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Kulturpresseschau

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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.02.2013

Der Stummfilm als Performance

Aufführung des koreanischen Films "Crossroads of Youth" während der Berlinale

Von Bernd Sobolla

Ein besonderes Erlebnis auf der Berlinale bot die Aufführung des koreanischen Stummfilms "Crossroads of Youth".
Ein besonderes Erlebnis auf der Berlinale bot die Aufführung des koreanischen Stummfilms "Crossroads of Youth". (Deutschlandradio / Thomas Otto)

Der älteste koreanische Stummfilm, "Crossroads of Youth", wird auf der Berlinale so dargeboten, wie Stummfilme in Korea traditionell aufgeführt werden: Zum Film agieren Schauspieler in kleinen Zwischenszenen und ein Ensemble spielt Livemusik - ein Erzähler kommentiert live das Geschehen.

Noch bevor die ersten Bilder auf der Leinwand zu sehen sind, beginnt das vierköpfige Kammerorchester – Akkordeon, Kontrabass, Geige und Klavier – zu spielen und eine etwa 30-jährige Sängerin betritt in einem glitzernden, historischen Gewand die Bühne. So wie es einst in Korea üblich war.

Oben auf der Bühne, seitlich neben der Leinwand, hat sich Cho Heebong an einen kleinen Tisch mit Mikrophon gesetzt. Er ist der Erzähler des Films, der pyeonsa, wie es in Korea heißt. Film und Musiker, Sänger und Erzähler – die "Stummfilmaufführung" erinnert eher an ein Gesamtkunstwerk. So wie einst.

Cho Heebong: "Ja, das war in der Tat so. Man hat vor der Filmaufführung eine Performance gemacht. Und man hat auch währenddessen Einlagen gehabt und ebenso danach. Das waren z.B. auch die Schauspieler des Filmes, die dann mitten auf der Bühne aufgetreten sind und dabei gesungen haben. Oder es gab Zaubereinlagen oder Hypnoseeinlagen. So dass das Publikum erheitert und unterhalten wurde."

Dann tauchen die ersten Bilder auf der Leinwand auf. Sie zeigen die Einfahrt eines Dampfzuges in den Bahnhof von Seoul und erinnern ein wenig an Walter Ruttmans "Berlin: Sinfonie der Großstadt". Aber "Crossroads of Youth" ist kein Dokumentarfilm, sondern ein Melodram. Und sofort beginnt Cho Heebong, die Geschichte zu erzählen. Wobei er nicht hier und da die Bilder inhaltlich ergänzt, wie wir es von europäischen Stummfilmen durch Schrifttafeln gewohnt sind. Cho Heebong erzählt fast ununterbrochen.

Und doch ist Cho Heebong viel mehr als ein Erzähler: Er ist Schauspieler und Geräuschemacher, Clown und Stimmenimitator. Wenn auf der Leinwand eine Zigarette angesteckt wird, inhaliert er, er lacht verschmitzt bei Witzen oder schreit laut, wenn Gefahr droht.

Und er leidet! Er leidet mit seinem Protagonisten Yong-bok. Der aufrechte, aber arme Landjunge geht nach Seoul, um dort zu arbeiten, Geld zu verdienen, kurz sein Glück zu suchen. Als er aber Kye-soon kennenlernt und sich in sie verliebt, hat er noch immer kein Geld. Und der reiche Widerling Kye-chul macht seine Pläne zunichte. Schlimmer noch: Der Schurke macht sich auch noch an Young-boks Schwester heran, die ihrem Bruder nachgereist ist. Das ist zu viel für Young-bok. Er muss Kye-chul besiegen. Hier setzen wieder die Sänger ein.

Die japanische Besatzung, der Bürgerkrieg und die Teilung des Landes haben das filmgeschichtliche Andenken weitgehend vernichtet. Aber geblieben ist die Erinnerung an die Kunst der Stummfilminszenierung. Und mit dem Bewusstsein, dieses Erbe zu bewahren, hat Regisseur Kim Tae-yong die Performance neu entwickelt. Und der Erzähler Cho Heebong haucht ihr das entscheidende Leben ein, und schenkt der Berlinale einen ihrer wunderbarsten Momente.

"Ich möchte das so darstellen: Es ist zwar schwierig, eine Kohle anzuzünden. Aber wenn die Kohle erst einmal brennt, dann brennt sie länger und heißer. Und ich denke, wenn man alte Geschichten neu erzählt, dann kann man den Menschen neue Phantasien geben und auch mehr an Eindrücken hinterlassen."