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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.07.2012

Der schmale Grat zwischen Rechtsprechung und Gerechtigkeit

Stephan Lucas: "Auf der Seite des Bösen - Meine spektakulären Fälle als Strafverteidiger", Knaur TB, München 2012, 265 Seiten

Der Autor und Strafverteidiger Stephan Lucas
Der Autor und Strafverteidiger Stephan Lucas (picture alliance / dpa / Felix Hörhager)

Stephan Lucas kennt man aus dem Fernsehen. Der Anwalt spielt in einer populären Serie den Staatsanwalt. In "Auf der Seite des Bösen" schreibt er über seine Tätigkeit als Strafverteidiger. Dabei beleuchtet er besonders die Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten des Justizalltags anhand mehrerer Fälle.

In der Fernsehsendung "Richter Alexander Hold" schlüpft der Rechtsanwalt Stephan Lucas für den Sender Sat1 regelmäßig in die Rolle eines Staatsanwalts. Seine Popularität nutzte er nun, um in einem Buch von seiner eigentlichen Arbeit auf der anderen Seite des juristischen Prozessgeschehens zu berichten. Der 40-jährige Anwalt betreibt nämlich in München eine auf Strafsachen spezialisierte Kanzlei: Er verteidigt Angeklagte, die schwerer Verbrechen beschuldigt sind.

Anders als sein prominenter Kollege Ferdinand von Schirach schildert Stephan Lucas in "Auf der Seite des Bösen" seine "spektakulärsten Fälle als Strafverteidiger" ohne die schriftstellerische Ambition des pointierten Kurzgeschichtenerzählers. Ebenso wichtig wie der Krimi-Kitzel, der sich bei der Lektüre der neun, zuweilen bizarren Mord- und Totschlagsfälle einstellt, ist ihm die Darlegung seines verzwickten Engagements: Als Mensch nimmt er Anteil an den Opfern und ihren Angehörigen, als Staatsbürger und Anwalt folgt er seinem Auftrag, den Beschuldigten zu ihrem Recht zu verhelfen.

"Warum straft der Staat? Welchen Zweck verfolgt er mit den Strafen? Sühne? Abschreckung? Wiedereingliederung?" fragt sich Stephan Lucas. Und welche Rolle spielen Scham, Reue und Versuche zur Wiedergutmachung bei der schwierigen Rückkehr aus der Vollzugsanstalt ins Alltagsleben? Sein Buch schildert Geschichten, die sich jenseits der gängigen Krimidramaturgie abspielen: Es geht um die Frage Schweigen oder Aussagen vor Gericht, um Fehler in der Ermittlungsarbeit, die über Strafzumessungen entscheiden können oder Gründe für eine Anfechtung ergangener Urteile.

Lucas erreicht zum Beispiel die frühzeitige Haftentlassung eines jungen Mannes, der eine Schulkameradin erwürgt hatte, indem er sich vor Gericht für dessen positive Entwicklung in der Haft stark macht. In einem anderen Fall erkämpft er für einen türkischen Patriarchen, der einen Landsmann getötet hatte, eine niedrigere Strafe - erst als die Familie des Angeklagten zur Aussage bereit war, stellte sich heraus, dass das Opfer die Töchter missbraucht hatte. In einem dritten Fall verteidigt Lucas einen Mann, der als Clown verkleidet bei der Deeskalation einer heiklen politischen Demonstration mithelfen sollte, nach deren gewaltsamer Auflösung durch die Polizei aber ausgerechnet für den Tod eines Demonstranten verantwortlich gemacht wurde.

Man erfährt in diesem eingängig geschriebenen Sachbuch, wie die Maschinerie der Strafprozessordnung funktioniert und wie leicht Straftäter nur auf ihre Tat reduziert werden. Lucas zeigt anschaulich, dass Rechtsprechung nicht immer mit Gerechtigkeit zu tun hat, dennoch das Rechtsgut der Strafverteidigung unverzichtbar ist. Sein Buch bringt den Umgang mit Tätern nahe, die ausgegrenzt und weggesperrt werden, wohl auch aus der geheimen Furcht davor, dass "die Seite des Bösen in jedem von uns steckt".

Besprochen von Claudia Lenssen

Stephan Lucas, Auf der Seite des Bösen - Meine spektakulären Fälle als Strafverteidiger
Knaur TB, München 2012, 265 Seiten, 8,99 Euro

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Der Gerichtssaal als Theater und Kampfarena - Cornelia Vismann: "Medien der Rechtsprechung"

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