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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 19.08.2012

Der Seelenanalytiker seines Jahrhunderts

Vor 350 Jahren starb der französische Universalgelehrte Blaise Pascal

Von Jochen Stöckmann

Zeitgenössische Darstellung des französischen Philosophen, Mathematikers und Physikers Blaise Pascal.
Zeitgenössische Darstellung des französischen Philosophen, Mathematikers und Physikers Blaise Pascal.

Als Erfinder und Mathematiker, aber auch durch seine im typisch französischen Stil der "clarté", also präzise formulierten Schriften, wurde Blaise Pascal berühmt. Der brilliante Wissenschaftler, tiefgläubige Christ und tiefgründige Philosph war ein Mann der Widersprüche.

Mit seiner mathematischen "Abhandlung über Kegelschnitte" wird der 16-jährige Blaise Pascal, geboren 1623 in Clermont-Ferrand, Anfang 1640 auf einen Schlag bekannt. Fünf Jahre später überrascht der Sohn eines königlichen Steuereintreibers die Gelehrtenwelt mit der ersten Rechenmaschine - eine sensationelle Erfindung, konstruiert, um seinem Vater die tägliche Arbeit zu erleichtern. Als Pascal senior schwer erkrankt, kurieren ihn zwei strenggläubige Jansenisten, Katholiken aus dem Umkreis des Klosters Port Royal bei Versailles.

Durch diese Art von "Wunderheilung" lässt Blaise Pascal sich bekehren: Das Denken des skeptischen Genies, eines Philosophen in den Fußstapfen von Montaigne und Descartes, kreist fortan um die Existenz Gottes:

Ich hätte viel größere Angst, wenn ich mich irrte und entdeckte, dass die christliche Religion wahr ist, als wenn ich mich irrte, indem ich sie wahr glaubte.

In aphoristischer Kürze und Konsequenz formuliert der brillante Stilist sein nüchternes Kalkül, die sogenannte "Pascalsche Wette": Ganz gleich, ob es Gott nun gibt oder nicht, der Gewinn wird am Ende für denjenigen am größten sein, der an seine Existenz geglaubt hat.

Pascals mathematisch geprägte Philosophie, nach seinem frühen Tod am 19. August 1662 posthum veröffentlicht in den "Pensées", hat der Filmemacher Eric Rohmer immer wieder in den Mittelpunkt tiefgründiger Alltagsdramen gestellt. Die Dialoge in "Meine Nacht bei Maud" zum Beispiel drehen sich um die Geometrie der Leidenschaften, um Pascals Bemühen, Liebe, Religion – oder eben auch politische Überzeugungen – nicht nur als Gefühls- und Glaubenssache zu betrachten, sondern ebenso als Frage rationaler Entscheidung:

"Interessiert Dich Mathematik?"
"Ein Philosoph muss mehr und mehr über Mathematik Bescheid wissen. In der Linguistik zum Beispiel ist sogar für die einfachsten Sachen das Pascalsche Dreieck an die Geschichte mit der Wette gebunden. Und selbst bei dieser Überlegung muss man sagen, dass Pascal sehr modern ist."
"Komisch, ich bin gerade dabei ihn wieder einmal zu lesen. Du bist immer noch Marxist?"
"Gerade für einen Kommunisten ist dieser Text über die Wette außerordentlich aktuell. Glaub mir, im Grunde zweifle ich, dass die Geschichte einen Sinn hat. Trotzdem setze ich auf den Sinn der Geschichte. Und ich bin in der eine pascalschen Situation."

Widersprüchen geht Pascal nicht aus dem Wege, er lebt sie aus, schärft an ihnen sein Denken. Der Philosoph lässt durch den zuständigen Bischof Theologen verfolgen, die seiner Meinung nach nicht fest genug im Glauben stehen – und verspottet mit seinen "Provinciales", den fiktiven Briefen eines Paris-Reisenden, die rabulistische Dogmatik der Jesuiten derart erfolgreich, dass die unter Pseudonym erschienene Schrift auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird. Es sind intellektuell ausgekostete Erlebnisse, ein geistig abenteuerliches Leben, das Pascal zum philosophischen Favoriten von Friedrich Nietzsche macht:

Man soll die Tatsache, wie uns unsre Gedanken gekommen sind, nicht verhehlen und verderben. Die tiefsten und unerschöpftesten Bücher werden wohl immer etwas von dem aphoristischen und plötzlichen Charakter von Pascals Pensées haben. Die treibenden Kräfte und Wertschätzungen sind lange unter der Oberfläche; was hervorkommt, ist Wirkung.

Auf diese latente, eben nicht in spekulativer Absicht nach außen gekehrte Wirkung setzte dann im 20. Jahrhundert Samuel Beckett, über dessen Theaterstück Pascals Landsmann, der Dramatiker Jean Anouilh sagte:

Becketts Warten auf Godot, das sind die Pensées, die "Gedanken" Pascals, aufgeführt durch die Zirkusbrüder Fratellini.

So hat der französische Denker über die Jahrhunderte immer wieder Gewährsmänner gefunden, die seine Einsprüche gegen religiöse Dogmen, philosophisch verbrämten Starrsinn oder auch gegen den sogenannten "gesunden Menschenverstand" aufgenommen und verbreitet haben – oft in aller Stille, wie es Blaise Pascal gefallen hätte:

Ich habe gesagt, dass das Ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrührt, nämlich, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können. Man sucht die Unruhe, die uns abhält, an unsere Lage zu denken, und die uns zerstreut. Da die Menschen nicht Tod, Elend und Unwissenheit heilen konnten, sind sie, um sich glücklich zu machen, auf den Einfall gekommen, nicht daran zu denken.

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