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Religionen / Archiv | Beitrag vom 28.05.2011

Der Klang des Alters

Der Kölner Experimentalchor nimmt Sänger ab 70 auf

Von Dorothee Adrian

Der Chor wird auch beim Evangelischen Kirchentag in Dresden auftreten. (Deutschlandradio - Ulf Dammann)
Der Chor wird auch beim Evangelischen Kirchentag in Dresden auftreten. (Deutschlandradio - Ulf Dammann)

In "normalen" Chören werden alte Menschen oft nicht mehr aufgenommen, weil sich die Stimme mit dem Alter verändert - die Frauenstimmen werden tiefer, die Männerstimmen höher. Im Kölner Experimentalchor finden sie ihren Platz.

"Unser kleiner aber feiner Kirchenchor
Hat seit Kurzem einen neuen Herrn Kantor"

Die Sängerin Brigitte Höhmann hat mit ihren 70 Jahren das Mindestalter für den "Experimentalchor für alte Stimmen" erreicht. Sie wirkt aber viel jünger mit ihrer lilafarbenen Ledertasche und der sommerlichen Kleidung. Bei diesem Tango - der eigens für den Chor komponiert wurde - schwingt sie fröhlich die Hüften:

"Also es geht darum, dass der Kirchenchor einen neuen Herrn Kantor bekommt, der sehr engagiert ist, überengagiert, nur, er hat Probleme mit den alten Stimmen."

Lied: "Er mag keine alten Stimmen – in seinem kleinen feinen Chor ..."

Brigitte Höhmann: "Eigentlich liebt er die jungen geschmeidigen Sopranetten und mit den Alten hat er nicht so viel zu tun, und das kommt in dem Lied vor, dass der Gesang von Tante Trude und Elsbeth und das Geeier von Herrn Meier, also das wird sehr abwertig von ihm gehandelt ..."

Bernhard König: "Du imitierst das Geeier von Herrn Meier! Wir machen noch mal 'Übertrifft nur das Geeier', Seite 15 am Ende, Sopran, die anderen Stimmen ..."

Lied: "... die Amplituden … von Oma Schmitz und Tante Trude ... übertrifft nur das Geeier von Herrn Meier, denn der singt halt etwas freier als der Rest: Laaaaa ..."

Bernhard König: "Okay! Das nimmt langsam Form an, sehr schön!"

Bernhard König, Künstler, Komponist und Konzertpädagoge, bringt mit diesem Lied eine Erfahrung vieler Chor-Miglieder auf den Punkt:

"Na von solcher Form von sanfter Altersdiskriminierung hört man ja öfter!"

Iris Dietrich: "Vom ersten Moment an war das so passend! Von den Situationen her. Denn eben weil ich ja schon 70 bin, gilt es ja für mich auch, ne? Und man merkt dann plötzlich: Hey, jetzt wirste da irgendwo hingeschoben."

Lied: "Denn für die hochsensiblen Ohr’n des Herr’n Kantor’n sind wir gewöhnlichen Senior’n nicht gut genug – aaaah ..."

"Und natürlich bleibt die Kleine nicht alleine, wär ja auch gelacht, die Tür geht auf ..."

Eva-Marie Stamm: "Mein Name ist Eva-Marie Stamm, und ich bin 1934 geboren und ich komme mit sehr viel Freude hierher. Damals nach dem Krieg hatten wir eine Opernsängerin als Musiklehrerin, und die hat uns auch schon Arien beigebracht und Bachkantaten und das ist einfach etwas, was den ganzen Menschen fordert! Vor allen Dingen ist es auch sehr schön für mich zu sehen, wenn wir ankommen – wir sind ja nun alle über 70! – und wie wir weggehen, wie die Gesichter sich verändert haben. Wie die ganze Atmosphäre anders geworden ist!"

Dass es einen Bedarf gibt an Chören für alte Menschen, das zeigt die Reaktion auf die Zeitungsanzeige des Experimentalchors in Köln. Gemeinsam mit einem kleinen Team und in Zusammenarbeit mit einer Stiftung aus Stuttgart hat Bernhard König das Projekt im Herbst ins Leben gerufen. Rund 150 Interessierte haben sich daraufhin gemeldet, 100 wurden aufgenommen. In den "normalen" Chören finden sie oft deshalb keinen Platz mehr, weil sich die Stimme mit dem Alter verändert. Die Frauenstimmen werden meist tiefer, die Männerstimmen höher, beobachten Bernhard König und die Co-Leiterin Ortrud Kegel. Und auch sonst klingt die Stimme im Alter meist anders als in den Jahrzehnten davor.

Ortrud Kegel: "Die wird brüchiger, vielleicht wird die kratziger, vielleicht wird die angespannter oder auch lockerer oder manche bekommen auch so ne ganz hohe dünne Stimme, und, es ist halt sehr verschieden, ne? Man merkt so n bisschen find ich die Lebenserfahrung darin."

