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Thema / Archiv | Beitrag vom 19.10.2011

Der Sound von Tschernobyl

Der Klangkünstler Peter Cusack über seine akustischen Katastrophencollagen

Moderation: Britta Bürger

Blick auf die von einem Sarkophag umhüllte Reaktoranlage in Tschernobyl (AP)
Blick auf die von einem Sarkophag umhüllte Reaktoranlage in Tschernobyl (AP)

Wie klingen die Ruinen eines Atomkraftwerks, kaspische Ölfelder oder der Schiffsverkehr auf der Themse? Der Künstler Peter Cusack sammelt Töne und Geräusche an ungewöhnlichen Orten. Im Interview spricht er über "Ohrenmenschen" und "akustischen Journalismus".

Britta Bürger: Peter Cusack ist einer der berühmtesten Klangkünstler unserer Zeit. Seit Jahren reist der Anfang 60-Jährige quer durch Osteuropa bis nach China, um vor Ort die jeweils spezifischen Klänge, Töne und Geräusche aufzunehmen, die er anschließend künstlerisch verdichtet. Besonders interessiert er sich für Orte, die von extremen Umweltkatastrophen belastet sind, zum Beispiel die ausgebeuteten Ölfelder Aserbaidschans oder das verstrahlte Tschernobyl. Über sein Projekt "Sounds From Dangerous Places" konnte ich gestern mit Peter Cusack sprechen, der gerade für ein Jahr in Berlin lebt, als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Zunächst hat mich interessiert, was Peter Cusack unter sonic journalism versteht, unter akustischem Journalismus.

Peter Cusack: Ich verwende diesen Ausdruck, um einige der Projekte, mit denen ich mich befasse, zu beschreiben. Mich interessieren alle möglichen Klänge, Geräusche, Sprache, Musik und auch einfach Umgebungsgeräusche. Ich bin der Meinung, wenn wir genau auf das lauschen, was in unserer Umgebung vor sich geht, dann bekommen wir dadurch Einsichten und Erkenntnisse, die ganz anders geartet sind als das, was uns die Augen oder die Sprache vermelden.

Bürger: Können Sie das am Beispiel Ihrer Reise nach Tschernobyl beschreiben? Was haben Sie dort einzig und allein über das Ohr erfahren?

Cusack: Das erste Geräusch, das ich dort in Tschernobyl aufnahm, war das Knistern des Stroms in den Strommasten. Das hat mich überrascht, denn ich hatte erwartet, dass alle Generatoren abgeschaltet wären. Das war mir gesagt worden. Später hat mir dann der Fremdenführer erklärt, dass hier noch sehr viel Strom fließt, weil eben noch Menschen dort auf dem Gelände tätig sind, tausende von Menschen sind dort noch mit ihren Arbeiten beschäftigt und sie brauchen Strom. Der Strom fließt also in Tschernobyl in die falsche Richtung, nach Tschernobyl hinein und nicht aus Tschernobyl hinaus. Es ist sozusagen der falsche Weg der Energie, die dadurch abgesogen wird von der Umgebung, wo sie benötigt wird. Das war für mich eine Überraschung, es war für mich ein Hinweis darauf, was mir die Ohren gesagt haben.

Bürger: Knisternde Stromleitungen im verstrahlten Tschernobyl, aufgenommen von dem britischen Klangkünstler Peter Cusack. Sind das jetzt Geräusche, die Sie tatsächlich mit bloßem Ohr gehört haben oder nur mit hochsensiblen Mikrofonen?

Cusack: Nein, das sind Geräusche, die jede und jeder mit den eigenen Ohren ohne Mühe hören kann.

Bürger: Heißt das, Sie versuchen in Ihren Installationen vor allen Dingen auch spürbar zu machen, welche Gefahr von diesen Orten ausgeht?

Cusack: Eine Hauptabsicht war es hier, die Komplexität einer solchen Umgebung zu durchschauen und sie zu erkennen. Die meisten Berichte, die wir im Westen über Tschernobyl bekommen, beschränken sich ja auf die Radioaktivität und auf die Evakuierung dieser einen ukrainischen Stadt Prypjat. Aber eine sehr viel größere Gegend ist in Wahrheit betroffen. Radioaktivität hat ein sehr viel weiteres Gebiet befallen, es ist ein hochkomplexes Problem, das noch über Hunderte von Jahren erhalten bleiben wird. Ich wollte also mein Problem klären, nämlich diese vielfache Schichtung eines solchen Umweltproblems wie dessen in Tschernobyl.

Bürger: Sie waren an sehr verschiedenen Orten der Welt, neben Tschernobyl haben Sie im Gebiet der kaspischen Ölfelder Tonaufnahmen gemacht und haben auch dem Schiffsverkehr in der Mündung der Themse gelauscht, und Sie verstehen diesen akustischen Journalismus als ein Äquivalent zum Fotojournalismus. Erklären sich diese Klanginstallationen aber tatsächlich von selbst oder müssen Sie dem Zuhörer dazu doch noch mehr Informationen liefern, in Texten oder auch Bildern?

Cusack: In Zeitungen oder Zeitschriften bekommen Bilder ja auch Unterschriften oder Titel, das heißt, eine gewisse Erklärung ist auch ihnen beigefügt. Mich interessiert an diesen verschiedenen Orten das Zusammenwirken von Sprache, Klang und Bildern. Ich glaube, dass jedes dieser Medien ganz unterschiedliche Botschaften bringt, dass aber jedes Medium für sich allein genommen unvollständig ist. Mich interessiert also tatsächlich das Zusammenspiel von Sprache, Bild, Klang. Ohne einander wären sie unvollständig, und ich glaube, erst im Zusammenwirken ergeben sie dann einen vollständigen Begriff.

