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Themenabend 1968 / Archiv | Beitrag vom 07.04.2008

Der Prager Frühling und sein Ende

Von Hans-Jürgen Fink

Prager Frühling
Prager Frühling (AP Archiv)

Im August 1968 ging ein historischer Abschnitt zu Ende, der in Ost und West gleichermaßen vielen Menschen Hoffnung gemacht hatte. Der Prager Frühling, der Versuch, in der Tschechoslowakei einen menschlichen Sozialismus aufzubauen, wurde durch die Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten zerstört.

Was im August 1968 so dramatisch zu Ende ging, hatte Anfang des Jahres mit einem Personalwechsel begonnen. Als Nachfolger des Altstalinisten Antonin Novotny trat der Slowake Alexander Dubcek an die Spitze einer Partei, die in sich tief gespalten war: Tschechen und Slowaken, Reformer und Orthodoxe, junge Karrieristen und die alte Garde der Kriegs- und Nachkriegszeit. So war die KPC danach im Gerangel um Posten und Macht zunächst mit sich selber beschäftigt. In der Öffentlichkeit aber regte sich allenthalben Kritik an den überholten Herrschaftsmethoden und den alten Genossen. Praktisch fand eine Zensur nicht mehr statt. Mit weitreichenden Konsequenzen, erinnert sich Antonin Liehm, Chefredakteur der Wochenzeitung Literarni Noviny:

"Die Tschechoslowakei hatte im Frühjahr 68 die freieste Presse und die freiesten Medien der Welt. Die Journalisten waren so frei wie sie wollten. Sie konnten alles schreiben, und alles ging sofort auf die Seiten und sofort in den Rundfunk und sofort auf den Bildschirm. Das war diese Freiheit. So eine unbegrenzte Freiheit gibt’s nur in revolutionären Momenten sehr selten."

Die Journalisten brachen die Bahn für die Reformkommunisten, die im März den zuvor allmächtigen Novotny auch aus dem Präsidentenamt jagten und im April ein Aktionsprogramm formulierten, das mit dem Bekenntnis zu Freiheit und Demokratie und mit der Rehabilitierung der Stalin-Opfer die Basis für den Sozialismus mit menschlichem Antlitz schuf. Die autoritären Politbürokraten in den "befreundeten Bruderparteien" reagierten mit politischem Druck und militärischer Drohung.

An der Moldau aber brach auf, was über zwanzig Jahre lang unterdrückt worden war: die nationalen Traditionen einer bürgerlichen Demokratie und einer hochentwickelten Industrie. In schönster Pracht erblühten in diesem Frühling Musik, Theater und Poesie. Traditionelle Gruppen und Parteien wie unabhängige Studentenverbände, Pfadfinder oder die Sozialdemokratie erlebten ihre Wiedergeburt. Ota Sik setzte seine Wirtschaftsreform in Gang, in den Betrieben wurden unabhängige Betriebsräte gewählt. Der Tag der Arbeit führte der Welt vor Augen, wie Dubcek und seine Freunde vom Volk gleichsam auf Händen getragen wurden. Bilder, so Jiri Grusa, Literat und Diplomat und heute Direktor der Wiener Diplomatischen Akademie, die wenig oder gar nichts gemein hatten mit den Studentenprotesten in der westlichen Hemisphäre:

"Wir waren eine wirklich ideologiefreie Generation. Es ging um konkrete Sachen, um in einer Zeitschrift etwas Gutes zu schreiben, einen Verleger zu finden usw., aber nicht um irgendwelche weltverbesserischen Konzepte."

Im Parteiapparat allerdings waren nach wie vor Blockierer und Bremser aus der Novotny-Ära am Werk. Sie bangten um Posten und Pfründe. In dieser Situation schrieb Ludvik Vaculik sein Manifest der 2000 Worte, um die Reformen in Partei und Gesellschaft weiterzutreiben.

"Man muss dem Volke sagen, was zu tun ist. Gegen was - das war jemandem klar, aber was? Das war Aufruf zu einer Tätigkeit. 2000 Worte sind nach dem Muster Gandhis geschafft - gewaltloser Widerstand. Das stimmt. In dem Moment wurde es auch der Obrigkeit klar, dass die Bewegung nicht weiter Parteisache ist, sondern Sache ganzer Bevölkerung."

Dubcek zog den 14. Parteitag, der die Kräfte der Orthodoxie endgültig lahmlegen sollte, auf September vor. Dies war für den bis dahin zögernden sowjetischen KP-Chef Breschnew das ultimative Alarmsignal. Er setzte Luftlandetruppen und Panzer in Marsch, ließ die Prager Führung verhaften und zwang sie zur Unterzeichnung des Moskauer Protokolls. Zwar blieben Präsident, Partei- und Regierungschef zunächst weiter im Amt. Bei ihrer Rückkehr aus Moskau wurden sie zuhause enthusiastisch begrüßt: "My sme s’vami, budte s’nami, - Wir sind mit Euch, seid Ihr mit uns", rief das Volk. Aber Dubcek war ein gebrochener Mann.

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