Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
 

Tonart | Beitrag vom 22.02.2016

Der Pianist Frank WoesteGrenzgänger mit Sinn für den Groove

Von Johannes Kaiser

(Morgan Roudaut)
Der Pianist Frank Woeste (Morgan Roudaut)

Seit fast 20 Jahren lebt der gebürtige Hannoveraner Frank Woeste in Paris und behauptet sich in der dortigen Jazz-Szene. Nun präsentiert der Pianist ein neues Album, auf dem auch die weltweit gefeierte Sängerin Youn Sun Nah ein Gastspiel gibt.

"Im Grunde genommen fand ich den Namen Rhapsodie passend, im Grunde genommen bezeichnet das in der klassischen Musik ein Stück, das eine freie Form hat. Das fand ich passend zu der Musik, wie sie ist, und Pocket, weil relativ wenig Musiker da sind und Pocket ist wie eine Taschenrhapsodie, man kann die Rhapsodie in seine Tasche tun und kann damit reisen zum Beispiel."

Auch wenn die Musik des Pianisten Frank Woeste bequem in die Tasche passt, sein Musikinstrument gewiss nicht. Woeste war mit vielen französischen Jazzgrößen unterwegs und das erklärt auch seine Liebe zum Fender Rhodes, denn das elektrische Klavier lässt sich relativ einfach mit auf Reisen nehmen. Die Taschenrhapsodie ist die fünfte CD unter eigenem Namen des in Paris lebenden deutschen Musikers.

Sein Werdegang ist typisch für viele Jazzmusiker. Aufgewachsen ist er in einem Haushalt, in dem die Eltern selbst viel Musik gemacht haben. In der Wohnung gab es nicht nur ein Klavier, sondern auch ein Schlagzeug, ein Akkordeon und eine Gitarre, sodass sich der Junge gleich an mehreren Instrumenten ausprobieren konnte und das auch tatsächlich getan hat. Zum Jazz brachte ihn dann ein Texas Aufenthalt als 16-jähriger Austauschschüler. Dort spielte er in der Schuljazzband mit und hatte einen Musiklehrer, der ihm Jazzstandards und Blues beibrachte.

Jetzt hat Frank Woeste zumindest indirekt seinem damaligen US-Aufenthalt seine Referenz erwiesen, nämlich ein Stück der texanischen Geisterstadt Terlingua gewidmet, die er vor Kurzem bei einer Rückkehr besucht hat.

Die amerikanische Jazzerfahrung brachte Frank Woeste dazu, ein Jazzstudium am Conservatoire National Superieure de Musique in Paris zu beginnen. Auch wenn er mit New York liebäugelte, so begeisterte ihn die Eigenständigkeit der französischen Jazzscene. Also blieb Woeste in Paris, fand rasch Anschluss, wurde von prominenten Musikern wie Louis Sclavis oder Michel Portal eingeladen, mitzuspielen. Sie machten ihm zudem Mut, selbst mit dem Komponieren anzufangen.

"Also ich suche im Grunde genommen in dem ganzen Pool von Einflüssen, von Musik, die schon da ist, meinen eigenen Weg, meine Abzweigung da drin. Im Grunde genommen ist da alles drin. Ich komme, wie gesagt, von der Klassik eigentlich, das heißt, das ist auf jeden Fall sehr präsent auch für mich als Pianist einfach, Technik, aber auch Harmonie, Form, Ausdruck am Klavier, das heißt, dass man das Klavier spielt und nicht davon gespielt wird irgendwie, dass man Fähigkeiten hat, auch das auszudrücken, was man eigentlich gerne möchte."

Für ihn ist das E-Piano wie eine E-Gitarre

Frank Woeste ist nicht nur ein ausgesprochen talentierten Pianist, er spielt auch gerne mit Verfremdungen seines Klaviers, legt Dinge auf die Saiten im Corpus, zupft an ihnen, spielt perkussiv im Klavier. Er schätzt zudem elektronische Effekte, wie sie ihm das Fender Rhodes bietet. Für ihn ist das E-Piano wie eine E-Gitarre.

Und für seine Stücke lässt sich Frank Woeste auch gerne von guter Popmusik inspirieren. Jimmy Hendrix gehört zu seinen Helden, aber er schätzt auch Radiohead oder Björk, findet im Radio immer wieder Sachen, die ihm gut gefallen. Er ist einfach offen für neue Ideen und das zeigt auch sein neues Album.

Das Stück auf dem neuen Album Stück 'Nouakchott' beispielsweise, entstand auf einer Afrikatour und zeigt zudem, wie viel Raum Frank Woetse seinen Mitspielern gibt - in diesem Fall dem amerikanischen Gitarristen Ben Monder. Das gilt natürlich auch für den amerikanischen Schlagzeuger Justin Brown. Mit dem Gitarristen und dem Schlagzeuger hat Frank Woeste die zehn Titel seiner neuen CD "Pocket rhapsody" in New York eingespielt, die Aufnahmen dann mit nach Paris gebracht und dann die Geigerin Sarah Nemtanu und den Cellisten Gregoire Korniluk gebeten, ihren Part einzuspielen.

Die südkoreanische Jazzsängerin Youn Sun Nah beim Festival in Carhaix-Plouguer in Frankreich; Aufnahme vom Juli 2013 (AFP PHOTO / FRED TANNEAU)Die südkoreanische Jazzsängerin Youn Sun Nah beim Festival in Carhaix-Plouguer in Frankreich; Aufnahme vom Juli 2013 (AFP PHOTO / FRED TANNEAU)

Auf zwei Titeln ist zudem der Trompeter Ibrahim Maalouf und auf einem die Sängerin Youn Sun Nah zu hören. Beide kennt er seit Langem, hat er doch in ihren Bands als Sideman mitgespielt. Trotz dieser Ergänzungen wirken die Aufnahmen wie aus einem Guss, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass Frank Woeste klare Vorstellungen davon hatte, was seine Musiker spielen sollten. Seine Stücke sind auskomponiert.

"Im Grunde genommen sage ich erst mal gar nichts, das heißt, ich lass die Musik erst mal sich selbst spielen und wenn ich dann höre, also dass irgendetwas für mich nicht passt zu der Komposition, die ich geschrieben habe, dann sage ich das und ich hab dann in der Regel auf jeden Fall eine klare Vorstellung, wie es funktioniert könnte, also zum Beispiel einen bestimmten Groove am Schlagzeug oder einen bestimmten Sound an der Gitarre, also auf jeden Fall, ich hab eine Idee, aber ich gehe immer davon aus, dass die Leute, deren Instrument es ist, das besser wissen als ich und oft ist das tatsächlich so. Was für mich sehr wichtig ist, ist der Improvisationsteil in meiner Musik und da würde ich nie jemanden rein reden, wie er zu spielen hat."

Man kann es hören: Die vielen Reisen haben ihre Spuren in Frank Woestes Musik hinterlassen. Er hat ein weites Herz für fremde Klänge, liebt die Abwechslung und hat doch einen ganz unverwechselbaren eigenen Ton. Es wird Zeit, dass man ihn auch hierzulande entdeckt.

Mehr zum Thema

Highlights - Jazz im Februar
(Deutschlandradio Kultur, Jazz, 01.02.2016)

JazzFacts - Die dritte Hand
(Deutschlandfunk, Jazz im DLF, 31.07.2014)

Tonart

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur