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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.05.2010

Der Mensch als Summe

Jörn Klare: "Was bin ich wert? Eine Preisermittlung", Suhrkamp Verlag, 268 Seiten

Wie viel gäbe ein Händler auf dem grauen Markt für seine Nieren?  (AP)
Wie viel gäbe ein Händler auf dem grauen Markt für seine Nieren? (AP)

Aus handfesten Materialien ist der Mensch gemacht - Sauerstoff, Kohlenstoff und vieles von dem, was auf der Packungsbeilage von Vitamintabletten zu lesen steht. Wer seine Inhaltsstoffe veräußern wollte, bekäme dafür gerade einmal 1000 Euro. Natürlich hätte er nichts mehr davon.

In seinem Buch "Was bin ich wert?" macht sich der Journalist Jörn Klare auf die Suche nach dem Wert des Menschen. Und weil er weiß und durchleuchten möchte, dass wir in einer zunehmend ökonomisierten Welt leben, redet er Klartext: Zahlen will er und Statistiken, Eurobeträge und Stellen hinter dem Komma. Um dem Buch Spannung zu geben, schickt er eine naive Hauptfigur auf die Suche nach ihrem monetären Wert - sich selbst als recherchierenden Jörn Klare. Hundert Kilogramm wiegt der Mann, ist ohne Universitätsabschluss, aber voller Berufserfahrung, kann mitreißend schreiben, aber nur leidlich Fußball spielen, ist kein junger Spund mehr, aber auch noch nicht jenseits der achtzig.

3,5 Millionen Euro, sagt ein Volkswirt. So hoch liegt der "Wert eines statistischen Lebens (WSL)" in Deutschland. In den WSL fließt ein, was die Bevölkerung im Durchschnitt zu zahlen bereit wäre, um nicht sterben zu müssen, geteilt durch das mittlere Sterberisiko. Die bei Ökonomen beliebte Größe ist jedoch umstritten, denn es gibt zahllose Wege, einem Menschen die Zahlungsbereitschaft für das eigene Leben zu entlocken. So richtig zuverlässig ist keiner davon.

Die Verfechter von Kosten-Nutzen-Analysen etwa im Gesundheitswesen ("Welche Patienten erhalten ein Transplantationsorgan?") oder in der Politik ("Welchem Stadtteil gönnen wir mehr Sicherheit?") wissen, wie kritisch man ihre Berechnungen sehen kann. Schließlich verlangt das Grundgesetz eine unteilbare Menschenwürde. Mit Humor und Hintersinn bringt der Autor all seine Gesprächspartner zum Reden - Gesundheitsökonomen und Betriebswirte, Krankenhausleiter und Philosophen, Medizinhistoriker, Pfarrer und die Leute auf der Straße.

Anstatt zu moralisieren, fächert der Autor die teils erstaunlichen, teils unerträglichen Positionen minutiös auf. Wie viel gäbe ein Händler auf dem grauen Markt für seine Nieren? Welche Summe erhielte er für die Teilnahme an einem risikoreichen Medikamentenversuch? Wie viel könnte er verlangen, wenn er sich als Sklave in Indien verkaufte? Die zusammengetragenen Zahlenkolonnen wirken inmitten des scheinbar naiven Plaudertons von ganz allein immer absurder und bedrückender.

Der Wert des Menschen bemesse sich nach seiner Stellung in der Gesellschaft, erklärt unverblümt der Leichen-Aussteller Günther von Hagens in seinem arroganten Auftritt. 2000 Euro zahlt er für eine normale Leiche. Auf drei Millionen schätzt er seinen eigenen Wert als Toter. Die erschöpfte Hausärztin im sozialen Randbezirk hat ganz andere Ziffern parat. "Knapp 40 Euro", lächelt sie. Soviel erhalte sie pro Quartal für die Versorgung eines Patienten. Einen gab es, der mangels Behandlung starb. Die 10 Euro Praxisgebühr waren ihm zu viel für sein Leben.

Über den Autor: Jörn Klare, geboren 1965, schreibt Reportagen und Features, unter anderem für den Deutschlandfunk und Die Zeit. Für sein Feature "Der Weltgerechtigkeitsbasar" erhielt er 2008 den Robert-Geisendörfer-Preis der Evangelischen Kirche Deutschland.


Besprochen von Rezensentin: Susanne Billig

Jörn Klare: Was bin ich wert? Eine Preisermittlung.
Suhrkamp Verlag, Taschenbuch, 268 Seiten, 14,90 Euro

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