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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 09.08.2011

Der Ramadan und der verleugnete Pluralismus im Islam

Von Lamya Kaddor

Lamya Kaddor: "Es ist nicht leicht mit der innerislamischen Debatte." (AP)
Lamya Kaddor: "Es ist nicht leicht mit der innerislamischen Debatte." (AP)

Es ist Ramadan und die Muslime streiten sich wie jedes Jahr darüber, wann das Fasten beginnt und wann es genau aufhört. Türken lassen den Mondmonat Ramadan gemeinhin nach astronomischen Berechnungen beginnen. Saudi-Arabien wartet klassisch auf die Sichtung des Neulichts über den Hügeln der arabischen Wüste. Jordanien richtet sich nach Mekka. Die Marokkaner, sagt man, fasten sowieso immer einen Tag später.

Und in Deutschland richten sich die Muslime meist nach ihren Eltern. Man kann daran sehr schön den Pluralismus im Islam erkennen. Doch tun sich viele schwer damit, die Unterschiedlichkeit ihrer eigenen Religionsgemeinschaft auch anzuerkennen. Und das trifft nicht nur auf Fundamentalisten zu. Manchmal reicht es aus, dass jemand auf die Möglichkeit alternativer Auffassungen verweist, um ihm zu unterstellen, den "wahren" Glauben zu verfälschen.

Besonders engagiert zeigt sich dabei neuerdings eine Gruppe, die ich die jungen Konservativen nenne. Gebildete, meist studierte, in Deutschland geborene Muslime der zweiten und dritten Einwanderergeneration. Theologisch in der Regel Laien, knüpfen sie vor allem an die Traditionen ihrer Eltern an und geben diesen religiösen Vorstellungen ein vermeintlich modernes, intellektuelles Gesicht.

Doch letztlich rennen auch sie einer Illusion hinterher – nämlich der, dass es nur einen Islam geben könnte. Wenn man sie nun darum bittet, ihr Bild vom Islam einmal genau zu beschreiben, herrscht Schweigen oder es kommen oberflächliche Äußerungen wie: "Wir folgen dem Koran und dem Vorbild des Propheten." Die jungen Konservativen wollen das Alte bewahren, ohne beschreiben zu können, was denn aus welchem Grund erhalten werden soll.

Stattdessen weichen sie in eine schlichte Dagegen-Haltung aus. Sie sind dagegen, dass sich der Islam verändert. Sie sind dagegen, dass sich jemand "liberal" nennt und sie als "konservativ" bezeichnet. Es ist nicht leicht mit der innerislamischen Debatte. Aber solange man sich von anderen abgrenzen kann, muss man sich nicht mit eigenen Positionen befassen. So bleibt auch der Schein des Einvernehmens gewahrt und damit eine weitere Illusion – nämlich, mit der eigenen Meinung eine Mehrheit zu bilden.

In der Tat erfährt jemand, der öffentlich gegen liberale Islamauffassungen Stellung bezieht, schnell Zustimmung unter Muslimen. Außerdem werden die jungen Konservativen von der Organisationsstruktur des Islam begünstigt. Da liberale Organisationen erst im Entstehen begriffen sind, gibt es nur die vier großen, durchweg konservativen Dachverbände DiTiB, Islamrat, Verband islamischer Kulturzentren und Zentralrat der Muslime.

Wer seinen Glauben in einer Gemeinschaft leben will, kommt an ihnen fast nicht vorbei. Wollen Eltern ihren Kindern die Religion beibringen lassen, bleibt ihnen kaum anderes übrig, als die Angebote der Moscheevereine anzunehmen. Flächendeckenden schulischen Islamunterricht gibt es ja noch nicht. So bleibt die Mehrheit der jungen Muslime religiös sprachlos, während eine kleine, aber vergleichsweise wortmächtige Gruppe konservativer, auslandsorientierter Glaubensgeschwister heranwächst.

Die muslimische Community steht vor einer ihrer größten Herausforderungen. Sie muss eine innerislamische Pluralität anerkennen, also auch liberale, sakuläre oder kulturell-orientierte Muslime einbinden. Diese Forderung ist nicht neu, sondern existiert im Islam schon seit Jahrhunderten. In der Liberalisierung sollte weniger das Risiko der Zersplitterung, als vielmehr die Chance gesehen werden, dass die Religion die Ansprüche unserer heutigen Zeit besser verstehen kann. Gelingt dieser Schritt nicht, so werden sich die Muslime den Vorwurf gefallen lassen müssen, immer noch nicht in einer Welt angekommen zu sein, die von Unterschieden zwischen Menschen, Religionen, Überzeugungen und Weltanschauungen lebt.


Lamya Kaddor (Privat)Lamya Kaddor (Privat) Lamya Kaddor, geboren 1978 als Tochter syrischer Einwanderer, studierte Arabistik und Islamwissenschaft, Erziehungswissenschaft und Komparatistik an der Universität Münster, bildete dort vier Jahre (2004-2008) islamische Religionslehrer aus und übernahm die Aufgaben einer Vertretungsprofessur "Islamische Religionspädagogik", derzeit arbeitet sie als Lehrerin im Rahmen des nordrhein-westfälischen Schulversuchs "Islamkunde in deutscher Sprache" in Dinslaken. Sie tritt als Sprecherin für das muslimische Wort, dem sog. "Forum am Freitag" des ZDF auf und gehört zum Beraterkreis "Islam" des niedersächsischen Innenministers Uwe Schünemann. 2010 gründete sie in Duisburg einen Verein für liberale Muslime. Sie hat an einem "Koran für Kinder und Erwachsene" und am ersten deutschsprachigen Schulbuch für einen islamischen Religionsunterricht "Saphir" mitgearbeitet. Außerdem schrieb sie das Buch "Muslimisch-weiblich-deutsch! Mein Leben für einen zeitgemäßen Islam" (2010). 2010 wurde sie mit dem European Muslim Women of Influcence Award des europäischen, muslimischen Netzwerkes CEDAR ausgezeichnet, mit dem einflussreiche muslimischen Frauen in Europa gewürdigt werden.


Links bei dradio.de:
Identitätssuche in einer christlich geprägten Gesellschaft - Religiöse Vorbilder von jungen Muslimen in Deutschland

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