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Religionen / Archiv | Beitrag vom 28.07.2012

Der spirituelle Wanderer

Christoph Bochinger: Menschen suchen sich eigene Wege zur Religion

Christoph Bochinger im Gesprächs mit Thorsten Jabs

Tausende kamen zum Evangelische Kirchentag (DEKT) 2011. Im Alltag suchen sich Menschen aber immer häufiger spirituelle Erlebnisse außerhalb der Kirche.
Tausende kamen zum Evangelische Kirchentag (DEKT) 2011. Im Alltag suchen sich Menschen aber immer häufiger spirituelle Erlebnisse außerhalb der Kirche. (AP)

Kirchen sind für viele Mensche bei ihrer Sinnsuche nicht mehr aktuell, sagt der Religionswissenschaftler Christoph Bochinger. "Die Zeit, wo die Leute einfach zu einem bestimmten Angebot gehen, zu einem religiösen Angebot, die ist endgültig vorbei."

Thorsten Jabs Bevor wir uns gleich ausführlich mit Beispielen für Sinnsuche und Spiritualität beschäftigen, wollen wir zunächst einmal darüber reden, warum sich viele Menschen von den sogenannten klassischen Religionen abwenden. Das Magazin "Der Spiegel" hatte in dieser Woche über den Boom von Messen berichtet, auf denen es um den Sinn des Lebens geht. Sphärische Musik, Ernährungstipps, Wellness - all das finden wir auf der "Lebensfreude-Messe", der "Spirit und Life" oder der "Eso-Natura". Aber Halt wird auch in Glaubens- und Religionsgemeinschaften abseits des Christentums gesucht. Darüber spreche ich jetzt mit Christoph Bochinger, als Professor für Religionswissenschaften beschäftigt er sich an der Universität Bayreuth vor allem mit religiöser Gegenwartskultur. Außerdem ist er Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaften. Guten Tag, Herr Bochinger!

Christoph Bochinger: Guten Tag!

Thorsten Jabs Herr Bochinger, sind Sie ein religiöser, ein gläubiger und beziehungsweise oder ein spiritueller Mensch?

Bochinger: Ich bin ein Wissenschaftler, der unabhängig davon ist, ob er nun selber religiös ist oder nicht. Das ist mir sehr wichtig.

Thorsten Jabs Wie erklären Sie denn als Wissenschaftler die Unterschiede zwischen Religion, Glaube, Spiritualität und vielleicht Mystik und Esoterik, in einfachen Worten?

Bochinger: Also, ich denke, es gibt in der heutigen Gesellschaft eine große Unterscheidung zwischen zwei verschiedenen möglichen Positionen. Die eine ist, dass man im Kontakt ist zu einem bestimmten, wir nennen das religiöses Symbolsystem, also zu einer bestimmten Religion, in der es Traditionen gibt, an die man sich hält, zu deren Mitgliedern man irgendwie Bezug hat und so weiter. Und das andere ist, dass man sich individuell auf eine ganz bestimmte Religion, religiöse Tradition bezieht und da selber zusammenstellt, was man für wichtig hält und was nicht. Das eine nennen wir Religiosität und das andere nennen wir Spiritualität.

Thorsten Jabs Ist diese Suche nach Spiritualität abseits von Religion vielleicht etwas Neues?

Bochinger: Also in gewisser Weise hat es das schon immer gegeben. Es gab schon immer einzelne Menschen, die sich für bestimmte religiöse Inhalte interessiert haben und die sehr großen Wert darauf legten, dass das ihre eigene Begründung ist. Also, dafür gibt es schöne Beispiele aus der Reformationszeit von Spiritualisten wie Sebastian Franke, aber auch schon aus dem Mittelalter, aus der Zeit der Spätantike und der Antike. Also das ist als solches nichts Neues, aber was neu ist in meinen Augen, das gibt es erst im 19. und 20. Jahrhundert, also in der Moderne, dass Menschen in einer größeren Gruppe sich individuell mit religiösen Inhalten beschäftigen und nicht einfach das übernehmen, was ihnen von der Kanzel herunter gepredigt wird, um das so mal salopp zu sagen. Also diese Eigenheit, dass man sich selber mit den religiösen Inhalten beschäftigt, das ist meines Erachtens zumindest in der größeren Zahl etwas typisch Modernes.

Thorsten Jabs Zwei ihrer Forschungsprojekte, über die wir jetzt einmal sprechen wollen, sind in diesem Zusammenhang von großem Interesse. Das erste hatte den Titel "Die unsichtbare Religion in der sichtbaren Religion. Spirituelle Orientierung evangelischer und katholischer Christen". In Ihrer Region, in Bayern, haben Sie dabei untersucht, was Menschen glauben oder wie sie ihren Glauben ausleben. Was waren für Sie die wichtigsten Erkenntnisse?

