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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 24.05.2010

Der liberale Aufbruch

Vor 200 Jahren wurde der Rabbiner und Judaist Abraham Geiger geboren

Von Anna Gann

Rabbi Walter Jacob, Präsident des Abraham-Geiger-Kollegs (re.) bei einer Ordination in Dresden. (AP)
Rabbi Walter Jacob, Präsident des Abraham-Geiger-Kollegs (re.) bei einer Ordination in Dresden. (AP)

Orthodox, konservativ oder liberal sind die drei großen Richtungen im Judentum. Das liberale Reformjudentum entstand im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Sein bedeutendster Ideologe war der Rabbiner Abraham Geiger, der heute vor 200 Jahren geboren wurde.

Walter Jacob: "Abraham Geiger hatte einen Traum, einen Traum, ein Rabbinerseminar zu gründen, sodass die Rabbiner nicht alleine studieren, aber mit all den anderen Studenten ihrer Zeit, und sodass sie sofort ein anderes Bild von der Welt haben."

Der US-amerikanische Oberrabbiner Walter Jacob, der aus Deutschland stammt. Er ist der Präsident des Potsdamer Abraham-Geiger-Kollegs, der ersten Ausbildungsstätte für Rabbiner und Rabbinerinnen sowie für jüdische Kantoren und Kantorinnen, die in Zentraleuropa nach dem Holocaust gegründet wurde.

Abraham Geiger, Rabbiner und Namensgeber des Kollegs, war der wichtigste Vordenker des Reformjudentums, heute weltweit die führende jüdische Bewegung:

"Das Bewusstsein des guten Rechts der Reform [...] soll nun auch in die Lebensverhältnisse eindringen und den religiösen Boden umpflügen."

So schrieb Abraham Geiger 1847 als Herausgeber der "Wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie". Der liberale Aufbruch hatte bereits 1810 in Seesen im Harz mit praktischen Reformen des jüdischen Gottesdienstes begonnen. Im selben Jahr, am 24. Mai, wurde Abraham Geiger als jüngstes von sechs Kindern einer strenggläubigen Frankfurter Familie geboren. Schon früh distanzierte sich der begabte Junge innerlich vom traditionell geprägten Judentum seiner Umgebung. Er studierte Orientalistik und stellte in seiner Doktorarbeit die Frage: "Was hat Mohammed aus dem Judenthume aufgenommen?" Die Rabbinerausbildung seiner Zeit sah weder einen solchen Blick über den Tellerrand der eigenen Religion vor, noch eine kritische Auseinandersetzung mit den Schriften und der Geschichte des Judentums. Bald, nachdem er 1832 selbst Rabbiner in Wiesbaden geworden war, forderte Geiger daher einen unabhängigen wissenschaftlichen Studiengang für jüdische Gelehrte.

"Nur hierdurch kann das Judenthum die ihm in der Reihe der Religionen gebührende Stellung einnehmen, und nur so kann die jüdische Theologie unter den Wissenschaften ehrenvolle Aufnahme finden."

Eine kritische jüdisch-theologische Wissenschaft, so war Geiger überzeugt, würde das Judentum davor schützen, zu einem Relikt aus alter Zeit zu verkümmern. Sie würde helfen, die wesentlichen jüdischen Glaubensideen herauszuschälen, nach den Kriterien der Vernunft zu begründen und zeitgemäße Ausdrucksformen zu finden. Der Rabbiner selbst entwickelte in zahlreichen Veröffentlichungen das gedankliche Fundament für ein modernes Judentum. Die tradierten Ritualgesetze waren für ihn ebenso hinterfragbar wie die orthodoxen Glaubensüberzeugungen. Zum Beispiel die Bindung des Judentums als Volksgemeinschaft an Israel.

"Wir bekennen vielmehr, dass wir dem Lande, in dem wir leben, innigst als unserem Vaterlande verbunden sind."

1839 ging er nach Breslau und wurde der erste reformorientierte Rabbiner in einer großen jüdischen Gemeinde Deutschlands - gegen den erbitterten Widerstand orthodoxer Gemeindemitglieder. Im selben Jahr heiratete Geiger seine langjährige Verlobte Emilie Oppenheim, die beiden hatten vier Kinder.

Abraham Geigers Traum von einer wissenschaftlichen Ausbildungsstätte für jüdische Theologie erfüllte sich 1872 mit Gründung der Berliner "Hochschule für die Wissenschaft des Judentums", an der auch Frauen und Christen zugelassen waren. Er wurde ihr erster Rektor. Bei der Eröffnung musizierte Louis Lewandowski, der bedeutendste Komponist synagogaler Musik des 19. Jahrhunderts.

Am 23. Oktober 1874 starb Abraham Geiger nach einem Hirnschlag. 1942 wurde die Hochschule von den Nazis geschlossen. Mit dem heutigen Abraham-Geiger-Kolleg verbindet sich für viele, Juden wie Nicht-Juden, die Hoffnung, dass jüdisches Leben in Deutschland eines Tages wieder so lebendig und vielfältig sein könnte, wie zur Zeit Abraham Geigers.

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