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Profil / Archiv | Beitrag vom 28.07.2010

Der Nerd und sein Comic-Tagebuch

Johannes Kretzschmar bloggt mit witzigen Comic-Strips

Von Elenea Gorgis

Kretzschmar: Im Blog naiver, provinzieller oder auch nerdiger als ich in Wirklichkeit bin. (AP)
Kretzschmar: Im Blog naiver, provinzieller oder auch nerdiger als ich in Wirklichkeit bin. (AP)

Johannes Kretzschmar aus Jena hat eine besondere Form gefunden, über sich selbst zu erzählen: in kleinen Comic-Strips im Internet. Seit fünf Jahren betreibt er den Blog "beetlebum".

Jojo ist ein ganz normaler Durchschnittstyp: strubbelige schwarze Haare, Brille und ein kleines Bärtchen am Kinn. Er muss Diät halten und spielt manchmal lieber Computer als etwas mit seiner Freundin zu unternehmen. Trotzdem ist Jojo ein Held – ein Comic-Held! Denn Jojo ist das Alter Ego von Johannes Kretzschmar, einem der erfolgreichsten Comic-Blogger in Deutschland:

"Ich kokettier' sehr oft damit. Also in meinem Blog stell ich mich sehr oft naiver dar oder provinzieller oder auch nerdiger als ich in Wirklichkeit bin, was ich immer sehr witzig finde."

"Beetlebum" heißt sein autobiografischer Comic-Blog und das heißt so viel wie "Versager". Doch davon hat Johannes Kretzschmar wenig. Und auch sonst gibt es Unterschiede zwischen Jojo und ihm:

"Viele meinen ja, ich zeichne mich zu dünn."

Und nicht nur das: Im echten Leben hat der 28-Jährige braune Haare, die auch nicht ganz so schwungvoll zerstrubbelt sind und er trägt einen Dreitagebart. Außerdem macht der reale Jojo einen ruhigeren, gemütlicheren Eindruck als sein quirliges Comic-Ich. Koketterie hin oder her.

Gezeichnet hat Johannes Kretzschmar schon immer, "aber nur so vor sich hin", wie er beiläufig sagt. Auf die Idee, seine Zeichnungen auch zu veröffentlichen, kam er erst durch den Wunsch zu bloggen. Texte schreiben war nicht sein Ding, deshalb entschied er sich fürs Comicmachen. Auch wenn der Informatiker das nie professionell gelernt hat. Seit fünf Jahren läuft sein Blog jetzt schon und der Stil, den er über die Jahre entwickelt hat, kommt an:

"Es gibt jetzt nicht den Kurs, wo man hingeht und dann wird dir das gezeigt, sondern es ist sehr oft, dass man was sieht und denkt, 'das find ich schlau gelöst', also man kriegt das ja direkt mit, wie andere Geschichten erzählen und dann übernimmt man das einfach. Man entwickelt sich ja selbst weiter und dann ist das so 'ne stetige künstlerische Entwicklung."

Seine Figuren sind rundlich, haben Knubbelnasen und Knubbelohren. Ihre teils weit geöffneten Münder sind flächig ausgemalt, ebenso wie ihre Haare und die Kleidung. Die Augen seiner beiden Hauptfiguren - Jojo und seine Freundin Nadini - versteckt Kretzschmar hinter einer unmodischen Brille und einem zu langen Pony. Die Rollen der Charaktere sind klar verteilt: Jojo ist der Computer-Nerd, der die Welt aus der Sicht des Informatikers betrachtet und dazu neigt, sozial zu verkümmern. Nadini - seine große Liebe - lebt im Hier und Jetzt; holt ihn mit Bestimmtheit immer wieder aus der digitalen Welt in die Realität zurück:

"Mit meiner Freundin gibt es da halt öfters kleine Quälereien, weil sie denkt halt, sie wird zu negativ dargestellt. (Lacht). Ich hab schon viele, gerade Frauen, getroffen, die finden das toll, dass sie so im Grunde so 'ne starke Persönlichkeit hat und mich da unter der Fuchtel hat."

Nadini heißt im echten Leben Nadine Lauer. Seit 10 Jahren sind die beiden ein Paar. Die Biologin achtet auch im richtigen Leben darauf, dass ihr Kerl sich ordentlich anzieht, gesund isst und ab und zu seinen Schreibtisch aufräumt. Vor allem verleiht sie seinem Leben und seinen Comics das gewisse Etwas, sagt der, der es wissen muss. Und sie sorgt so dafür, dass aus dem erfolgreichen Blogger kein digitaler Hipster wird, dass Johannes Kretzschmar angenehm normal bleibt. Aufgewachsen ist der sympathische Mann in einer Neubausiedlung in Saalfeld: Die Mutter ist Ökonomin, der Vater Elektroingenieur. Also nichts Künstlerisches. Vielleicht sieht er sich deshalb auch nur als jemanden, der einfach gerne zeichnet.

Passend dazu wohnt der Computerspezialist heute in Jena, in einem kleinen Mehrfamilienhaus, das in idyllischer Umgebung auf dem Hausberg liegt:

"Also ich hätte auch gut weiter in 'nem Plattenbau wohnen können, die es ja hier auch gibt, wie überall, aber Nadine wollte unbedingt schön wohnen und deshalb wohnen wir jetzt auch schön."

Von seinem Schreibtisch aus kann Johannes Kretzschmar die Jenaer Innenstadt überblicken, die Wände seines Arbeitszimmers sind sonnengelb gestrichen und mit Fotos, Postern und Postkarten beklebt. "Zur Inspiration", wie er sagt. Auch Musik hört er gern beim Arbeiten.

Die Comics entstehen auf einem digitalen Zeichenbrett, das mit dem Computer verbunden ist. Mit einem Stift zeichnet Kretzschmar auf eine Fläche in der Mitte des Bretts, wobei seine Bewegungen auf den Bildschirm übertragen werden:

"Das ist im Grunde dieser gleiche Prozess, wie es auch im Comiczeichnen normalerweise gemacht wird. Also da zeichnet man ja mit Bleistift erst drunter und dann mit Tusche die Reinzeichnung drüber."

Bis zu einer Stunde braucht der Blogger für gewöhnlich, bis er den fertigen Comic-Strip ins Netz laden kann. An die 5000 User verfolgen dort seine autobiografischen Geschichten schon jetzt regelmäßig. Ein eigenes Buch gibt es bislang noch nicht. Immerhin haben es Jojo und Nadini schon mal in die Comic-Anthologie "Panik Elektro" geschafft, die Johannes Kretzschmar seit letztem Jahr zusammen mit einem Freund herausgibt. Neben den Charakteren von 30 anderen Webcomic-Zeichnern toben da eben auch Jojo und Nadini übers Papier. Und das ist nur der Anfang, verspricht Johannes Kretzschmar. Hoffentlich!

"Ich hätte auch mal Lust, aber es verschlingt halt Zeit, irgendwie, also … aber ich plane es immer noch, also es wird auch bestimmt mal ein Buch geben."

Link: Beetlebum, der Blog von Johannes Kretzschmar

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