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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.05.2012

Der Mensch als verlogenes Gesellschaftstier

August Strindberg: "Das rote Zimmer", Manesse Verlag, München 2012, 574 Seiten

Der schwedische Autor August Strindberg auf einem Bild aus dem Jahr 1875. (picture alliance / dpa / Pressens Bild)
Der schwedische Autor August Strindberg auf einem Bild aus dem Jahr 1875. (picture alliance / dpa / Pressens Bild)

Strindbergs "Durchbruchswerk" von 1879 ist das perfide Panorama einer korrupten Gesellschaft, eine durchgreifende Kritik der sozialen, politischen, moralischen und religiösen Verhältnisse in Strindbergs Heimatland Schweden. Erst in der neuen Übersetzung von Renate Bleibtreu funkelt das Buch in seinem maliziösen Witz.

Im Zentrum steht der junge Arvid Falk, der eine bequeme Beamtenlaufbahn aufgegeben hat, um sich schreibend auf die Spur der Wahrheit zu setzen. Nach dem Motiv der feindlichen Brüder wird ihm als Kontrastfigur der saturierte Großhändler Carl Nikolaus Falk gegenübergestellt, der ihn im zweiten Kapitel sogleich ums brüderliche Erbteil prellt. Mit anderen jungen Künstlern, Literaten, Journalisten trifft sich Arvid Falk im "Roten Zimmer, einem Stockholmer Bohémelokal, und bespricht die Lage.

Der Mensch als "verlogenes Gesellschaftstier" – mit satirischem Furor führt Strindberg zahlreiche Maskierungen des Egoismus vor: intrigante Geschäftsmänner, die vom Allgemeinwohl schwadronieren, salbungsvolle Wohltätigkeitsvereinsdamen, Pastoren und Heilsverkünder, rundum bestechliche Politiker und Beamte, gewissenlose Gefälligkeitsjournalisten, eine vor allem an ihren Pfründen interessierte Kunst- und Theaterszene. Besonders amüsant wird es, wenn die Geschäftsmodelle von Versicherungsgesellschaften oder Verlagen seziert werden. Ein Höhepunkt ist der Vortrag "Über Schweden", den der Amateurphilosoph Olle Montanus vor empörtem Publikum hält: ein Abgesang auf die Nation und den Nationalismus, der damals gerade zum europäischen Hauptübel wurde.

Der Roman hat nur eine lose geknüpfte Handlung, die den Leser in 29 episodischen Kapiteln von einem Schauplatz zum anderen führt, durch diverse Stockholmer Milieus, von einem gesellschaftlichen Sumpf zum nächsten. Es ist eine große Revue der Desillusionierung, bei der allerdings auch schon der moderne Habitus der Desillusion, der Nihilismus als "geruhsame Weltverachtung", entlarvt wird. Arvid Falk wird der selbstschädigende "Idealismus" schließlich von einem zynischen Mediziner ausgetrieben; er kann "genesen" und eine bürgerliche Laufbahn einschlagen.

Strindbergs höhnische Gesellschaftssatire arbeitet gleichermaßen mit naturalistischem Detailreichtum und der Überspitzung ins Surreale. Einige Charakterporträts machen bereits seine dramatische Begabung deutlich. "Das rote Zimmer" ist ein Roman, der von scharfzüngiger, oft parodistischer Sprache und vielen treffenden Pointen lebt. Wie Jahrzehnte später Louis Ferdinand Célines "Reise ans Ende der Nacht" ist es ein Buch, das die Gesellschaftskritik mit einem neuen, radikalen Prosa-Ton verbindet. All das ließ sich in den alten Übersetzungen nur wie durch eine trübe Scheibe erahnen. Strindbergs Furor las sich abgemattet wie mittelmäßiger Realismus. Erst in der neuen Übersetzung von Renate Bleibtreu funkelt das Buch in seinem maliziösen Witz. Bequemlichkeit, Heuchelei, Bestechung, Eigennutz, Betrug, Unwissenheit, Dummheit – das sind zeitlose Werte, und man liest "Das rote Zimmer" heute mit vielen Wiedererkennungseffekten.

Besprochen von Wolfgang Schneider

August Strindberg: Das rote Zimmer
Roman
Aus dem Schwedischen von Renate Bleibtreu
Manesse Verlag, München 2012
574 Seiten, 24,95 Euro

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