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Profil / Archiv | Beitrag vom 29.11.2012

Der Tanz als große Liebe

Die Schauspielerin Aylin Tezel im Porträt

Von Christian Geuenich

Aylin Tezel spielt in "Am Himmel der Tag" die Hauptrolle. (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)
Aylin Tezel spielt in "Am Himmel der Tag" die Hauptrolle. (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)

"Am Himmel der Tag" ist der Diplom-Film der Regisseurin Pola Beck. In der Hauptrolle ist die 29-jährige Schauspielerin Aylin Tezel zu sehen - gedreht in einer Zeit, als man sie noch nicht als Kriminaloberkommissarin Nora Dalay aus dem Dortmunder Tatort kannte.

Die 1,66 Meter große zierliche Schauspielerin mit den Rehaugen und den langen braunen Haaren war zwar schon in der äußerst erfolgreichen Multikulti-Familienkomödie "Almanya" und als "Aschenputtel" im Weihnachtsmärchen zu sehen, die Rolle der Kriminaloberkommissarin Nora Dalay im neuen Dortmunder Tatort hat die 29-Jährige aber schlagartig bekannt gemacht.

Tezel: "Die Nora Dalay ist auf jeden Fall sehr ehrgeizig, die stellt ihre Karriere an die erste Stelle im Leben. Na ja, ehrgeizig bin ich natürlich auch, klar, wenn du in so einen Beruf gehst, ein gewisser Ehrgeiz muss da natürlich da sein."

Weitere Parallelen zur Rolle?

Tezel: "Dass sie wie ich ein türkisches und ein deutsches Elternteil hat, dass sie wie ich kein türkisch spricht."

Die in Bielefeld aufgewachsene Tochter eines türkischen Frauenarztes und einer deutschen Kinderkrankenschwester sollte als Kind - wie auch ihre ältere Schwester und ihr jüngerer Bruder - zuerst richtig Deutsch und erst danach Türkisch lernen.

Tezel: "Ja, das hat dann irgendwie nicht so geklappt."

Dann erzählt die Schauspielerin mit der Ballettfigur, wie sie mit sechs Jahren in ihrer Heimat Bielefeld mit dem Tanzen angefangen hat, sich als Kind mit großer Fantasie vorgestellt hat, jemand anderes zu sein und dieses Spiel auch als Erwachsene nie aufgehört hat.

Tezel: "Das ging so mit 12, 13 los, dass ich plötzlich angefangen habe, diese ganzen Theaterstücke in den Reclam-Heftchen zu verschlingen. Und dann gab es so eine Begebenheit, da war ich 15, und wir haben mit der Tanzgruppe, in der ich mein halbes Leben war, mit der hatten wir einen Auftritt im Theater Bielefeld für ein Musical - "Black Rider" von Tom Waits.

Und da hatte ich ja dann so direkten Kontakt mit den Schauspielern da am Theater, und das fand ich alles wahnsinnig spannend und aufregend. Und da war es dann plötzlich ganz klar."

Ihr Tanzlehrer und künstlerischer Mentor empfiehlt ihr eine private Schauspiellehrerin, und von da an verfolgt Aylin Tezel äußerst konsequent ihren Berufswunsch. Nach Einser-Abitur wird sie an der renommierten Berliner Ernst-Busch-Schauspielschule aufgenommen, und alles scheint perfekt.

Doch irgendwie ist ihr die Ausbildung zu theaterlastig. Eigentlich möchte sie Filme drehen, liebt das kleine, feine, möglichst authentische Spiel der reduzierten Gesten vor der Kamera. Nach zwei Jahren steht ihr Entschluss unwiderruflich fest.

Tezel: "Ich habe mir einfach gesagt, das ist meine Lebenszeit, und ich möchte den Weg gehen, wo ich hundertprozentig dahinter stehe, und für mich gehörte dazu, dass ich in dem Moment die Schule verlassen habe."

