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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.07.2011

Der Mann ohne Nachnamen

Catalin Dorian Florescu: "Jacob beschließt zu lieben", C.H. Beck, München 2011, 402 Seiten

Catalin Dorian Florescu (Pendo Verlag Zürich)
Catalin Dorian Florescu (Pendo Verlag Zürich)

"Im Prinzip bin ich dabei, Filme zu drehen, nur billiger als die auf Leinwand" – so charakterisiert der gebürtige Rumäne und Schweizer Autor Catalin Dorian Florescu sein Schreiben. Und ist damit äußerst erfolgreich.

Bereits nach Erscheinen seines Debütromans "Wunderzeit" im Jahr 2001 wurde er als erzählerisches Naturtalent gefeiert. Mittlerweile hat er etliche Preise und ein gutes Dutzend Stipendien erhalten. Seine Bücher erscheinen in mehreren Sprachen, nun legt er seinen fünften Roman vor: "Jacob beschließt zu lieben".

Die Handlung beginnt 1924. Ein junger Mann kämpft sich, mit nichts als den Kleidern am Leib, durch einen heftigen Sommersturm in das kleine rumänische Dorf Triebswetter vor. Er will Elsa Obertin heiraten, eine vermögende Frau, die er nicht kennt, deren Ahnen aber einst dieses Dorf im Banat gegründet haben. Am Ende des Romans, 30 Jahre später, steht derselbe Mann auf einem abgeernteten Feld an der Grenze zur Sowjetunion. Mit nichts als den Kleidern am Leib, in Erwartung der Herbststürme.

Dazwischen erzählt Catalin Dorian Florescu die Geschichte des Mannes - der "Jakob ohne Nachnamen" heißt - die seines Sohnes, "Jacob mit c", von Elsa Obertin und deren Vorfahren. Sie führt zurück bis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Nach Lothringen, von wo aus die Obertins im 18. Jahrhundert einst aufgebrochen waren, um im Auftrag der österreichischen Kaiserin das Banat zu kolonisieren.

Jakob zeichnet sich durch seine direkte und anpackende Art aus, aber auch durch den unbedingten Willen zu Erfolg und Macht. Elsa Obertin heiratet ihn tatsächlich. Sie besitzt Hof und Felder, die bewirtschaftet und eines Tages vererbt sein wollen.

In kurzer Zeit gewinnt der Name Obertin – den Jakob von seiner Frau annimmt – wieder an Gewicht in der Gegend. Der Hof prosperiert, wer sich aber Jakob zu widersetzen wagt, lebt gefährlich, wie sein eigener Sohn, den er wegen seiner Schwächlichkeit verachtet.

Der Autor spannt anhand einer Familiengeschichte einen weiten erzählerischen Bogen durch die Jahrhunderte. Historische Ereignisse werden in ihrer Wirkung auf das Leben der einfachen Menschen gezeigt. Hunger, Besitzstreben, Tod und Gewalt sind dabei die Koordinaten, nach denen jede Generation sich ausrichtet.

Die kurzen Jahre des Wohlstands enden für die Obertins, als nach dem Zweiten Weltkrieg die Bevölkerung des Banat von den Russen deportiert wird. Jakob liefert ihnen seinen Sohn aus, um den Hof zu retten, doch verliert diesen später im Zuge landwirtschaftlicher Kollektivierung.

Der junge Jacob kann aus dem Deportationszug nach Sibirien fliehen, kehrt aber erst Jahre später nach Triebswetter zurück. Sein Vater ist inzwischen gebrochen. Anstatt Rache zu nehmen, begleitet Jacob seinen Vater bei der Umsiedlung in den Osten des Landes.

Aus mehreren Erzählperspektiven schildert Catalin Dorian Florescu vor allem geschichtliche Katastrophen und das Leid, das der Mensch dem Menschen antut. Es ist eine archaische Welt, die er entwirft. Der junge Jacob ist darin die einzige uneigennützige Person, auch in der Liebe. Er wirkt im Gesamtensemble wie die Personifizierung eines genetischen Defekts. Doch das macht die Schönheit der Figur aus. Ohne sie gäbe es gar keine Hoffnung mehr für die Menschen.

Besprochen von Carsten Hueck

Catalin Dorian Florescu: Jacob beschließt zu lieben. Roman
C.H. Beck, München 2011
402 Seiten, 19,95 Euro

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