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Profil / Archiv | Beitrag vom 03.09.2008

Der Sound beim Schneiden von Sellerie

Ein Porträt des Klangkünstlers Satoshi Morita

Von Christine Schön

Der Klangkünstler Satoshi Morita. (Satoshi Morita)
Der Klangkünstler Satoshi Morita. (Satoshi Morita)

Die Geräusche seiner Kindheit aus dem Tonarchiv seines Vaters sind für Satoshi Morita Inspiration für seine "multisensorische" Klangkunst. Auf der "Ars Elektronica" in Linz präsentiert er seine interaktive Installation "Klangkapsel", in der Besucher ihn beim Kochen hören und fühlen können.

"Das ist eine Aufnahme, die mein Vater bei meiner Geburt aufgenommen hat. Erst mal im Warteraum. Und dann, erst hört man nur das Geräusch, dass er seine Tasche auf und zu macht. Und dann hört man zs, zs, so Reißverschlussgeräusch und dann, als Kind hab ich das gehört und ich konnte einfach so diese Erwartung oder Nervosität von meinem Vater spüren. Von dem Geräusch, das ist ja Wahnsinn, ne?"

Satoshi Morita hält die 34 Jahre alte Kassette behutsam in der Hand. Sein Vater hat darauf in korrekten japanischen Schriftzeichen Ort, Datum und Ereignis vermerkt. Zuhause in Tokio muss es ein ganzes Archiv von diesen Tonträgern geben, denn nicht nur Satoshis Geburt, sondern alle Familienfeste der Moritas wurden auf Audio gebannt.

Es erstaunt kaum, dass Satoshi Morita Klangkünstler geworden ist. Nach einem Skulpturstudium in Tokio kam er als 27-Jähriger mit einem Stipendium zunächst ins beschauliche Münsterland, später ging er nach Berlin.

"Das wollt ich erfahren. Japan ist ja eine kleine Insel, ganz entfernt und dort gibt es ja eine ganz spannende Kultur - aber das ist eine Kultur. Und dann, ich möchte noch andere Lebensarten erfahren. Aber nicht nur durch Fernsehen oder Zeitschrift lesen, sondern ich wollte immer erleben. Das ist auch ein Mittelpunkt meines künstlerischen Ansatzes, dass man nicht nur anschaut, nicht anhört, sondern miterlebt."

"Multisensorisch" nennt Satoshi Morita seine Kunst. Er will alle Sinne ansprechen. Die erste Arbeit, in der er Hören, Sehen und Fühlen lässt, ist seine Klangkapsel. Im Ausstellungsraum liegt eine überlebensgroße, schneeweiße Skulptur auf dem Boden, die an einen riesigen Schlafsack erinnert. Außen eine harte, der Körperform angepasste Schale. Innen ein weicher Kern, der die Besucher einlädt, am Kopfende einzusteigen und sich in den hellen, weichen Stoff zu legen, mit dem die Klangkapsel ausgekleidet ist.

In die Klangkapsel eingespielt werden Töne, die Satoshi Morita in seiner Küche aufgenommen hat. Dafür rüstete er sich mit 8 Mikrofonen aus - vom Kopf bis zu den Füßen und am Herzen ein Stethoskop. Diese Klänge werden in die Klangkapsel eingespielt und sind dort teilweise als Vibrationen zu spüren. So hört und fühlt man ihn beim Kochen.

"Ich hab unterschiedliche Gerichte gekocht, ich glaub so drei, vier Nächte ausprobiert. Mal japanisch, mal italienisch, mal deutsch, Bratwurst gebraten hab ich. Beim Gemüsewaschen war auch interessant. Beim Schneiden, genau, ich hab Sellerie geschnitten, Sellerie ist auch ein hartes Gemüse und dann das Messer trifft den Schneideplatz ganz doll. So tack, tack, tack. Dann in der Kapsel spürt man diesen Druck unter dem Kopf."

Satoshi Morita vereint die nötige Menge Exzentrik mit einem bodenständigen Pragmatismus - gut für das Überleben auf dem Kunstmarkt. Gekleidet ist er unprätentiös: Jeans und Hemd und, da er sich in der Stadt vor allem mit dem Motorrad bewegt, Lederjacke. Er ist groß und muskulös, wirkt männlich und zugleich jungenhaft. Genauso im Gespräch: er lacht unbeschwert und laut, wenn er erzählt, dass er - als Milkaholic - ohne eine Milchtüte im Kühlschrank sehr nervös wird. Er diskutiert aber ebenso ernsthaft, vor allem, wenn es um seine Arbeit geht.

"Ich habe lange Jahre gegen mich gekämpft, um mich zu akzeptieren überhaupt. Aber dann, als ich sehr intensiv mit Kunst angefangen hab, hab ich mein Zuhause gefunden."

Auch Berlin ist ein Zuhause geworden. Hier hatte er vor zwei Jahren seinen ersten großen Auftritt in der internationalen Kunstszene. Beim renommierten Klangkunstfestival Sonambiente stellte er, mitten im Weltmeisterschaftssommer, seine Arbeit "schießen, schlagen, werfen, fangen" aus. Kopfhörer, die an einen Ball angeschlossen waren, ließen nacherleben, was der eigentlich so hört. Zum Beispiel ein Baseball - übrigens Satoshi Moritas Lieblingssportart, wie die von Millionen von Japanern.

"Ah, Klang ist ja so faszinierend, weil man durch nen Klang was entdecken kann, das man normalerweise wahrscheinlich nicht entdeckt oder nicht hört. Aber wenn man eine Hörperspektive anders einstellt, dann hört man die Welt wieder ganz anders."

Seit vier Jahren lebt er nun im Berliner Stadtteil Neukölln. Seine kleine 2-Zimmer-Wohnung im Hinterhof liegt in der Nähe seines Ateliers. Manchmal hat er einen Mitbewohner, zuletzt einen Klangkünstler aus Linz. Im Gegensatz zu Tokio ist Berlin für ihn schön ruhig. Er will bleiben.

Und wenn ihn das Heimweh nach Japan packt, hat er die Kassette von seinem Vater.

"Und dann, ich kann das immer wieder hören und dann kann ich immer wieder seine Liebe und sein Gefühl hören, spüren. Und nur durch Klang. Das ist einfach Magie."

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