Lesart / Archiv /

Der Nahost-Konflikt aus weiblicher Sicht

Jehan Sadat: "Meine Hoffnung auf Frieden"

Rezensiert von Michael Stürmer

Der ägyptische Präsident Sadat, US-Präsident Jimmy Carter und der israelische Regierungschef Begin.
Der ägyptische Präsident Sadat, US-Präsident Jimmy Carter und der israelische Regierungschef Begin. (AP)

Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau: Was bei Reden zu hohen Geburtstagen höfliche Plattitüde ist, galt in Leben und Tod für Anwar al Sadat. Ägyptens starker Mann war einer der wenigen Hoffnungsträger, ja Staatsmänner in der unendlichen Geschichte von Krieg und Konflikt im Nahen Osten.

Sadat gehörte als junger Offizier zu den Gründern des modernen Ägypten, erlebte Niederlage auf Niederlage gegen Israel, wurde der zweite Staatschef, erreichte 1973 ein militärisches Patt und ergriff wenig später eine Initiative, die 1979 zum Frieden mit Israel führte. Dafür erhielt Sadat nicht nur zusammen mit dem israelischen Regierungschef Menachem Begin den Friedensnobelpreis. Dafür wurde er auch 1981 von jungen Offizieren, die sich auf den Islam beriefen, ermordet.

Jehan Sadat hat ein schmales, aber leidenschaftliches Buch über ihren toten Mann geschrieben. Mehr ein Bekenntnis als eine Analyse, ist es ein humanes Dokument und vermittelt nicht nur Einblicke in die Innenwelt des kriegsmüden Ägypten der Siebziger Jahre, sondern auch in die Verstrickungen der arabischen Welt von heute, eingeschlossen die Identität der Frauen.

Jehan Sadat will nicht nur Ägypten, sondern die nahöstliche Welt von der ewigen Drohung des Krieges und der Katastrophe befreien. Sie glaubt an das Wort, an das vernünftige Argument, an die entscheidende Rolle der Vereinigten Staaten - und vor allem an die friedenswilligen Mehrheiten unter Arabern und Israelis.

Sie beschreibt, wie sie den 11. September 2001 in den USA erlebte, den Tag des großen Terrorangriffs, und wie sie sich erinnert an den 6. November 1981 in Kairo:

"Anwar wurde ermordet, weil er etwas Unvorstellbares getan hatte, das in den Augen einiger Fanatiker unverzeihlich war: Er hatte Frieden mit Israel geschlossen. Dafür hatte er gelebt, und dafür war er gestorben. Radikale Islamisten hatten ihn als Verräter gebrandmarkt und als Kafir, also als Ungläubigen und Abtrünnigen beschimpft. Und dann wurde er an einem strahlend blauen Tag, der nichts von den kommenden Schrecken erahnen ließ, vor den Augen seiner Familie, seiner Landsleute und der ganzen Welt erschossen."

Es ist bemerkenswert und moralisch eindrucksvoll, wie die Witwe den Westen mahnt - denn ihr Buch ist vor allem an ein westliches Publikum gerichtet - nicht den Islam als ehrwürdige Religion mit mörderischem Fanatismus, Terror und Obskurantismus in eins zu setzen. Daraus, so warnt sie, entsteht die sich selbst erfüllende Prophezeiung eines unheilbaren Zusammenpralls der Kulturen. Die Saat des 11. September 2001 ist aufgegangen.

"Inzwischen sind seit diesem schrecklichen Ereignis fast zehn Jahre vergangen, und trotz aller Beteuerungen, dass der Kampf gegen den Terror kein Krieg gegen den Islam sei, sprechen die Tatsachen viel zu oft eine ganz andere Sprache. Ich kenne die Gefahren, die diese Fanatiker verkörpern. Aber man isoliert und beseitigt religiöse Eiferer nicht, indem man die Religion von mehr als einer Milliarde Menschen auf diese Welt dämonisiert. Im Gegenteil, damit polarisiert man und schafft eine Atmosphäre wechselseitigen Misstrauens."

Hat die Witwe Sadat eine Zauberformel für den Frieden? Jedenfalls nicht im Sinne irgendwelcher Patentrezepte. Sie sieht indes, wie seit der Mitte der 90er Jahre die Gegensätze schärfer, gefährlicher und zumeist aussichtsloser werden. 1995 wurde Itzhak Rabin von einem jüdischen Fanatiker ermordet: Wieder wurde sie an ihr eigenes Schicksal erinnert.

Sie sieht die so genannte Zweistaatenlösung als Erbe des Friedensschlusses Israel-Ägypten. Aber wie dahin gelangen? Da hat sie so wenig eine Antwort wie alle Politiker, eingeschlossen der mächtige amerikanische Präsident.

