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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 13.11.2010

Der lange Schatten: NS-Vergangenheit in Familien

Gäste: Dr. Christian Gudehus (Erinnerungsforscher und Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Center For Interdisciplinary Memory Research am KWI Essen) und Sabine Bode (Journalistin und Autorin)

Mein Opa war ein Nazi: Die Deutschen marschieren 1939 im polnischen Lodz ein. (AP)
Mein Opa war ein Nazi: Die Deutschen marschieren 1939 im polnischen Lodz ein. (AP)

Die Enthüllungen über die Verstrickungen des Auswärtigen Amtes in der NS-Zeit haben einmal mehr den BIick auf die deutsche Vergangenheit geworfen. Was schlummert noch in den Archiven? Wie lang sind die Schatten der Kriegszeit und des Nationalsozialismus, nicht nur in den Institutionen, sondern auch in den Familien?

"Die Schatten sind lang","

sagt die Journalistin und Autorin Sabine Bode.

""Für Deutsche, die in den 60er, 70er und 80er Jahren geboren wurden, ist kaum vorstellbar, dass die unheilvolle deutsche Geschichte auch noch in ihr heutiges Leben hineinwirken kann. Doch was ergibt sich daraus, wenn ein Nachgeborener nichts weiß von den schuldhaften Verstrickungen in seiner Familie? Was ergibt sich daraus, wenn über das Leid durch Vertreibung und Bombenkrieg nur selten und nur in düsteren Andeutungen gesprochen wurde?"

Sabine Bode, Jahrgang 1947, beschäftigt sich seit Langem mit den Auswirkungen des Krieges auf Psyche und Mentalität der Deutschen. In ihrem Buch "Die vergessene Generation - Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen" thematisierte sie die traumatischen Kindheitserlebnisse der in den 30er- und 40er-Jahren Geborenen. In ihrem neuen Buch "Kriegsenkel" zeigt sie, welche Folgen diese Traumata für die nachfolgenden Generationen haben – bis heute.

"Die meisten Familien wissen nicht, dass das Päckchen, das sie mit sich herumtragen, aus dieser Zeit stammt."

Es gebe jede Menge Schuld und Scham, aber keiner könne sie zuordnen. So hat sie es auch in ihrer eigenen Familie erlebt. Ihr Vater leitete einen Rüstungsbetrieb in Oberschlesien, unweit eines Außenlagers des Konzentrationslagers Auschwitz - geredet wurde darüber nicht. Sie musste sich diesen verdrängten Teil der Familiengeschichte mühsam zusammensuchen und erfragen. Die Folge:

"Ich bin das schwarze Schaf der Familie."

Ihre Beobachtung:

"Die Familienerzähltradition ist 1945 zusammengebrochen."

Dadurch fehlten in den Familien wichtige Impulse, Ermutigung, Erzählungen, wie man gerade die Kriegszeit überlebt hat – dies gebe auch den Nachkommen Mut und eben eine familiäre Vergangenheit.

"Stattdessen gibt es düstere und eingefrorene Anekdoten und eine verunsicherte Familienidentität."

Die heutige Enkel- und Urenkel-Generation hätten die Chance, genau dies anzustoßen:

"Wenn sie psychisch stabil sind, dann haben sie einen distanzierteren Blick und vor allem auch einen ideologiefreien Blick. Sie fragen eher nach den Realitäten: Wie waren die Lebensbedingungen damals? Sie machen auch viele Entdeckungen. Das ist eine ganz rege Generation. Sie sind auch auf der Leid-Ebene ganz stark, sie sind die Therapeuten der Großeltern: Sie sind neugierig, machen keine Unterstellungen, bei ihnen geht es nicht um Schuld und Verstrickung."

Ihre Überzeugung: "Wer seine eigene Identität nicht geklärt hat, ist nicht frei."

"Die Dinge werden immer neu ausgehandelt zwischen den Generationen","

sagt der Sozialpsychologe Christian Gudehus. Es sei ein Phänomen, dass man zwar alle anderen als Nazis sehe,

""aber der eigene liebe Opa war kein Nazi. Man kann sich eben nicht vorstellen, dass er Kriegsgefangene erschossen hat."

Und man wolle sich das Bild vom "lieben Opa" auch nicht kaputtmachen lassen, damit zerstöre man unter Umständen Familienlegenden. Den wissenschaftlichen Direktor des Zentrums für Interdisziplinäre Erinnerungsforschung am Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen interessiert, wie Vergangenheit in Familien und in der Gesellschaft weitergeben und verarbeitet wird. Im Fall der NS-Vergangenheit gebe es eine große Diskrepanz:

"Das öffentliche Gedenken zentriert sich auf die Gewalt und die Opfer. Privat sieht es dagegen so aus, dass Millionen von Menschen Erinnerungen an die Bombenangriffe haben, sie sehen sich als Opfer."

Erinnerung sei fundamental wichtig, nur wer gebe schon offen zu, in die NS-Gräuel verstrickt gewesen zu sein, sei es als Täter oder als Mitläufer?

"Wie sollte man die Nazivergangenheit in die Familiengeschichte in das eigene Handeln einbauen? Da ist etwas passiert, was nicht positiv integrierbar ist."

Es hänge sehr von der Dynamik innerhalb einer Familie ab, wie sie mit den offenen Fragen in der eigenen Geschichte umgehe.

"Der lange Schatten: NS-Vergangenheit in Familien"

Darüber diskutiert Stephan Karkowsky heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr gemeinsam mit der Autorin Sabine Bode und dem Erinnerungsforscher Christian Gudehus.
Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 – 2254 2254 oder per E-Mail: gespraech@dradio.de.

Informationen im Internet:
Homepage von Sabine Bode
Über Christian Gudehus

Literatur:
Sabine Bode: "Die deutsche Krankheit - German Angst", Klett-Cotta, August 2006
Sabine Bode: "Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen",
Klett-Cotta 2004
Sabine Bode: "Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation", Klett-Cotta 5. Auflage 2010

Christian Gudehus (Hrg. u.a.): "Gedächtnis und Erinnerung: Ein interdisziplinäres Handbuch", Metzler Verlag 2010

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