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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.12.2011

Der letzte Tanz

Abschied von der Merce Cunningham Dance Company

Von Miriam Rossius

Merce Cunningham, US-amerikanischer Tänzer und Choreograf (AP)
Merce Cunningham, US-amerikanischer Tänzer und Choreograf (AP)

Er war immer Avantgarde und hat auch am Ende seines Lebens noch seinen Nachlass anders geregelt als die meisten anderen Künstler: Merce Cunningham hat verfügt, dass sich sein Tanzensemble zweieinhalb Jahre nach seinem Tod auflösen soll. Es bittet zum letzten Tanz.

Auftakt für ein Abschiedswerk: "Nearly 90", Merce Cunninghams letzte Choreografie, uraufgeführt zu seinem neunzigsten Geburtstag. Kein Stück, das Furore machte, so wie viele andere, aber natürlich haben seine Tänzer es während der Abschiedstournee mehrfach gezeigt, spiegelt es doch, worum es in den Choreografien von Merce Cunningham ein Leben lang ging: Die Bewegung selbst ist das Thema. Bewegung, die den ganzen Raum erkundet und immer wieder neu entdeckt werden will:

"Die Company hab’ ich vor 20 Jahren das erste Mal gesehen in Zürich, das war für mich wie eine Offenbarung."

Oriane Eisenbarth, selbst Tänzerin...

"Und dieses Stück von heute Abend - Nearly 90 - habe ich auch schon etwa 15 Mal gesehen, weil die Stücke eben so komplex sind, dass man jedes Mal wieder etwas Anderes drin sieht, auch je nachdem wo man sitzt, ob man weiter vorne, hinten, außen, Mitte sitzt, ist die Perspektive ganz anders."

Raum-Zeit-Technik – Merce Cunningham veränderte den Tanz von Grund auf: Üppige Ausstattung und Handlung lehnte er ohnehin ab, aber auch die Symmetrie, einen gedachten Mikttelpunkt. Für ihn gab es unendlich viele Bewegungszentren, auf der Bühne wie im Körper. Diese beiden im Sinne von Cunningham zu gebrauchen, daran arbeitet Robert Swinston inzwischen so lange wie kein anderer:

Robert Swinston gehört seit 30 Jahren zur Company, 20 davon war er Merce Cunninghams Assistent. Während der Abschiedstournee gab er dutzende Workshops, um dessen Ideen weiterzugeben:

"Das Tanztraining ist stilisiertes Gehen, dabei dreht sich alles darum, wie du dein Gewicht von einem Bein auf’s andere verlagerst. Es gehört zu den Erfahrungen bei der Arbeit mit Merce, dass er dich immer herausgefordert hat – die Größe der Schritte, das Tempo der Schritte – und er ging von einem Extrem zum anderen."

Extreme, die das Publikum oft überwältigt haben, überfordert und empört. Nachdem Merce Cunningham 1953 sein eigenes Ensemble gegründet hatte, vergingen zehn Jahre, bis eine erste internationale Tournee Anfang der 60-er gewisse Anerkennung brachte. Trotzdem wurde die Tanzkompanie lange Zeit vor allem wegen der Musik eingeladen.

Live-Elektronik, komponiert von John Cage, Cunninghams Lebenspartner über Jahrzehnte und viel früher als dieser ein gefragter Künstler. Überhaupt das Verhältnis von Tanz und Musik: Cunningham bestand auf der Eigenständigkeit des Tanzes, so entstand beides losgelöst voneinander, um dann auf der Bühne doch zusammenzufinden.

Ein völlig neues Verständnis auch beim Bühnenbild: Die Tänzer bewegten sich in Installationen, Pop Art, geschaffen von Andy Warhol, Jasper Johns und allen voran Robert Rauschenberg. Cunningham sorgte schon für die angemessene Ausstattung der Company, als sie noch mit einem kleinen VW-Bus durch die USA tourte – einige seiner Arbeiten begleiteten das Ensemble bis zum Schluss, während der Abschiedstournee.

Wenn die nun zu Ende ist, kommen Rauschenbergs Kostüme ins Museum, so wie Cunninghams Bühnenanweisungen, Filme, Videoaufnahmen und weiteres Material zu den Stücken. In digitaler Form soll ein großer Teil davon frei zugänglich sein.

Damit etwas bleibt von seinem großen Werk, setzen Cunninghams Weggefährten auch auf das Computerprogramm, mit dem er seine Stücke erarbeitet hat.
Tänzern und Choreographen beizubringen, wie diese Software funktioniert, wurde die Aufgabe von Trevor Carlson:

"Die 20 Leute, die hier mit den Würfeln spielen, nutzen das Zufallsprinzip, um Bewegungsabläufe am Computer entstehen zu lassen, sie erfahren wirklich aus erster Hand etwas über den Prozess wie Merce Cunningham ihn entwickelt hat."

Erfahrung aus erster Hand – eben das ist künftig das Problem, fürchtet die 26-jährige Tänzerin Melissa. Zum Ende der Tournee liegt für sie Wehmut in jeder Bewegung.
Zu gern hätte sie zu der kleinen Gruppe junger Tänzer gehört, die auch nach Auflösung der Company weiter Cunninghams Stücke tanzen. Doch eine solche Gruppe wird es nicht geben, das steht jetzt fest. Immerhin, zumindest für ein Jahr wird in New York weiter eine Cunningham-Klasse angeboten- und danach? Noch alles offen, sagt Melissa:

"Es macht mich so traurig, dass nicht klar ist, ob es weiter Unterricht gibt.
Ich denke das ist wichtig, denn der Tanz wird allein auf dem Papier nicht überleben. Er ist Bewegung, das muss im Körper passieren, darin liegt für mich sein Geist, seine Seele."

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