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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.06.2013

Der liberale Kronprinz

Frank Lorenz Müller: "Der 99-Tage-Kaiser", Siedler Verlag, Berlin, 2013, 459 Seiten

Kaiser Friedrich III. (1831-1888) -  vom 12. März 1888 bis zum 15. Juni 1888 Kaiser des Deutschen Reichs
Kaiser Friedrich III. (1831-1888) - vom 12. März 1888 bis zum 15. Juni 1888 Kaiser des Deutschen Reichs

Nur 99 Tage nach seiner Thronbesteigung, stirbt der preußische König und deutsche Kaiser Friedrich III. an Kehlkopfkrebs. Wer war dieser Kaiser wirklich? Mit leicht spöttischer Distanz zeichnet der Historiker Frank Lorenz Müller dieses Leben nach: nicht streng chronologisch, sondern thematisch.

Er war ein erklärter Gegner der Todesstrafe, aber das allgemeine Wahlrecht lehnte er ab. Er galt als Liberaler, aber die Katholiken mochte er nicht leiden. Er empfand "Abscheu" vor den Sozialdemokraten - aber auch vor den Antisemiten. Demonstrativ besuchte er im Dezember 1879 ein Konzert in einer Synagoge und notierte: "Wir schämen uns der Judenhetze, die in Berlin alle Grenzen des Anstands überschreitet." Wir: Kronprinz Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden - und als Friedrich III. der deutsche Kaiser mit der allerkürzesten Regierungszeit: 99 Tage im Jahre 1888, dem berühmten Drei-Kaiser-Jahr.

Er galt schon zu Lebzeiten selbst bei seinen Freunden als "bar jeder politischen Begabung", als "zu weich, uninformiert, schwerfällig und rückgratlos" - und doch war er "ein Mann von außerordentlicher politischer Bedeutung", wie Frank Lorenz Müller urteilt. Er war ein Mann mit vielen Facetten.

Kaum ein deutscher Herrscher verführt so sehr wie der Vater von Kaiser Wilhelm II. zu der beliebten Frage: "Was wäre, wenn?" Was wäre aus Deutschland geworden, wenn er nicht am 15. Juni 1888 seinem Kehlkopfkrebsleiden erlegen wäre - sondern das biblische Alter seine Vaters, Wilhelm I., erreicht und erst 1921 mit 90 Jahren gestorben wäre? Wäre uns der Erste Weltkrieg erspart geblieben? Flottenexpansion und deutsche Kolonien und damit zunehmende Feindschaft mit Großbritannien, aus dessen Königshaus seine Frau Victoria stammte: "Beinahe unvorstellbar", meint sein Biograf Frank Lorenz Müller, Professor für Neuere Geschichte an der schottischen Universität St. Andrews.

Eine historische Figur

Hätte der Schwiegersohn der Queen Victoria in jahrzehntelanger Regentschaft aus dem Königreich Preußen mit seinem Drei-Klassen-Wahlrecht und dem deutschen Kaiserreich mit aufstrebendem Bürgertum und machtbewusstem Arbeiterstand eine moderne Monarchie nach britischem Vorbild geschaffen - und uns damit die Monarchie bis heute erhalten und Hitler erspart? Gemach, gemach. Auf 371 äußerst spannend zu lesenden Seiten verweist Frank Lorenz Müller "die Geschichte vom liberalen Kronprinzen, dessen Herrschaft seinem Land und der Welt unbeschreibliches Leid erspart hätte, ins Reich der Legende".

Ja: Der 1831 geborene erste preußische Thronerbe, der eine Universität besuchte, hatte seine liberalen Neigungen. In erster Linie war "Unser Fritz", wie er volkstümlich genannt wurde, aber ein Hohenzoller - und das heißt in erster Linie: mit einer "traditionell preußischen Haltung zum Militär". Er war ein populärer Feldherr in den deutschen Einigungskriegen und spielte mit seinem Armeekorps bei der Schlacht von Königgrätz eine entscheidende Rolle. Bei aller Sympathie für liberale Verfassungsgedanken: eine parlamentarische Monarchie nach britischer Philosophie war seine Sache nicht.

Mit leicht spöttischer Distanz zu seinem Protagonisten zeichnet Frank Lorenz Müller dieses Leben nicht streng chronologisch nach, sondern gliedert es in thematische Blöcke - wie etwa die Beziehungen des Thronfolgers zu den drei wichtigsten Personen seines Lebens: zur britischen Gattin Victoria, zum Vater Wilhelm I. und dem Eisernen Kanzler. "Aus unterschiedlichen Gründen, aber mit ähnlichen Ergebnissen waren sie allesamt mächtiger als er": mit seinem "Hang zur Fügsamkeit, seiner Entschlussschwäche und seiner resignativen Haltung" - eben "mit einem eher durchschnittlichen Maß an Begabungen ausgestattet".

Kind seiner Zeit

Dabei werden, was gerne übersehen wird, auch die Kontinuitäten zu seinem Sohn Wilhelm II. hervorgehoben - der einige der hohenzollernschen Lieblingsprojekte des Vaters inbrünstig und dankbar vollendete: die Restaurierung der Wittenberger Schlosskirche etwa oder den Berliner Dom. "‘Unser Fritz‘ hatte dem 'Medienmonarchen‘ Wilhelm II. offensichtlich den einen oder anderen Kniff beigebracht." Und Wilhelm profitierte vor allem auch von der bleibenden Leistung des Vaters.

Die Kunstfigur "Unser Fritz" eignete sich vorzüglich, die Identität des neuen Reiches zu festigen "und zwar besonders in den nicht-preußischen Teilen Deutschlands": mit seinen modernen Zügen der Industrialisierung und eines emanzipierten Bürgertums, aber auch mit seinem mittelalterlich geprägten "romantisch-reichsfixierten Nationalismus". Unser Fritz war eben, so Frank Lorenz Müller "ein Kind seiner Zeit".

Besprochen von Klaus Pokatzky

Frank Lorenz Müller: Der 99-Tage-Kaiser
Siedler Verlag, Berlin, 2013
459 Seiten, 24,99 Euro

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