Anfangs wird sie hauptsächlich als türkisches Mädchen besetzt, inzwischen ist sie immer häufiger in Rollen ohne Migrationhintergrund zu sehen.

Im berührenden Kino-Drama "Am Himmel der Tag" spielt sie die ziellose Architekturstudentin Lara, die von einer Disco-Bekanntschaft schwanger wird.

Ausschnitt "Am Himmel der Tag":
Lara: "Glaubst du wirklich, dass ich das schaffen könnte?"
Freundin: "Klar, du wärst bestimmt ‘ne tolle Mutter."
Lara: "Aber ich bin doch selbst noch ein Kind."

Lara entscheidet sich für das Kind, nimmt ihr Leben endlich in die Hand, übernimmt Verantwortung. Auch als im sechsten Monat plötzlich keine Herztöne mehr zu hören sind, möchte sie das Kind behalten.

Wie Aylin Tezel die Entwicklung dieser Lara von gelangweiltem Desinteresse und sorgloser Ausgelassenheit bis zur freudigen Erwartung auf das Kind spielt, ist erstaunlich, ihre Verzweiflung und tiefe Trauer nach dessen Tod gehen unter die Haut. Zur Vorbereitung auf diese schwierige Rolle hat Aylin Tezel ein junges Paar getroffen, dessen Kind im Mutterleib gestorben ist.

Tezel: "Die junge Mutter, die ihr Kind verloren hat, hat mir erzählt, dass es so schrecklich war für sie in der Zeit danach, wenn sie Kinderstimmen gehört hat oder wenn nebenan ein Baby geschrien hat, und das hat sich mir total eingebrannt. Und die Tage vor dem Drehstart ging es mir plötzlich wirklich so, dass ich so ganz unangenehm berührt darauf reagiert habe, wenn ich an Kindern vorbeigekommen bin."

Es war keine Rolle, die sie so einfach abstreifen konnte.

Tezel: "Dass ich wirklich nach diesen Drehtagen zu Hause saß und dieser Schmerz halt nicht wegging und ich mir so überlegt habe, wie mach ich das denn jetzt?

Soll ich jetzt versuchen, abzuschalten oder soll ich versuchen, mich noch damit zu beschäftigen, damit das weniger wird? Es hat mich schon echt richtig mitgenommen."

Für die Freiheit, auch weiterhin unbezahlte Herzensprojekte wie dieses machen zu können, begnügt sich die Schauspielerin mit einer Einzimmerwohnung mit geringer Miete in Berlin. Notfalls könnte sie immer noch im Bielefelder Tanzstudio arbeiten, wo sie eine Ausbildung zur Tanzpädagogin gemacht hat und weiterhin so oft wie möglich tanzt. Sie braucht die Fitness, die Flexibilität des Körpers gibt ihr eine innere Kraft.

Der Tanz ist neben der Schauspielerei ihre große Liebe. Ihr Traum wäre ein Filmgenre, das Tanz und Schauspiel als künstlerische Erzählform gleichberechtigt behandelt. Im letzten Jahr hat sie einen solchen Kurzfilm inszeniert, die Hauptrolle gespielt und getanzt. Denn für Aylin Tezel gehören Körper, Geist und Seele, Gestik, Mimik und Gefühle ohnehin zusammen.

Tezel: "Weil schon in dem Moment, wo ich für eine bestimmte Rolle eine ganze andere Körperlichkeit annehmen würde, hat das schon was von Tanz für mich. Und in dem Moment, wo ich zwar ohne meine Sprache zu benutzen, aber die Sprache meines Körpers benutze, etwas tänzerisch ausdrücke, ist das für mich eigentlich Schauspiel.

Und deswegen habe ich da gar nicht so diese Grenze. Und im Enddefekt kommen wir zurück zu der großen Lust, Geschichten erzählen zu wollen und selber ein Teil dieser Geschichte sein zu wollen."

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