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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.05.2007

Der Mensch dem Menschen der größte Feind

Patrik Ourednik: "Die Gunst der Stunde, 1855", Residenz-Verlag St.Pölten/Salzburg , 169 Seiten

Der letzte lapidare Satz des Romans: "Nahezu alle waren betrunken."
Der letzte lapidare Satz des Romans: "Nahezu alle waren betrunken." (AP)

Der Roman des in Frankreich lebenden tschechischen Autors Patrik Ourednik erzählt von einer gescheiterten Utopie. Eine Gruppe ausgewanderter Europäer will 1855 in Brasilien ihre Vision einer gerechteren Gesellschaft verwirklichen. Je weniger es aber zu essen gibt, desto größer werden die Verteilungskämpfe.

Der Roman "Die Gunst der Stunde, 1855" von Patrik Ourednik thematisiert die Gründung der freien (und fiktiven) Kolonie "Fraternitas" durch ausgewanderte Europäer im Brasilien des Jahres 1855. Hunderte solcher Kolonien entstanden im 19.Jahrhundert in Süd- und Nordamerika, darunter viele sozialutopische Experimente von Anarchisten und Kommunisten, die ihre Ideale und Visionen von einer freieren und gerechteren Gesellschaft in der neuen Welt verwirklichen wollten.

Auch die Gründung der Kolonie "Fraternitas" ist ein solches Experiment von einer besseren Gesellschaft und es scheitert gewaltig. Dieses Scheitern aufgrund von kleinbürgerlichen Streitereien, von Missgunst, Neid, Rechthaberei und nicht zuletzt aufgrund von nationalen Vorurteilen ist das eigentliche Thema dieses Buches. Dargestellt wird dieses Scheitern in zwei voneinander unabhängigen Teilen, in die das Buch zerfällt – eine Gegenüberstellung von theoretischer Absicht und praktischer Ausführung, die die Diskrepanz von Wunsch und Wirklichkeit entlarvt.

Teil eins ist ein Brief in acht Kapiteln, (im Umfang von 50 Seiten), den ein Tierarzt aus Genua an seine frühere Geliebte schreibt - mit der Absicht, den Fortgang seines Lebens nach der leidvollen Trennung von ihr zu skizzieren. Der Brief ist in einem pathetischen, hochsprachlichen Stil des 19. Jahrhunderts verfasst. Der Ich-Erzähler philosophiert über die Rechte des Menschen, über die Freiheit der Frau, über seine politischen Ideale als "Sozialist" im Sinne des Wortursprungs, das heißt als Gefährte, Genosse und Partner. Er ist ein gealterter Mann, aus dessen Worten Resignation und Müdigkeit sprechen: "Die Welt ist blanker Wahnsinn. Der Mensch wird in Ketten geboren. In eine Welt des Zorns und des Bösen. In der Kälte sucht er seinen Weg des Verderbens."

Hier spricht ein gescheiterter Revolutionär, dessen Utopie in Brasilien gründlich misslungen ist: Während einer mehrmonatigen Abwesenheit in Europa hat sich die Kolonie einfach aufgelöst. Geblieben ist dem Ich-Erzähler nur das zurückgelassene Tagebuch eines Kolonisten. Dieses Tagebuch bildet den zweiten Teil des Buches (im Umfang von rund 100 Seiten) und überrascht nun durch eine gänzlich andere, nämlich unprätentiöse Sprache. Teil eins sei im epistolischen Stil, währenddessen der zweite Teil die Phase der Depathetisierung markiert, hat der Autor selbst zu diesem stilistischen Bruch im Buch gesagt.

Auch in diesem zweiten Teil spricht ein Ich-Erzähler: Bruno ist einer von 55 Italienern, die sich gemeinsam auf die Reise nach Brasilien machen. Penibel dokumentiert er ab Beginn der Überfahrt, die zwei Monate dauern soll, alles Wissenswerte - von den Namen der Mitreisenden, die auf mehreren Seiten untereinander aufgelistet sind, über die Streitereien um das Essen, die mühevollen Übersetzungen der gemeinsamen Versammlungen mit den mitreisenden deutschen, ungarischen oder französischen Kolonisten. Es werden zahllose und sinnlose Wahlen für Präsidentenämter abgehalten und peinliche Abstimmungen der selbsternannten Gutmenschen über die Aufnahme von "Negern".

In Brasilien angekommen, geht die Misere weiter. Je weniger es zu essen gibt, desto größer werden die Verteilungskämpfe. Der Mensch ist dem Menschen sein größter Feind - allen sozialromantischen Visionen zum Trotze, so lautet die Botschaft. Das bittere Fazit am Ende lautet: "Die vier größten Sehenswürdigkeiten unserer Kolonie sind Armut, Missgunst, Unterstellung und Alkoholismus." Dazu passt der letzte lapidare Satz des Romans: "Nahezu alle waren betrunken."

Diese etwas desillusionierte Botschaft des Romans wird nicht bitter-traurig präsentiert, sondern enthält viel Witz und Situationskomik. Teils satirisch, teils grotesk und sehr skurril schildert Ourednik die Diskussionen der Kolonisten, ihre menschlichen Schwächen, was die Verteilung von Essen und Geld, aber auch das Buhlen um Streicheleinheiten der mitfahrenden Frauen angeht. (Denn die wissen zum Beispiel ihre sexuelle Freiheit so gar nicht zu genießen.)

Zudem ist Ouredniks Buch literarisch vielfältig angelegt: Es parodiert unterschiedliche Genres wie die Reiseliteratur und den Briefroman, verschränkt unterschiedliche Sprach- und Stilebenen, karikiert aber auch politische Worthülsen und Weltverbesserungsstrategien - was für den in der Tschechoslowakei aufgewachsenen Ourednik nicht nur aufs 19.Jahrhundert beschränkt ist.

Ourednik lebt seit vielen Jahren in Frankreich, hat vor allem als Übersetzer französischer Literatur gearbeitet – und schon mit seinem Vorgängerroman "Europeana" bewiesen, dass er ein unkonventioneller Chronist historischer Epochen ist und ein Meister in der Verschränkung von Politik und Alltagskultur. Ourednik hat 1989 auch das Wörterbuch zum tschechischen Slang, das so genannte "Schmierbuch" herausgegeben.

Rezensiert von Olga Hochweis

Patrik Ourednik: Die Gunst der Stunde, 1855
Roman, übersetzt aus dem Tschechischen von Michael Stavaric
Residenz-Verlag St.Pölten/Salzburg , 169 Seiten , 17.90 Euro