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Profil / Archiv | Beitrag vom 04.11.2010

Der Reiz finsterer Frauen

Nora von Waldstätten im Porträt

Von Jörg Oberwittler

Szene aus "Carlos" (AP)
Szene aus "Carlos" (AP)

Im ARD-Tatort spielte sie eine Mörderin, in ihrem neuen Film "Carlos - Der Schakal", der diese Woche anläuft, die Ehefrau eines Top-Terroristen. Nora von Waldstätten gilt als "Shooting-Star" im deutschen Film und ist gerade auf dem besten Weg zu einer internationalen Filmkarriere.

Diese blauen Augen - sie dominieren Nora von Waldstättens Spiel: kristallklar, geheimnisvoll, funkelnd. Unterstrichen von ihrem blassen Teint und den tiefschwarzen Haaren könnte die 29-Jährige ohne große Maske und Make-up einen weiblichen Vampir spielen.

In ihren Rollen verzichtet sie auf große Gesten, legt vielmehr alles in diese feine Mimik – so auch in ihrem neuen Film "Carlos – der Schakal". Sie spielt Magdalena Kopp, die Ehefrau des Top-Terroristen Carlos, der in den Siebzigerjahren weltweit Anschläge verübte. Die Bilanz seines vermeintlichen Kampfes für Palästina: 83 Morde.

Filmausschnitt:
Carlos: "Denn du entscheidest nicht, ob eine Operation das wert ist oder nicht. Du nimmst Befehle entgegen. Ohne zu diskutieren!"
Kopp: "Und diese Befehle erteilt wer?"
Carlos: "Das werde ich sein. Niemand außer mir. So sind die Regeln. Revolutionäre Disziplin. Bist du bereit, dich dem bedingungslos zu unterwerfen?"
Kopp: "Ja."

Kalt, berechnend, gefährlich: So sehen die Zuschauer sie im Film. Doch im Gespräch ist der kühle Blick hinter einer schweren Hornbrille gebannt, wirkt Nora von Waldstätten ganz anders: versteckt ihr Haar unter einer großen Wollmütze, lacht viel, entschuldigt sich dafür, dass sie noch schnell eine Portion Obstsalat herunterschlingt. Eigentlich müsste man sie mit "Baronin" ansprechen, denn sie entstammt einer österreichischen Adelsfamilie:

"Ähm, könnte man, muss man aber auf keinen Fall."

… sagt sie und kommt beinahe schüchtern rüber - ganz anders als im ARD-Tatort, wo sie acht Millionen Zuschauer an den Fernseher lockte. Dort mimte sie eine intrigante Internatsschülerin, die kaltblütig ihre Mitschüler umbringt. Den Film sah sie mit Freunden in einer Kneipe. Ein Mann am Nebentisch sei so erschüttert gewesen, dass er zur Seite rückte, als er sie erkannte. Doch die gebürtige Wienerin mag finstere Frauenfiguren.

"Naja, das ist schon ein reiches Feld, das man da bestellen darf. Das Abgründige ist natürlich wahnsinnig spannend. Gerade, wenn es eine Figur ist, die auf dem ersten Blick so kalt oder hart oder böse erstmal erscheint, ist es zum Beispiel ein spannender Moment zu gucken: Warum ist das so? Und woher kommt das?"

Um sich in eine Rolle einzuarbeiten, schreibt die zierliche Frau ein ganzes Notizheft voll, denkt sich eine komplette Biografie aus:

"Was ist ihr größter Traum oder ihr größter Albtraum? Wie war ihre Kindheit? Und dann ganz explizit einen Tag aus der Kindheit für mich gestalte und den auch niederschreibe, weil ich sehr an die Kraft des geschriebenen Wortes glaube."

Nora von Waldstätten wächst in den Achtziger- und Neunzigerjahren in Wien und Baden auf: drei Geschwister, der Vater Chemiker, die Mutter Hausverwalterin. Als Sechsjährige bettelt sie darum, zum Ballett gefahren zu werden - mit 13 bekommt sie ihre erste Sprechrolle im Tanztheater. Das Mädchen tanzt im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Rahmen dieser Adelsfamilie, die in Österreich bekannte Juristen und Naturwissenschaftler hervorgebracht hat.

"Und natürlich gab es auch den Moment, als mein Geschichtsprofessor am Gymnasium angefangen hat, über meine Familiengeschichte zu erzählen. Den Klassiker, dass man da sitzt, puterrot wird und die Klassenkameraden natürlich ein gefundenes Fressen haben für sämtliche Attacken. Aber auf der anderen Seite ist es etwas, womit ich mich nicht groß in dem Sinn beschäftige."

Auf das "von" im Namen habe sie sich nie etwas eingebildet, sagt sie, greift abermals zum Obstsalat und zupft ihre Mütze zurecht. Der Erfolg sei hart erarbeitet: Für ihren jüngsten Film wälzte sie Bücher über den Terrorismus, traf sogar ein ehemaliges Mitglied der RAF. "Carlos" ist ein dreieinhalb Stunden Epos, in dem viel geraucht, gemordet und geblutet wird. Viele Schauplätze, lange Drehtage: Die Österreicherin wollte an ihre Grenzen gehen, sich von ihrem Schauspielkollegen Edgar Ramirez – alias Carlos – nicht schonen lassen.

Filmausschnitt:
Carlos: "Beruhige dich, beruhige dich."
Magdalena: "Fass mich nicht an, fass mich nicht an!"
Carlos: "Bist du jetzt still! Bist du jetzt still, blöde Ziege!"

Mit der Frau, die es jahrelang an der Seite eines Macho-Terroristen aushält, hat sie nichts gemein. Aus tausenden Bewerbern wird sie 2003 an der Universität der Künste aufgenommen, noch während des Schauspielstudiums für ihren ersten Film engagiert und von einer der renommiertesten Schauspiel-Agenturen unter Vertrag genommen.

In Prenzlauer Berg hat sie eine kleine Wohnung, verrät sie. Fragen zu ihrem aktuellen Privatleben blockt sie hingegen charmant ab. Sie spielt am Deutschen Theater in Berlin und am Schauspiel Köln. Natürlich stellt sie auch lebensfrohe Frauen, wie etwa im Psychodrama "Parkour" dar, aber die bösen Charaktere bleiben am meisten im Gedächtnis. Sie nach Drehschluss wieder abzustreifen, gelingt ihr erstaunlich gut.

"Anders gibt es aber auch Figuren, wo ich merke, da gibt es so einen Zug, den möchte ich mir behalten oder der ist bereichernd. Ich mochte zum Beispiel bei "Parkour" diese Leichtigkeit, einfach Dinge zu tun, ohne groß darüber nachzudenken. Einfach aus einer Lebensfreude heraus. Das hab’ ich total genossen."

Und von den Pistole schwingenden Frauen macht sie erst mal Pause. Demnächst wird sie in der Krimi-Serie "Nachtschicht" zu sehen sein. Dort spielt sie: eine einfache Bratwurst-Verkäuferin.

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