Bernhard König: "Der Chorklang ist auch ein anderer! Also wenn man zum Beispiel die Stimme ganz zurücknimmt und ganz leise singt und dann lange dran arbeitet an diesem Klang, dann kriegt das so ne Wärme, n bisschen so wie im Orchester, wenn die Bratschen spielen."

Dieser Chor soll kein "Auffangbecken" für ausgediente Sänger sein. Im Mittelpunkt steht der künstlerische Anspruch.

Bernhard König: "Es geht uns nicht um ein Defizit. Es geht nicht um Leute, die nicht mehr irgendetwas so gut können, sondern wir sind alle so’n bisschen von dieser zeitgenössischen, experimentellen neuen Musik geprägt und deswegen haben wir auch so die Haltung, dass wir neugierig sind, auf gerade was, was so’n bisschen von der Norm abweicht. Wenn eben jemand so’n bisschen ne krause Stimme hat, das interessiert uns, wir freu’n uns, wenn was anders klingt. Und n normaler Chorleiter, der sein Brahms-Requiem singen will, den stört das, wenn’s anders klingt. Und deswegen ist das auch so’n Privileg was wir haben, wir dürfen neugierig auf das sein, was in der Stimme von den Leuten drin steckt."

Ortrud Kegel: "Wir alle finden eigentlich gerade das Besondere an den alten Stimmen, dass die so unterschiedlich sind und dass man die Lebenserfahrung raushört. Und wir wollten auch nicht jetzt die reduzierte traditionelle Chorliteratur, die nicht mehr so hoch geht, mit denen einstudieren, sondern wir wollen eben gerade dieses Besondere herausfinden, wo auch die Menschen ihre eigene Persönlichkeit und Lebenserfahrung mit reinbringen können und deshalb der Name 'Experimentalchor'."

Ein Experiment ist dieser Teil der Probe: Ein Nachrichtensprecher liest Nachrichten, der Chor improvisiert mit Zwischenrufen und Gesängen.

Ton Brigitte Höhmann: "Komm, wir experimentieren mal! Töne von sich geben, auch ganz verrückte Töne, hohe, tiefe, sprechen, singen, ziehen, Vokale, - das ist ja ziemlich neu! Und ich liebe es fast genauso viel wie das Singen, wenn nicht mehr, dieses Experimentieren! Und das geht uns ja vielleicht n bisschen verloren, das machen Kinder noch, und dass das hier noch mal so belebt wird, das ist fantastisch!"

Eva-Marie Stamm: "Das finde ich sehr gut! Es ist nicht alles machbar, aber es fordert von uns n Nachdenken, n Ausprobieren, und eben nicht alt zu sein!"

Beim Evangelischen Kirchentag in Dresden führen die alten Stimmen dieses Chor-Experiment vor. Begleitet von Bläsern reagieren sie auf tagesaktuelle Nachrichten, vorgetragen von einer professionellen Radiosprecherin. Die Veranstaltung mit Talkshow, Konzert und meditativen Elementen heißt "politische Nachtmusik" und knüpft an die Tradition der politischen Nachtgebete an. Die Sängerin Eva-Marie Stamm freut sich auf ihren Einsatz in Dresden und findet diese neue Form sehr passend:

"Wenn es n politisches Nachtgebet ist, man kann ja nicht zu jedem Thema was sagen, aber man kann das stimmlich in Tönen ausdrücken!"

Die "alten Stimmen" wissen jetzt, dass sie etwas ganz Besonderes sind. Genauso wie die Sänger in der Geschichte, die der Tango von Bernhard König erzählt. Die lassen sich nämlich von der netten Sopranette nicht verdrängen.

Brigitte Höhmann: "Dann gehen die Damen in den Streik, die alten Stimmen sozusagen in den Streik, und dann merkt der Herr Kantor, dass ohne diese alten Stimmen ja auch nix mehr geht. Und dann wird er ganz freundlich und führt immer wieder Gespräche, bis er dann zu dem Ergebnis kommt: Ohne alte Stimmen geht überhaupt nichts! Und der Chor ist erst komplett, wenn’s auch die alten Stimmen sind, die da mit begleiten und mitsingen."

Dieser Chor ist Bernhard König und seinem Team inzwischen ans Herz gewachsen. Und im Moment mag auch von den Sängern niemand daran denken, dass es eigentlich als befristetes Projekt gedacht war. "Wenn wir nicht mehr können", sagt einer von ihnen, "dann gibt es hoffentlich Nachwuchs." Ab 70.

Iris Dietrich: "Man kann sich mal geben, wie man ist, es wird nicht diese Forderung gestellt wie in anderen Chören!"

Helmut Arnold Claren: "Da wird gelacht, da wird sich unterhalten, und dat war für mich neu, ich find, dat ist total freier, und die lachen ja selbst auch!"

Brigitte Höhmann: "Es bereichert einfach! Es belebt die ganze Persönlichkeit."

Eva-Marie Stamm: "Es ist einfach ein Experiment, um mal zu sehen, was man noch überhaupt kann, und – ja, es ist Freude pur!"

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