Seit 03:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 03:05 Uhr Tonart
 
 

Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 31.01.2010

Der Kuss der Acai-Frucht

Von Udo Pollmer

Was im Regenwald wächst, muss doch einfach schlank machen ... (AP Archiv)
Was im Regenwald wächst, muss doch einfach schlank machen ... (AP Archiv)

Ein neues Wundermittel macht die Runde: die Acai-Frucht. Eine exotische Beere aus dem tropischen Regenwald entlang des Amazonas. Sie soll Vitalität und Wohlbefinden steigern, das Immunsystem stärken und selbstredend die Fettzellen verbrennen. Was bewirkt die geheimnisvolle Beere?

Das größte aller Wunder der Wunderbeere Acai ist, dass das Stichwort bei Google offenbar mehr Treffer bringt als "Pommes". Ihren Ruhm verdankt die Beere einem simplen Umstand: Amerikas populärste Fernsehmoderatorin, Oprah Winfrey hat in ihrer Show diese Frucht als Superbeere und als Schlankheitsmittel angepriesen. Seither brummt das Geschäft mit den kirschgroßen, violettschwarzen Früchten oder genauer gesagt mit den Pülverchen und tief gefrorenen Pulpen. Denn die frische Frucht würde viel zu schnell verderben.

In Brasilien lässt man sich die Beeren der Acai-Palme seit langem schmecken, mancherorts gelten sie gar als Grundnahrungsmittel. Glaubt man den Werbeaussagen, wurde die Frucht von den Medizinfrauen der Indios zum Zwecke des Abnehmens empfohlen. Schuldigung - die Indios am Amazonas sind doch nicht bescheuert und befassen sich mit Schlankheitsdiäten! Würde man von den Beeren abnehmen, würde sie dort niemand essen. Schon die Kinder wüssten, in den Palmen hause ein böser Geist, und wer davon äße, der sähe bald so aus, wie bei uns der Suppenkasper.

Die Beeren der Acai-Palme bestehen vor allem aus einem ungenießbaren Kern, gerade mal 20 Prozent der Frucht sind essbar; das Fruchtfleisch, das ist nicht sehr nahrhaft, aber da die Palmen in großer Zahl wild wachsen, werden sie natürlich abgeerntet und verspeist. Die Werbung verspricht jede Menge Vitamine und Superstoffe, aber das ist wie üblich frei erfunden. Sie sind schlicht essbar. Und natürlich auch trinkbar. Man lässt sie gären und erhält alkoholische Getränke.

Andererseits: Wenn die Beeren kein Wundermittel sind sondern nur gewöhnliche Beeren - was spricht dagegen, ihre Pulpe tiefzufrieren und sie in 200-Kilogramm-Fässern in die USA und nach Europa zu verfrachten? Das erweitert unser Sortiment an Fruchtgetränken und Fruchteis. Doch die Beere birgt manchmal ein höchst unerfreuliches Geheimnis: Sie kann eine ziemlich üble Krankheit verbreiten. Seit kurzem weiß man sicher, dass durch die Beeren, aber auch durch ihren Saft die sogenannte Chagas-Krankheit übertragen werden kann.

Die Chagas-Krankheit ist eine gefürchtete Tropenkrankheit, die durch Parasiten namens Trypanosoma cruzi verursacht wird. Anfangs verläuft die Infektion in den meisten Fällen höchst unauffällig, sie kann aber im Laufe der Jahre zum Tode führen. Oft werden die Nerven des Verdauungstraktes zerstört, was zunächst Verstopfung und dann einen Stopp der Darmpassage zur Folge hat. Typisch sind im fortgeschrittenen Stadium Herzrasen und Atemnot bei Belastung. In Lateinamerika ist die Chagas-Krankheit die Hauptursache von Herzinsuffizienz. Derzeit wird die Zahl der Infizierten weltweit auf 18 Millionen geschätzt. Es gibt - außer unmittelbar nach der Infektion, die aber meist nicht bemerkt wird - keine wirksame Therapie.

Wie bitte kommt der Parasit in die Frucht? Zunächst: Der normale, der wichtigste Übertragungsweg, sind nicht die Früchte sondern Raubwanzen. Diese Raubwanzen fressen gewöhnlich Kot, sie fressen Insekten und sie saugen Blut. Der Mensch wird meist im Schlaf von dem Insekt besucht. Da sie gerne ins Gesicht stechen, heißen sie im Volksmund auch Kissing Bug, also küssender Käfer. Weil der "Kuss" des Käfers juckt, kratzt man sich und dadurch wird der Erreger in die Wunde gerieben. Der Erreger wiederum stammt aus Kot, den die Raubwanzen beim Bluttrinken neben dem Stich absetzen. Der Kot der Raubwanzen findet sich aber auch auf den Acai-Früchten und wird so samt Erreger mitverspeist.

Offenbar ist der Bauer, der nicht isst, was er nicht wirklich kennt, vernünftiger als die vielen Schlaumeier, die glauben, ihren Luxuskörper durch Wunderspeisen aus dem Regenwald, - ach dem Internet vor Krankheit und Verfall bewahren zu können. Mahlzeit!

Literatur

Schauss AG et al: Phytochemical and nutrient composition of the freeze-dried amazonian palmberry, Euterpe oleracea Mart. (acai). Journal of Agricultural and Food Chemistry 2006; 54: 8598-8603

Padilha JL et al: Avaliacao do Potencial dos Carocos de Acai para Geracao de Energia. Biomassa & Energia 2005: 2; 231-239

Pereira KS et al: Chagas' disease as a foodborne illness. Journal of Food Protection 2009; 72: 441-446

Wickens GE et al (Eds): New Crops for Food and Industry. Chapman & Hall, London 1989

Nobrega AA et al: Oral transmission of Chagas Disease by consumption of acai palm fruit, Brazil. Emerging Infectious Diseases 2009; 15: 653-655

Pizarro JC et al: PCR reveals significantly higher rates of Trypanosoma cruzi infection than microscopy in the Chagas vector, Triatoma infestans: High rates found in Chuquisaca, Bolivia. BMC Infectious Diseases 2007; 7: e66

Garcia LS: Diagnostic Medical Parasitology. ASM, Washington 2001

Mahlzeit

ÜberzüchtungWarum die Bienen wirklich sterben
Eine Honigwabe mit Arbeitsbienen (picture-alliance/ ZB)

Seit Jahren beobachten Forscher den weltweiten Rückgang der Bienenpopulation mit Sorge. Oftmals werden Pestizide für das Sterben verantwortlich gemacht. Falsch, meint Udo Pollmer. Schuld seien die Imker selbst.Mehr

ErnährungskritikBio schmeckt besser? Wer's glaubt!
Ein Einkaufswagen mit Bioprodukten aus einem Supermarkt. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)

Wenn wir an das Nahrungsmittel glauben, schmeckt es besser - hat eine US-Studie herausgefunden. Nur so lässt sich die Begeisterung für absurde Ernährungstrends erklären, sagt der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer und rät dazu, dem eigenen Appetit zu trauen.Mehr

MahlzeitWo Rinder weiden, wächst kein Gras mehr? Falsch!
Baobab (picture alliance/dpa/Matthias Tödt)

Was tun gegen Erosion und Wüstenbildung in Afrika? Diese Frage treibt den Umweltschützer und Farmer, Allan Savory, seit Jahren um. Um Weiden zu retten, tötete er Zehntausende Elefanten und ließ die Rinderherden verbannen. Doch die gewünschte Wirkung blieb aus. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur