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Thema / Archiv | Beitrag vom 05.01.2012

"Der Mann lebt von der Literatur"

Hanser-Chef Michael Krüger zum 80. Geburtstag von Umberto Eco

Michael Krüger im Gespräch mit Joachim Scholl

Umberto Eco, Professor für Semiotik und Bestseller-Autor (picture alliance / dpa - Arne Dedert)
Umberto Eco, Professor für Semiotik und Bestseller-Autor (picture alliance / dpa - Arne Dedert)

Vor 30 Jahren erschien im Hanser-Verlag "Der Name der Rose", ein Buch, das in den folgenden Jahren überall in der Welt millionenfache Auflagen erleben sollte. Geschrieben war es von Umberto Eco, einem damals nur der Fachwelt bekannten Semiotik-Professor aus Bologna. Heute wird Eco 80 Jahre alt.

Joachim Scholl: Schon bevor er mit seinem Bestseller "Der Name der Rose" ein international bekannter Romancier wurde, war er jemand: als Literaturwissenschaftler, Mediävist, Linguist, kannte man Umberto Eco bereits in der ganzen akademischen Welt als brillanten Denker und Theoretiker – ein Ruf, der bald auch in die breite Öffentlichkeit ausstrahlte, mit vielen Essays und Veröffentlichungen in Zeitungen. Und dort schrieb der Thomas-von-Aquin-Spezialist auch schon mal über Micky Maus und Snoopy. Inzwischen zählt Umberto Eco zu den bedeutendsten und populärsten Intellektuellen in Italien, und heute wird er 80 Jahre alt. Wir sind jetzt verbunden mit Michael Krüger. Er leitet den Hanser-Verlag in München, wo Umberto Ecos Bücher auf Deutsch erscheinen. Guten Morgen, Herr Krüger!

Michael Krüger: Guten Morgen!

Scholl: Sie waren vor 30 Jahre noch nicht der Chef, sondern Lektor. Und damals, Anfang der 80er-Jahre, erschien "Der Name der Rose" auf Deutsch in Ihrem Verlag, 1982. Was kommt Ihnen als erstes in den Sinn, wenn der Name Umberto Eco fällt? Dieser Roman oder mehr der Mann?

Krüger: Nein, erst der Roman, weil ich mich noch gut erinnere, wie die ganze Sache zustande kam: Es gab einen Anruf von Inge Feltrinelli, der italienisch-deutschen Verlegerin, die uns diesen, wie sie selber sagte, Schmöker empfahl, der nicht bei ihr erschienen war. Und da ich zu wenig italienisch konnte damals, musste ich ganz schnell jemanden suchen, weil wohl andere auch da hinterher waren, und habe das Manuskript – damals noch Manuskript, es war noch gar nicht erschienen – an Christian Enzensberger, den Bruder von Hans-Magnus, der hier Professor für Anglistik war, geschickt. Und der schrieb ein Gutachten, und es hörte auf mit den Worten: Vielleicht nicht gerade mein Buch, aber es wird mit Sicherheit ein Riesenerfolg.

Scholl: Das war schon …

Krüger: Und dann haben wir es gelesen, und es war ja eine Zeit, da muss man sich noch mal zurückversetzen, als gerade sehr viele Bücher über das sogenannte Mittelalter geschrieben wurden, die alle darauf drangen, dass man das Mittelalter nicht pauschal als eine Art Vorhölle für die Moderne beschrieb, sondern als ein durchaus strukturelles Gebilde, das es zu erforschen lohnt. Und dann kommt der Roman und bringt eben diese große Welt mit ihren Stürzen und Himmelfahrten zum Ausdruck. Und das war dann der Beginn dieser langen und großen Karriere des Meisters Eco.

Scholl: Auf dem Titelbild des neuesten Buches "Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers" von Umberto Eco, ein Band mit Vorlesungen, den wir nachher im "Radiofeuilleton" noch ausführlich besprechen, auf diesem Cover sieht man einen fröhlich lachenden Autor. Das ist, glaube ich, ziemlich charakteristisch, denn oft, wenn man Umberto Eco auf Fotografien sieht, ja, hat er fast so etwas dröhnend Lachendes. Er gilt als ausgesprochene Frohnatur. Haben Sie ihn auch immer so erlebt?

Krüger: Nein, der kann auch sehr brummig sein. Der kommt ja aus dem Piemont, und die Piemontesen sind eigentlich ja etwas verschlossene Leute, die gerne guten Wein trinken. Bei Eco kommt hinzu, dass er sich wie ein Kind freut, wenn er irgendetwas Schönes sieht oder hört. Er ist ein begeisterter Witzeerzähler und ein brillanter Witzeerzähler in vielen Sprachen. Aber - er ist ein Musiker, er freut sich, wenn er tolle Bücher findet. Er hat ja sein ganzes Geld in die unwahrscheinlichsten Schinken investiert, vor allem Dingen Rosenkreuzertum, Athanasius Kircher, also die interessantesten Bücher findet man bei ihm – da freut er sich. Aber er kann auch unglaublich brummig sein, und dann ist überhaupt nicht gut Kirschen essen mit ihm.

Scholl: Ich kann mich noch erinnern, als ich Germanistik studierte und mein Mediävistik-Professor eines Tages mit dem "Namen der Rose" ins Seminar kam und sagte: Das sollten wir mal lesen, das wäre mal was. Dass man dann doch verblüfft war, dass dieses Buch so rasch zum Weltbestseller wurde, mit Millionen Auflagen, in Dutzenden von Sprachen, wie erklären Sie sich eigentlich diesen sensationellen Erfolg also ungeachtet dieses tollen Gutachtens des Christian Enzensberger? Es ist ja beileibe kein einfaches, sondern ein hochkomplexes Buch, und auch die Literatur an sich des Umberto Eco, das ist ja nicht so die flotte Schreibe, sondern das ist ja immer hochgeistig, und trotzdem erreicht es so viele Menschen.

Krüger: Na ja, wissen Sie, man darf den Glauben an die Bildung der Menschheit ja nicht verlieren. Es gibt immer ein paar – auch gute Bücher, die sich durchsetzen, nicht nur die schlechten. Und damals war es ja doch eine Zeit, in der wahnsinnig viele schlechte Bücher erschienen und auf der Bestsellerliste standen. Und da gibt es natürlich irgendwann sozusagen den Druck, auch mal was Interessantes haben zu wollen. Das zweite war, dass wir wirklich hier im Verlag – das sehe ich noch wie heute vor mir – mit unerhört vielen Mitteln versucht haben, unsere Begeisterung ins Sortiment und dann zu den Lesern zu tragen. Das war auch ein Stück Arbeit, Überzeugungsarbeit, dass der historische Roman als ein Palimpsest, als ein Buch gelesen werden kann, in dem man auch die Gegenwart spiegelt. Und insofern war das Buch – kam auch irgendwie zur richtigen Zeit. Kurt Wolf hat mal gesagt: Der Erfolg eines Buches hängt davon ab, nicht von seiner Qualität allein, sondern davon, in welchem Moment es erscheint. Und ich glaube, hier kamen viele Dinge zusammen, und dann hat es funktioniert. Wissen Sie, wenn man sich fragt, warum ist "Das Parfum" von Patrick Süskind ein solcher Erfolg geworden, dann fragt man sich natürlich auch – ist auch kein unbedingt einfaches Buch und so weiter. Nein, da kommen viele Faktoren zusammen, die man Gott sei Dank nicht berechnen kann.

Scholl: Umberto Eco – zum 80. Geburtstag, Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit Michael Krüger, dem deutschen Verleger von Umberto Eco. Nach dem "Namen der Rose" dauerte es sieben Jahre bis zum nächsten Roman. "Das Foucaultsche Pendel" hieß der. Inzwischen stehen fünf große literarische Werke auf Ecos Veröffentlichungsliste, die ja wirklich gewaltig ist. Allein auf Deutsch habe ich 26 Buchpublikationen gezählt – ohne die Romane, wohlgemerkt. Michael Krüger, wie würden Sie heute den Schriftsteller Umberto Eco einschätzen? Ist er der Professor geblieben, der zwischendurch mal einen Roman schreibt, oder ist er jetzt doch hauptsächlich der Belletrist, der eben auch dann doch zudem theoretisch über sein eigenes Werk nachdenkt?

Krüger: Nein, er hat in den letzten Jahren fünf große Studien vorgelegt als Professor der Semiotik, der Wissenschaft von den Zeichen. Er hat eine große Übersetzungstheorie vorgelegt von immerhin 500 Seiten. Nein, ich würde sagen, der Mann selber lebt von der Literatur, von der Erklärung der Literatur, und er ist nur so alert und so vive und so präsent in seinem Kopf, dass eben die verschiedensten Formen des Nachdenkens entstehen. Hier eine Theorie der Übersetzung, da eine Theorie der Interpretation, da eine mehr historisch angelegte Studie, noch mal übers Mittelalter. Wenn man ihn mal besucht in seiner Bücherhöhle in Mailand, eine riesige Wohnung voller Bücher, dann kann man verstehen, dass er an zehn Projekten gleichzeitig arbeitet, dann weiß man auch, dass bei der Beschäftigung zum Beispiel mit dem letzten Buch, sind natürlich Erfahrungen eingeflossen aus den letzten 20 Jahren. Der Mann sammelt, der ist wie ein Eichhörnchen, in den verschiedensten Höhlen das verschiedenste Material, das dann irgendwann sozusagen reif ist, um in ein Essay, einen Roman oder sonst was umgebaut zu werden.

Scholl: Umberto Eco ist in Italien eine öffentliche Figur auch, er hat sich in die Politik seines Landes eingeschaltet, vehement gegen Silvio Berlusconi und dessen Politik gekämpft und angeschrieben. Wie beurteilen Sie diese Rolle, Herr Krüger? Ist die wichtig für ihn auch selbst?

Krüger: Ich glaube, die ist sehr wichtig, denn er ist wie alle diese Norditaliener. Und vor allen Dingen im sogenannten roten Bologna weiß man, dass man nur in einer zivilen, liberalen Gesellschaft sich glücklich fühlt, und dieses Italien, unser wunderbares Italien ist durch Berlusconi in vielerlei Hinsicht eine Katastrophe geworden. Die Beziehungen auch zwischen Deutschland und Italien, die ja doch mal mit Pasolini, mit Levi, mit Calvino, mit Magris auf dem Höhepunkt waren – das ist alles irgendwie zusammengebrochen, weil einerseits in Italien eine große Depression herrschte, gegen die Eco immer angeschrieben hat, andererseits, weil man sich nicht dauernd mit diesen italienischen Querelen beschäftigen wollte. Und er, dieser Weltbürger, der in vielen Sprachen und vielen Ländern zuhause ist, empfand das immer als eine Demütigung auch der italienischen Intelligenz, dass sie von einem solchen Menschen regiert wurde und auch mit einem solchen Menschen irgendwo dann doch identifiziert wurde. Das wäre ja genau so, wenn wir eben immer jetzt mit Herrn Wulff identifiziert werden würden.

Scholl: Herr Krüger, Sie kennen diesen Autor, Umberto Eco, nun jetzt über 30 Jahre oder bald 30 Jahre. Hat der Nimbus eigentlich so des Literaturweltstars ihn verändert? Wie erleben Sie ihn heute, wenn Sie ihn treffen?

Krüger: Nein, er hat sich überhaupt nicht verändert. Das Einzige, was sich verändert hat, ist das Zeitvolumen. Er ist der Privatmann geblieben, wenn man bei ihm ist und man wird selbstverständlich eingeladen, da zu wohnen, dann sitzt ein lustiger Vogel da, mit dem man abends noch einen herrlichen alten Film aus den 30er-Jahren hören kann, die Musik, die Sie eben gespielt haben, hätte ihm wahnsinnig gefallen. Er fängt an, einem auf der Trompete oder auf der Flöte etwas vorzuspielen, er ist ein außerordentlich begabter Esser und er hat ein Riesenproblem wie ich auch – und das verbindet uns wahnsinnig – mit dem Rauchen. Mittlerweile hat er irgend so einen Stummel im Mund, auf dem er immer rumkaut, um irgendwie ein bisschen Nikotin in die Glieder zu kriegen.

Scholl: Das heißt, Sie sitzen zusammen und bedauern, dass sie nicht mehr qualmen dürfen?

Krüger: So ist es, und trinken einen guten Wein und reden über Gott und die Welt, so hieß mal ein Buch von ihm mit Essays.

Scholl: Umberto Eco, heute feiert er seinen 80. Geburtstag, und das war unsere erste Gratulation mit Michael Krüger, Leiter des Hanser-Verlags. Ihnen erst mal herzlichen Dank, Herr Krüger!

Krüger: Bitte schön!

Scholl: Und im Hanser-Verlag ist jetzt auch das neueste Buch von Umberto Eco in Deutscher Übersetzung erschienen, "Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers", und wovon darin die Rede ist, werden wir in knapp einer Viertelstunde erfahren in unserer Literaturkritik nach halb zehn.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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