Bürger: Die Aufnahmetechniken, die haben sich in den Jahrzehnten, in denen Sie unterwegs sind, sehr verändert. Haben Sie das alles mitgemacht, vom Tonband über den Kassettenrekorder bis hin zu digitalen Aufnahmegeräten? Was gehört heute zu Ihrer Reiseausstattung?

Cusack: Ich bin an Technik hochinteressiert und ich versuche immer, diejenige Technik zu verwenden, die am meisten vorne dran ist und die ich mir eben noch leisten kann.

Bürger: Und was ist das jetzt zurzeit?

Cusack: Wollen Sie jetzt den Markennamen von mir hören? Ich verwende jetzt einen sehr fein gebauten digitalen Rekorder. Manchmal verwende ich auch binaurale Mikrofone, also kleine, ins Ohr gesteckte Mikrofone. Dort wird man gar nicht als Aufnehmender wahrgenommen, da muss man aber auch manchmal aufpassen, um nicht Verdacht bei der Polizei zu erregen.

Bürger: Der britische Klangkünstler Peter Cusack sammelt akustisches Material an gefährlichen Orten der Welt, Stoff für unser Gespräch hier im Deutschlandradio Kultur. Wann haben Sie eigentlich gemerkt, Herr Cusack, dass Ihr Hörsinn intensiver ausgeprägt ist als andere Sinne?

Cusack: Ich glaube, meine anderen Sinne sind schon auch ganz in Ordnung, aber ich bin wirklich ein Ohrenmensch, das hat sich auch schon sehr früh gezeigt, in meiner frühen Kindheit. Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich beim Spazierenfahren im Kinderwagen auf die Vögel gelauscht habe und draufgewiesen habe, wenn sie über uns hinweghuschten.

Bürger: Waren die Vogelstimmen also auch tatsächlich der Ausgangspunkt für Ihre akustischen Feldforschungen, die sogenannten field recordings, in denen Sie draußen Tonmaterial gesammelt haben?

Cusack: Ja, so ist es. Bei meinen ersten Feldaufnahmen habe ich mich als Naturforscher betätigt. Ich habe die Klänge der Natur aufgenommen, aber sofort merkte ich, dass da jede Menge andere Geräusche auch mitkamen, und ich war sofort interessiert an allem, was irgendwie hörbar war. Etwas vom Interessantesten, was ich klanglich in Tschernobyl zum Beispiel gesehen habe, waren die Töne der wilden Tiere, denn es ist ja bekannt, dass in dieser Evakuierungszone eine Art Schutzzone, ein Paradies für das wilde Leben der Tiere entstanden ist. Ich war also besonders darauf erpicht, dann zum Beispiel den vielstimmigen Vogelgesang in der Morgendämmerung aufzunehmen und damit auch zu zeigen, wie artenreich die Tierwelt dort geworden ist. Das gehört auch zu Tschernobyl, das gehört auch zu dieser Vielschichtigkeit des Ortes, der über die Ohren erfassbar wird.

Bürger: Erreichen die Klänge eigentlich stärker unsere Gefühlsebene, unser Unbewusstes?

Cusack: Nun, der Hörsinn verschafft uns eine Räumlichkeit, er gibt uns die Stimmungen wieder, er zeigt uns eigentlich, dass wir in einer Umgebung sind, denn die Ohren lauschen ja über 360 Grad hinweg, während die Augen nur nach vorne gerichtet sind. Die Ohren sind nie verschlossen, sie hören 24 Stunden am Tag, auch dann, wenn wir schlafen. Uns umgibt also Geräusch und Klang ein ganzes Leben lang ohne Unterbrechung, und ich glaube in der Tat, über die Ohren sind wir stärker und mehr ins Innere gerichtet mit der Außenwelt verbunden als mit den anderen Sinnen.

Bürger: Aus stundenlangen Tonaufnahmen verdichten Sie das Material dann zu Soundcollagen und Klanginstallationen, zum Beispiel haben Sie in einem Projekt die Lieblingsgeräusche von Londoner Bewohnern gesammelt. Wie entsteht daraus jetzt aber eine Komposition, wie gehen Sie da vor?

Cusack: Ich hatte Auskünfte von über 1000 Londonern bekommen, was ihre Lieblingsklänge seien. Ich habe daraufhin einige hundert von ihnen aufgenommen. Aber Ihre Frage ist interessant: Was macht man jetzt mit dem gesammelten Material eigentlich? Meine Lösung ist, dass ich Unterschiedliches anbiete. Ich fertige zum Beispiel CDs an und die heißen dann etwa "Dein Lieblingsklang in London" mit 40 Tracks, oder "Dein Lieblingsklang in Peking", auch das ist verfügbar.

Ich habe auf meiner Internetseite mithilfe von Google Maps eine ganze Klangteppichlandschaft ausgebreitet mit blauen und violetten Punkten, auf die man klicken kann und woraufhin man dann Aufnahmen von dem jeweiligen Ort hört. Es gibt Hunderte von Menschen, die so etwas machen, vor allem hier in Berlin und auch an anderen Orten. Daneben halte ich Vorträge, ich unterrichte, ich mache Installationen, die aus Klang, Foto und Text bestehen, ich habe beim Radiosender Resonance FM in London eine akustische Collage mit über einer Million Klängen angeboten, und das kostete mich mehr als 50 Sendungen, ehe ich das Projekt vollenden konnte. Daneben mache ich noch einiges andere, aber das habe ich jetzt wahrscheinlich vergessen.

Bürger: Der britische Klangkünstler Peter Cusack war zu Gast hier bei uns im "Radiofeuilleton", thank you very much for being with us!

Cusack: A pleasure!

Bürger: Und Johannes Hampel hat das Gespräch übersetzt, auch ihm herzlichen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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