Bochinger: Also zunächst mal, wir haben uns ganz bewusst eine Region rausgesucht, nämlich die, wo ich hier arbeite, in der Umgebung von Bayreuth. Das ist eine Region, wo die Leute ganz überwiegend entweder evangelisch oder katholisch sind, also Kirchenmitglieder sind. Es gibt einige Muslime, es gibt Juden, es gibt einige Angehörige anderer Religionen, aber ganz überwiegend, mit einem sehr hohen Prozentsatz sind die Leute christliche Kirchenmitglieder. Und trotzdem findet man bei uns, in dieser Region, alles, was man in großen Städten, wie zum Beispiel in Berlin oder Hamburg oder vielleicht München auch, findet an religiösen Orientierungen. Das heißt, die Leute interessieren sich sehr wohl für solche Dinge, auch wenn sie gleichzeitig traditioneller sicherlich sind als vielleicht in Großstädten, wo man vor sich herträgt, dass man irgendwie unabhängig religiös ist. Und dann sind wir den Dingen nachgegangen, und da haben wir herausgefunden, dass die Leute sich mit einer sehr großen Bandbreite von religiösen Vorstellungen, Praktiken beschäftigen, und dass sie ein ganz neues Kriterium der Identifikation entwickeln. Es ist nämlich wichtig für sie, wenn es für sie selber, in ihrem eigenen Lebenskontext, eine gewisse Rolle spielt. Wenn sie also sagen können: Es tut mir in meinem Leben gut. Und sie legen überhaupt keinen Wert darauf, dass zum Beispiel ein Pfarrer von der Kanzel herunter sagt, das ist gut für dich, das musst du machen, jenes darfst du nicht machen und so weiter. Also, sie lösen sich völlig von diesen traditionellen religiösen Zuschreibungen, was gut ist, was nicht gut ist, was richtig ist, was falsch ist und so weiter.

Thorsten Jabs In Ihrer Forschung fällt der Begriff des spirituellen Wanderers. Was bedeutet das genau?

Bochinger: Also für uns ist ein spiritueller Wanderer ein Mensch, der sehr locker mit religiösen Traditionen umgeht. Er verhält sich ungefähr so wie ein Spaziergänger, der am Sonntag ins Land hinaus geht und sich inspirieren lässt von dem, was da gerade präsent ist. Zum Beispiel, wenn ich Blumen pflücken will, gehe ich nicht und sage, ich möchte jetzt eine Margerite pflücken, sondern ich lasse mich inspirieren von dem, was im Land, in der Gegend gerade wächst. Und einen Sonntag gehe ich und pflücke einen Blumenstrauß und bin überzeugt, das ist er. Und am nächsten Sonntag pflücke ich vielleicht einen anderen Blumenstrauß und bin überzeugt, das ist er. Das heißt, dass man sich inspirieren lässt von der Vielfalt, die da ist. Heutzutage in einem Internet, in irgendwelchen Buchhandlungen. Aber dass man nicht einem ganz bestimmten Weg folgt, weil man zum Beispiel protestantisch oder katholisch christlich ist. Und man fühlt sich nicht einmal als Sucher, sondern man fühlt sich eher als Finder, als etwas, der zusammenzieht, was jetzt für sein persönliches Leben im Moment wichtig ist.

Thorsten Jabs Sie sind auch Präsident eines nationalen Forschungsprogramms in der Schweiz. Es heißt "Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft". Welche Ergebnisse haben Sie da besonders überrascht?

Bochinger: Also dieses nationale Forschungsprogramm in der Schweiz war ein sehr großes Programm. Leider haben wir in Deutschland noch nie so etwas gehabt. Es wäre sehr wichtig, auch hierzulande mal so etwas zu machen. Aber ich denke, wir können viele der Ergebnisse aus der Schweiz auch auf den deutschen Kontext übertragen. Und besonders überrascht haben mich da mehrere Dinge. Das eine ist, dass man sehr deutlich feststellen kann, dass es eine zwiespältige Entwicklung der Religionen in der Schweiz gibt. Und ich bin ganz überzeugt, dass es ganz genauso auch in Deutschland ist. Das eine ist, die Leute werden im quantitativen Durchschnitt der Bevölkerung immer weniger religiös. Religion bedeutet ihnen in ihrem Leben immer weniger. Das heißt nicht, dass sie überzeugte Atheisten sind, sondern ganz überwiegend sind sie religionsdistanziert, das heißt, sie glauben nicht an nichts, wie man schön sagen kann. Sie glauben an bestimmte Dinge, aber es spielt in ihrem Leben immer weniger eine Rolle.

Thorsten Jabs Woran liegt das, meinen Sie?

