, Nadeschda und all die anderen aus Münster. Viele freuen sich drauf, weil es eben, wie Sie auch schreiben, herrlich unkorrekt zugeht und man sicher wieder schmunzeln und lachen kann. Aber manche sagen auch, das ist ja gar kein richtiger "Tatort" mehr, kein Krimi, eher eine Komödie, in einer "Tatort"-Verpackung. Davon sollte es dann wirklich nicht mehr geben, oder?

Dell: Kann man schauen. Es wird ja für Weimar so was geplant irgendwie, das kann man sicher auch mal machen. Ich glaube auch, dass Münster auf eine gewisse Weise seine Berechtigung hat, würde nur anmerken, dass mir sehr wichtig ist, dass ich das "Herrlich inkorrekt" in Anführungszeichen setzen würde, weil ich nämlich der Meinung bin, dass das ein zumindest diskussionswürdiges Problem ist, wie eben diese merkwürdige Idee von dieser Inkorrektheit, mit der man irgendwie alles andere, was man nicht selbst erst behandeln müsse, wie die da durchgesetzt wird.

Hanselmann: Matthias Dell, Autor des Buches "'Herrlich inkorrekt' – die Thiel-Boerne-Tatorte", soeben bei Bertz + Fischer erschienen. Danke noch mal und viel Spaß heute Abend um 20 Uhr 15 natürlich.

Dell: Bitte sehr.

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