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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.09.2009

Der Riese und die Putzfrau

Der preisgekrönte Film "Gigante" von Adrián Biniez

Von Wolfgang Hamdorf

Jara ist Nachtwächter in einem Supermarkt am Rande von Montevideo. Eines Nachts lernt er die Putzfrau Julia kennen und verliebt sich in sie. Die ungewöhnliche Liebeskomödie "Gigante" aus Uruguay von Regisseur Adrián Biniez startet nun in den deutschen Kinos.

"Muss irgendwo hier gewesen sein, warte, Und jetzt kriegst du gleich etwas zu sehen. Hier, guck mal hier, schau dir das an, ich gehe mal näher ran, warte."

Der große schwere Mann arbeitet nachts hinter der Kamera. Jara ist Nachtwächter in einem Supermarkt am Rande von Montevideo. Er ist einsam, aber nicht unglücklich. Sein Leben besteht aus Fernsehen, Fußball, seiner Schwester, seinem Neffen und seiner nächtlichen Arbeit mit einigen wenigen Kollegen: Alle Winkel der Ladenfläche mit zahlreichen Überwachungskameras zu kontrollieren und gegebenenfalls einzugreifen, wenn etwa das Reinigungspersonal Waren aus den Regalen mitgehen lässt:

"Pscht"
"Na komm"
"Ich?"
"Ja"
"Ja und warum?"
"Du weißt doch selber warum, also geh schon und leg es wieder zurück."
"Ich versteh nicht, worum es geht."
"Red nicht so laut, wenn ich dir helfen soll."
"Ja, ist gut"
"Ein Päckchen Nudeln, Reis oder Polenta, aber so etwas, das geht nicht."

Eines Tages taucht Julia, die junge hübsche Putzfrau, auf seinem Bildschirm auf und bringt sein so geordnetes Leben völlig durcheinander. Er verliebt sich, weiß aber nicht, was er machen soll. Er beobachtet sie über die Kamera, spioniert ihr auf dem Heimweg nach und schickt ihr anonym kleine Zeichen seiner Liebe. Aber Julia merkt es nicht und hat außerdem andere Probleme, etwa mit ihren Vorgesetzten:

"Sieh mich am, wenn du mit mir redest. Noch einmal so was und du bist gefeuert!"

Als im Zuge der Wirtschaftskrise auch im Supermarkt Massenentlassungen anstehen, ist Julia die Erste, die auf die Straße gesetzt werden soll. Jetzt explodiert der einsame Riese hinter der Überwachungskamera. Für Regisseur Adrián Biniez war Hauptdarsteller Horacio Camadule ein Glücksfall:

"Wir mussten ihn allerdings etwas größer machen, denn Horacio ist zwar breit, aber nicht so groß wie im Film. Er bekam also Schuhe mit hohen Absätzen und im Casting suchten wir ganz gezielt nach Darstellern, die deutlich kleiner waren als er. Aber es war ganz wunderbar, wie er in der Vorbereitungsphase und während des Drehs an der Entwicklung seiner Rolle mitgearbeitet hat, besonders im körperlichen Ausdruck und in seinen Gesten."

Der schüchterne Gigant und die junge hübsche Putzfrau im Supermarkt, das hätte auch ein ganz anderer Film werden können, etwa ein Psychodrama:

"Ich wollte den Film immer als Komödie machen, es ist eine dramatische, eine romantische Komödie, aber die Leichtigkeit gibt dem Film eine viel weitere Dimension, als wenn es ein reines Drama wäre."

Der Film "Gigante" lebt von unterkühltem Witz und seiner Mischung aus alltäglichem und absurdem:

"Hm? Läuft oder wenn nicht? Wieso, was denn? Wie was denn? Ist doch nur so eine Redensart?"

Adrian Biniez war überrascht über den großen Erfolg seines Films auf internationalen Festivals:

"Manchmal hat man den Eindruck, als hätte man auf den Festivals geradezu Angst vor jeder Art von Humor, als fände man ihn minderwertig, vulgär und frivol und mir geht es eben genau umgekehrt. Ich finde diese dick aufgetragene Ernsthaftigkeit mancher Filme oberflächlich."

Damit bezieht sich der gebürtige Argentinier auch auf die kühle distanzierte Sachlichkeit des "neuen argentinischen Films", des "nuevo cine argentino". Die Filme, die auf der anderen Seite des Rio de la Plata, in Uruguay, entstehen, setzen dagegen auf eine Mischung aus skurrilen Details, trockenem Humor und einem sehr persönlichen Umgang mit menschlichen Gefühlen.

"Was mich besonders interessiert hat, ist diese Romantik der Männer, diese Schüchternheit und diese Unfähigkeit, sich zu erklären auf der einen Seite und diese Besessenheit, diese Leidenschaft auf der anderen. Man denkt, das sei pubertär, aber es ist postpubertär, eher ein Phänomen von jungen Männern zwischen 20 und 25 Jahren und älter. Das habe ich an mir und an vielen Freunden beobachtet, nicht so extrem wie in meinem Film, aber schon diese schüchterne männliche Romantik."

"Gigante" ist eine anrührende und skurrile Geschichte, aber dabei auch Kritik an einer völlig entfremdeten Konsumwelt im Zeichen der Globalisierung. Die Stärke des jungen lateinamerikanischen Films liegt in diesen kleinen persönlichen Geschichten, die aber den gesellschaftlichen Kontext ganz deutlich zeigen:

"Mein Film zeigt ganz klar diesen sozialen Hintergrund, aber ich glaube, dass ist ganz natürlich. Ich komme selbst aus einer Arbeiterfamilie. Bei mir zu Hause und in meinem Leben war die wirtschaftliche Krise immer da, der unsichere Arbeitsplatz oder die schlechte Bezahlung. In meinem Film bringt der soziale Konflikt ja erst die Geschichte zum Laufen. Diese ganze Dimension, die Angst um den schlecht bezahlten Arbeitsplatz, das ist ja nicht an den Haaren herbeigezogen, das habe ich selbst teilweise auch durchlebt."

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