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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.07.2010

Der Ritter aus der Einöde

Wolfram von Eschenbach: "Parzival", gelesen von Rolf Boysen, Der Hörverlag, 7 CDs, 536 Minuten

Rolf Boysen, hier ein Bild aus dem Jahr 1977, liest den Parzival
Rolf Boysen, hier ein Bild aus dem Jahr 1977, liest den Parzival (AP)

Wolfram von Eschenbachs "Parzival" gehört wie das Nibelungenlied und die Epen Hartmann von Aues zu den literarischen Großwerken des Hochmittelalters. Aber lässt sich der 800 Jahre alte Text überzeugend zum Hörbuch machen? Der selbst schon legendäre Schauspieler Rolf Boysen beweist, wie gut das geht.

"Es war gerade die Zeit gekommen, in der Mars und Jupiter ihre drohende Konstellation am Anfang ihrer Bahn erreicht hatten, so dass es schlimm um Anfortas stand. In seiner Wunde wühlten furchtbare Schmerzen. Jungfrauen und Ritter hörten immer wieder seine Schmerzenschreie und konnten ihm die Qualen an den Augen ablesen. Niemand war in der Lage, seine unheilbare Wunde zu heilen. Doch endlich nahte nach dem Bericht der Aventiure die einzig wirksame Hilfe …"

Die Rettung kommt – aber erst am Ende. Und sie trägt den Namen eines kühnen jungen Mannes: Parzival. Bevor es soweit ist, müssen allerdings viele Irrungen bestanden, viele Fehler wettgemacht und manches Verhängnis erduldet werden. Wie kein anderes hochmittelalterliches Großepos ist Wolframs Parzival bereits eine Art Bildungsroman – und ein faszinierendes Familiendrama.

Parzivals Vater Gahmuret ist ein turnierbesessener Ritter, dem seine sportliche Leidenschaft zum Verhängnis wird. Er lässt Parzivals Mutter Herzeloyde im Stich, um erneut auf Abenteuerfahrt zu gehen – und kommt bald darauf ums Leben. Herzeloyde zieht sich darauf in die Einöde zurück, auf dass der kleine Parzival vor allem gefährlichen Ritterunsinn bewahrt bleibe.

"Ehe er verständiger wurde, versammelte sie ihr Gefolge um sich und verbot ihnen, über Ritter zu sprechen, wenn ihnen ihr Leben lieb wäre. Erführe nämlich mein Herzensliebling etwas vom Ritterleben, erwüchse mir daraus schweres Leid... Der Knabe wuchs also in der Einöde Soltane in aller Abgeschiedenheit auf und wurde so um die königliche Erziehung gebracht."

Das tabuisierende Erziehungsprogramm scheitert: Kaum hat der Junge im Wald erstmals Ritter gesehen, kennt er kein anderes Ziel mehr, als selber einer zu werden. Und macht sich auf die Suche nach König Artus. Herzeloyde stirbt vor Gram. Parzival macht in seiner Ritterkarriere allerdings lange keine gute Figur. Die Mutter hatte ihn im Narrenkostüm losgeschickt, und gefährlich närrisch ist das Verhalten des überambitionierten jungen Mannes, der Ratschläge aufgrund seiner "Tumbheit" regelmäßig missversteht.

Von seinem Mentor, dem ritterlichen Greis Gurnemanz, wird ihm eingeschärft, den Menschen nicht durch vorwitzige Fragen lästig zu fallen. Eine fatale Empfehlung, denn so unterlässt es Parzival auf der Gralsburg, die erlösende Mitleidsfrage nach der Krankheit des Anfortas zu stellen, der an seiner schwärenden Unterleibswunde endlos hinsiecht. Alles richtig und doch falsch gemacht. Die Verhaltensdisziplin erstickt den spontanen Impuls, der hier einzig angemessen gewesen wäre. Die Grenzen der Vorbildlichkeit und der höfischen Verhaltensregeln sind ein Leitthema der Dichtung – und die zeitlose Frage der ungewollten Konsequenzen gutgewollten Handelns.

Rolf Boysens Münchner Lesungen der antiken und mittelalterlichen Klassiker sind seit Jahren Theater- und Hörbuchereignisse. Unverkennbar hat sein Kapitänsbariton den norddeutschem Zungenschlag: kantig und knorrig. Ausdrucksstark vergegenwärtigt er herrliche Helden und schönste Frauen, aber auch manche pittoreske Ungestalt, etwa die dämonische Gralsbotin Cundrie, deren Fluch Parzival auf sich zieht. Auf ihrem Maultier kommt sie geritten, eine imponierende Erscheinung, die auch dem Erzähler höchste Töne des Staunens abverlangt:

"Alle Lust und Freude machte sie zunichte. Die hochgelehrte Jungfrau war allerdings keine Schönheit. Sie besaß eine Nase wie ein Hund und zwei Eberzähne ragten spannenlang aus ihrem Munde. Die Wimpern waren zu Zöpfen geflochten und ragten steif bis zum Haarband empor… Und dieser anmutige Herzensschatz hatte Hände wie von Affenhaut. Die Fingernägel waren lang und schmutzig wie Löwenklauen und gewiss hat kein Ritter aus Liebe zu ihr den Zweikampf gesucht."

Im Unterschied etwa zum düsteren Nibelungenlied wartet der "Parzival" nicht nur mit Pathos, sondern auch mit Komik auf. Rolf Boysen verfügt über beide Register, die Wucht liegt ihm ebenso wie der Witz. Im Essay "Nachdenken über Theater" hat er das Credo seiner Sprachlust formuliert: "Der Genuss eines Kommas, die Überraschung eines Doppelpunkts, das Atemholen eines Gedankenstriches: Das sind Erlebnisse, die weitergegeben werden müssen", schreibt er dort. Und so geschieht es hier.

Mit einer Pause oder der Betonung eines einzigen Wortes erzielt Boysen große Wirkung. Und was hat der Neunzigjährige für eine Bühnen-Kondition! Das Reckendeutsch kommt ihm über die Lippen, als könnte es gar nicht anders sein. Nur das gelegentliche Rascheln des Papiers zeugt von der Vorlese-Situation.

Gebannt folgt man dem fünfeinhalbstündigen Vortrag. Gnade und Einsicht führen schließlich zum guten Ende und zu Parzivals Gralskönigtum. Und zum Wiedersehen mit der treu wartenden Gattin Condwiramurs, die eines Morgens Grund zur Freude hat:

"Sie öffnete die Augen und erblickte ihren Mann. Und da sie nur ein Hemd trug, raffte die bezaubernde Condwiramurs die Bettdecke um sich und sprang vom Bett auf den Teppich. Sie umschlang Parzival mit beiden Armen und dann küssten sie sich lange und innig."

Besprochen von Wolfgang Schneider

Wolfram von Eschenbach: Parzival
Gelesen von Rolf Boysen. Aus dem Mittelhochdeutschen von Wolfgang Spiewok
Der Hörverlag, 7 CDs
536 Minuten, 39,95 Euro