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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.02.2008

Der rote Teppich als Arbeitsplatz

Oliver Kern: "Der gläserne Schlüssel. Die Berlinale und die Inszenierung von Glamour". Edition Fotohof im Otto Müller Verlag, Salzburg 2008. 96 Seiten

Die australische Filmschauspielerin Cate Blanchett auf der Berlinale 2007 (AP)
Die australische Filmschauspielerin Cate Blanchett auf der Berlinale 2007 (AP)

Er ist das wichtigste Attribut jedes Filmfestivals, ohne ihn ist ein Star kein Star: Der rote Teppich. Das kurze Stück Laufsteg, auf dem sich die Schönen und Berühmten vom Auto zum Kinoeingang bewegen, der einzige Ort, an dem sie dem anonymen Publikum als reale Personen nahe kommen.

Außer dem Publikum und den Stars gibt es am roten Teppich noch eine dritte Gruppe, die Fotografen, die versuchen, möglichst nah an die Objekte der Verehrung heran zu kommen. Auch der Fotograf Oliver Kern gehört zu dieser Gruppe. Jahr für Jahr lagert er am roten Teppich der Berlinale, einem der drei wichtigsten und glamourösesten Filmfestivals der Welt. Die Fotos aber, die der Bildband "Der gläserne Schlüssel" versammelt, zeigen nicht nur die Stars, sie zeigen das gesamte Star-Schauspiel rund um den roten Teppich. Sie zeigen, was wir auf anderen Berlinale-Bildern nicht sehen: Das in der Blitzlichtflut erbleichende Gesicht Dustin Hoffmans, den Leibwächter, der eine offensichtlich ängstliche Nadja Auermann an der Hand über den roten Teppich zieht, eine in der einkreisenden Menge verschwindende Nina Hagen, Nicole Kidman auf dem Weg zur Pressekonferenz und immer wieder den Leiter des Festivals, Dieter Kosslick, der Mann, der die Stars zum roten Teppich geleitet.

Ohne sie zu entwerten oder zu entblößen zeigt Oliver Kern die Schauspieler als Menschen, die, wenn sie sich starmäßig präsentieren, ganz einfach ihrem Beruf nachgehen, nicht anders als die vielen Personenschützer, die sich unauffällig in ihrer Nähe aufhalten, und die Fotografen selbst.

Das Buch "Der gläserne Schlüssel" macht die Öffentlichkeit des roten Teppichs als Arbeitsplatz sichtbar und Glamour als Betrieb. Ergänzt werden die Fotografien durch Texte, die die einzelnen Berufsgruppen dieses Betriebs zu Wort kommen lassen. Eine Berliner Boulevardreporterin, der Geschäftsführer des für die Berlinale verantwortlichen Sicherheitsunternehmens und ein Simultanübersetzer erzählen aus ihrem Arbeitsalltag, den sie während der zehn wichtigsten Berliner Filmtage bestreiten. Mitschriften von Gruppeninterviews lesen sich wie leicht chaotische Hörspiele.

Oliver Kerns Buch schaut nicht einfach hinter die Kulissen des Startums, das Besondere dieses Buches ist, dass es Bühne und Kulisse gleichermaßen in den Blick nimmt und Menschen in Momenten abbildet, in denen sich öffentliche und persönliche Sphäre überschneiden.

Rezensiert von Ursula März

Oliver Kern: Der gläserne Schlüssel. Die Berlinale und die Inszenierung von Glamour
Fotos mit Texten von Michaela Heissenberger.
Edition Fotohof im Otto Müller Verlag, Salzburg 2008
96 Seiten

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