Bochinger: Das liegt an der Modernisierung der Gesellschaft. Also, stellen Sie sich eine Magd oder einen Knecht vor hundert Jahren vor auf einem Bauernhof irgendwo in Österreich, in der Schweiz, in Deutschland - der musste religiös sein, weil man auf dem Bauernhof gemeinsam gebetet hat, weil man gemeinsam zum Gottesdienst ging, und weil man gedacht hat, wenn da einer nicht mitkommt, dann ist es kein Wunder, wenn der Blitz einschlägt oder wenn sonst irgendwelche Katastrophen passieren, weil die Beteiligten nicht genügend religiös gewesen sind. Das ist heute grundsätzlich anders. Heute verliert kaum mehr ein Mensch seinen Job, wenn er nicht religiös ist, wenn er sich von religiösen Positionen distanziert. Ob er nun katholisch, evangelisch ist oder gar nicht konfessionell irgendwie orientiert ist. Und das führt dazu, dass die Leute selbstständig über Religion nachdenken. Das führt bei manchen Leuten dazu, dass sie viel religiöser sind als der Durchschnitt der Bevölkerung früher gewesen ist. Es gibt also nicht eine generelle Säkularisierung. So manche Menschen werden auch religiöser als früher. Aber der Durchschnitt der Bevölkerung, das muss man sicher sagen, hat immer weniger Interesse an der Religion, an religiösen Fragen und wundert sich umso mehr, warum Minderheiten in der deutschen Gesellschaft oder beziehungsweise in der Schweizer Gesellschaft, wo wir das untersucht haben, warum es noch religiöse Menschen in der heutigen Gesellschaft gibt.

Thorsten Jabs Glauben Sie deswegen, dass zum Beispiel so ein spiritueller Wanderer, wie sie ihn beschrieben haben, vielleicht gläubiger oder religiöser sein kann als jemand, der vielleicht in der Kirche überhaupt ist?

Bochinger: Das bin ich überzeugt. Wir haben sehr viele Leute interviewt, die sogar selber sehr kirchlich sind, aber zum Beispiel hat uns ein Mitglied eines Kirchenvorstands in Bayern persönlich gesagt, sie geht zwar jeden Sonntag in die Kirche, aber das eigentliche spirituelle Erlebnis im Jahr, das erlebt sie im Urlaub, wenn sie irgendwo auf der Insel Sylt am Sonnenuntergang an einer ganz bestimmten Stelle am Strand steht und da plötzlich merkt, dass Himmel und Erde zusammengehören, das das alles eines ist oder so etwas. Solche Aussagen finden sich mannigfach und immer häufiger. Und deswegen bedeutet das, dass auch, wenn jemand nicht Kirchenvorstand ist, wenn er vielleicht gar nicht zur Kirche geht, oder nur an Weihnachten oder nur dreimal im Jahr, wenn er ein Bedürfnis danach hat, dass er trotzdem sehr, sehr religiös sein kann auf seine eigene Weise.

Thorsten Jabs Glauben Sie trotzdem, dass vielleicht die christlichen Kirchen Menschen wieder für ihre Religion, ihren Glauben begeistern können? Oder, dass diese Zeit auch einfach ein wenig vorbei ist?

Bochinger: Also ich denke, die Zeit, wo die Leute einfach zu einem bestimmten Angebot gehen, zu einem religiösen Angebot, die ist endgültig vorbei. Also Ähnliches kann man ja auch in anderen Feldern der Gesellschaft beobachten: Die Gewerkschaften verlieren genauso Mitglieder wie die großen Parteien. Also man geht nicht einfach irgendwo hin und sagt, also, ich bin ein Arbeitnehmer und deswegen gehe ich zur SPD. Oder ich bin christlich und deswegen gehe ich zur CDU. Das macht man heute nicht mehr. Sondern man sucht sich selber seine Position und seinen betreffenden Weg. Und das gilt auch für die Religion. Ich glaube daher nicht, dass die großen Kirchen wirklich Erfolg damit haben können, wenn sie nun versuchen, abtrünnige Leute wieder zurückzugewinnen mit neuen Gottesdienstformen oder mit irgendwelchen anderen Überlegungen, die sie da machen. Sondern die Zeit hat sich grundsätzlich geändert. Man muss respektieren, dass die Leute ihren eigenen Weg suchen. Und deswegen sind entsprechend auch die Kirchen, auch andere große Religionsgemeinschaftsvertreter Player in einem multiplen, multireligiösen Setting. Sie sind nicht mehr die Monopolisten, die nur zum Beispiel eine neue Gottesdienstform entwickeln müssen, damit die Männer mehr in den Gottesdienst kommen als bisher. So was ist überholt, das gibt es heute sicher nicht mehr.

Thorsten Jabs Also sind wir gespannt, wie die Gesamtentwicklung weitergeht. Herr Bochinger, vielen Dank für das Gespräch!

Bochinger: Ja, bitte!

Thorsten Jabs Einschätzungen von Christoph Bochinger, Professor für Religionswissenschaften an der Universität Bayreuth, über die Suche nach Spiritualität.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.