Das eigentliche Ziel dieses Buches ist es, den Islam zu entdämonisieren. Sie weiß, es wäre schon viel gewonnen, wenn die großen Irrtümer des Westens über den Islam zurechtgerückt würden.

"Erster Irrtum: Der Islam ist monolithisch. Zweiter Irrtum: Der Islam stiftet zum Terrorismus an und ist ein militanter Glauben. Dritter Irrtum: Der Islam ist demokratiefeindlich ... .Allerdings sind die Sprecher und Anführer der meisten extremistischen Bewegungen Intellektuelle, die den Status quo überwinden und eine Gesellschaft nach ihren eigenen, oftmals blutrünstigen Vorstellungen aufbauen wollen. Doch würden diese Leute wenig ausrichten, wenn sie nicht auf einen Kader junger Männer (und manchmal auch Frauen) zurückgreifen könnten, die unzufrieden und ungebildet sind - oder gebildet, aber arbeitslos, ohne Chance und ohne Zukunft. ... Bildungsmangel, Armut, Vorurteile: Das sind die wahren Feinde, nicht der Islam."

Jehad Sadat: Meine Hoffnung auf Frieden (Coverausschnitt)Jehad Sadat: Meine Hoffnung auf Frieden (Coverausschnitt) (Verlag Hoffmann und Campe)Immer wieder kommt sie auf den Konflikt im Heiligen Land und um das Heilige Land zurück. Mehr als drei Viertel aller Araber sehen die Welt durch dieses Prisma aus Feuer und Tränen. Es sind nicht theoretische Einsichten, die diese kluge Frau formuliert, sondern die lebendigen Erfahrungen von Krieg und Frieden in der brennbarsten aller Weltregionen. Das erklärt die Verbindung von Leidenschaft und Energie, mit der sie wieder und wieder auf den definierenden Konflikt zurückkommt. Land für Frieden, das war die Formel des Friedens mit Ägypten. Sie gilt noch immer. Aber was auf dem menschenleeren Sinai möglich war, ist unendlich viel schwieriger auf dem Golan, in Jerusalem und in der Enge von Judäa und Samaria.

"Grundsätzlich gibt es drei wesentliche Punkte, die geklärt werden müssen, ehe eine Frieden bringende Übereinkunft erzielt werden kann: Das Problem der Siedlungen, das Rückkehrrecht der Palästinenser, und der Status von Jerusalem."

Die Stärke dieses Buches liegt in beidem, der politischen Konflikt-Erfahrung aus der Mitte der arabischen Welt und der geduldigen und differenzierten Erklärung dessen, was es heute bedeutet, Muslimin zu sein - in Ägypten, im Iran oder in Westeuropa:

"Natürlich stimmt es, dass viele muslimische Frauen die repressiven Bräuche und Ideologien abschaffen wollen, die sie den Männern gegenüber als minderwertig abstempeln. Aber muslimische Frauen müssen und wollen dabei nicht vom Islam befreit werden. Der Islam ist eine Lebensform, die völlig vereinbar ist mit den Bestrebungen der meisten Frauen und sie darin sogar unterstützt."

Ob Friedensprozess oder Frauenrechte: Im Nahen Osten gibt es noch viel zu tun, und die Zeit läuft.

Jehan Sadat: Meine Hoffnung auf Frieden
Hoffmann und Campe, Hamburg/2009

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Lesart

LektüretippLest Chatwin!

Die ukrainisch-deutsche Schriftstellerin Katja Petrowskaja, 1970 in Kiew geboren, lebt heute in Berlin. 2013 gewann sie mit "Vielleicht Esther" den "Ingeborg-Bachmann-Preis". Sie empfiehlt die Lektüre von Charles Bruce Chatwin.

Lese-EmpfehlungenKurz und kritisch

Eine schwangere Frau hält ihren Bauch.

In Deutschland sind viele Frauen von Altersarmut bedroht, warnen die Autorinnen Christina Bylow und Kristina Vaillant. Und Antje Schmelcher beklagt in ihrem Buch einen Generalangriff auf die Weiblichkeit.

Außergewöhnliche MilizIndiens Frauen wehren sich

Die indische Frauenaktivistin Sampat Pal

Amana Fontanella-Khan schildert die spannende Lebensgeschichte der Inderin Sampat Pal. Sie ist die Anführerin der "Gulabi Gang" - einer Bürgerwehr aus Frauen, die sich dort gegen Unrecht wehrt, wo der Staat versagt.

 

Kritik

SachbuchVision von einer Oper, die wichtig ist

Gerard Mortier (1943-2014)

In seinem Buch untersucht Gerard Mortiers das Verhältnis des Theaters zur heutigen Gesellschaft. Ein schmaler, meinungskräftiger Band, der kurz nach dem Tod des belgischen Intendanten zu dessen künstlerischem Testament wurde.