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Profil / Archiv | Beitrag vom 06.08.2007

Der Kinoplakatmaler

Götz Valien im Porträt

Filmplakate bei der Berlinale 2007 (AP)
Filmplakate bei der Berlinale 2007 (AP)

Selbst beim Festival von Locarno gibt es keine von Hand gemalten Filmplakate mehr. Götz Valien ist einer der Letzten, der riesige Leinwände bemalt.

"An Schauspielerinnen liebe ich die Lippen. Natürlich. Und die Augen. Die sind ja schön geschminkt. Und die Falten sind schön rot. Ich meine, ich mal die Lippen zum Teil riesengroß. Die sind ja manchmal ein Meter, eineinhalb Meter. Das ist schon toll, ihre Glanzpunkte auf ihre Lippen zu malen. Die eigentlich so in der Größe niemand wahrnimmt. Da muss einer schon mit der Lupe rangehen. Man studiert ja die eigene Frau nicht mal so genau. Das hat was. Man kann da so einfach träumen."

Götz Valien ist Künstler. Und Kinomaler. Sein roter Overall ist von oben bis unten mit Farbe beschmiert. Der gebürtige Salzburger steht vor einer Staffelei in einem Berliner Hinterhof und malt an dem Plakat für das Gefängnisdrama "Vier Minuten" von Chris Kraus. Das Ganze passiert im grauen Berlin-Reinickendorf. Nur ein kleines Schild an einer Toreinfahrt weist auf die Kino-Plakatmalerei. Die befindet sich in einem heruntergekommenen Schuppen.

In der einen Hand hält Leinwandmaler Valien den Pinsel, in der anderen - etwas umständlich - die Vorlage. Mit einem prüfenden Blick tritt er immer wieder ein Stück vom Bild zurück, um zu prüfen, ob es auch wirklich so aussieht wie auf dem Plakat.

"Ich muss hier abmalen. Genau. Was aber auch seine Tücken hat. Das ist erstmal sehr körnig. Gut Körnigkeit kann ich nicht erzeugen. Ich bin kein Pointilist, also ich mein kein Impressionist. Geht gar nicht. Kann sein, dass das unheimlich dreckig aussieht nachher. Damit könnte ich daneben liegen."

Während viele seiner Kollegen die Nase rümpfen, hat das für Götz Valien nichts Verwerfliches: Filmplakate nach Vorlagen zu malen.

Die Auftragslage für ihn als Künstler war Anfang der 90er Jahre schlecht. Keiner wollte seine Kunst, doch er brauchte Geld. Dann hat er von dem Job des Leinwandmalens gehört.

""Ich bin eigentlich ein Künstler, der irgendwann mal vor 15 Jahren durch einen Freund aufmerksam gemacht wurde, mich hier vorzustellen. Weil der Vater von Herrn Werner, der damals 75 war, im Fernsehen behauptet hat, der würde die alleine malen. Da habe ich gesagt, das kann nicht sein, das stimmt was nicht. Da bin ich dahin gegangen und jetzt bin ich da…"



Mit verdreckten Händen dreht sich Götz Valien eine Zigarette. Seine braunen Augen strahlen. Seine Arbeit muss schnell gehen, erzählt er. So ist es durchaus üblich, dass er morgens aus dem Bett geklingelt wird, und den Auftrag bekommt bis zum Nachmittag ein Filmplakat zu malen. Damit es abends bereits am Kino hängen kann.

Für Leinwandmaler Valien kein Problem. Die Schnelligkeit, dafür ist er bekannt, dafür wird er gerufen. Nicht ohne Ironie beschreibt er sich deshalb auch als einen lebenden Drucker.

Viel Wert legt der 46-Jährige auf eine präzise Mal-Technik. Fotografisch, fast banal, nähert er sich mit seiner Kunst der Wirklichkeit. Übergenau und hyperrealistisch.

""Im 20. Jahrhundert, sag ich mal, die moderne Kunst bestand ja darin gerade diese Dinge zu sprengen. Wenn ich irgendwann mal nur Tropfen auf ein Bild drauf mache – ja gut, die kann ich in vielen verschiedenen Varianten machen - ich wusste, dass würde mich nicht genug herausfordern. So gesehen bin ich traditionell."

Valiens erste Werke waren naive Abbildungen seiner Umgebung. Eine heile Welt mit betont eingängigen Motiven.

Aufgewachsen in einem Reihenhaus in Salzburg, musste er sich durchboxen. Zuerst gegen seine vier Geschwister, die ihren großen Bruder Götz einfach nicht verstehen, und dann gegen die Widerstände seiner Eltern. Um keinen Preis wollen sie, dass ihr ältester Sohn Malerei studiert. Er soll etwas Praktisches, was Vernünftiges studieren. Zum Beispiel ein technisches Fach.

Doch als Götz Valien 1980 an der renommierten Wiener Hochschule für angewandte Kunst einen Studienplatz bekommt, können die Eltern nicht mehr Nein sagen.

"Und da konnte ich meinen Eltern schlicht ergreifend sagen, und da war dann auch ein bisschen stolz bei denen dabei, ich habe als Einziger die Prüfung bestanden. Ich kann nicht sagen, ich geh jetzt nicht rein. Weil, das wäre ein Schlag ins Gesicht. Sie waren dann stolz, weil ich der Einzige war. Und dachten, da muss ja was dran sein."

Nur für den Vater ist das immer noch kein Argument. Ein Ingenieur und Extrembergsteiger, der keinen neben sich duldet. Die Malerei empfindet er als brotlose Kunst. Der Sohn: ein Konkurrent, ein Positiv für die eigenen unerfüllten Wünsche.

"Na ja, er war schon ein sehr strenger Typ. Er war ne Bastion die man nicht stürmen konnte. Insofern war es ganz gut, dass ich es auf einer Ebene gemacht habe, wo er nicht mitreden kann."

Es war ein langer, schwieriger Prozess der Anerkennung. Erst als die ersten Ausstellungen kamen und sich die künstlerischen Bilder einfach so verkauften – mittlerweile werden sie zwischen 10 und 15tausend Euro gehandelt – erst seitdem schaut der Vater seinen ältesten Sohn mit Respekt und verschämter Bewunderung an.

Trotzdem verzweifelt Künstler Götz Valien an der Nähe zum Elternhaus, an der Enge Österreichs. Er muss weg. 1986 zieht er deshalb in die für ihn pulsierendste Stadt Europas. Berlin! Und hier trifft er sie. Seelenverwandte! Maler, Filmemacher, Musiker. Lebenskünstler die etwas ausprobieren, ohne auf Konventionen zu achten.

Hier ist er geblieben. Hängengeblieben. Und malt. Bis heute. Einerseits Bilder, die er in Ausstellungen zeigt, und deren Stil er stolz ’Virtuellen Realismus’ nennt. Andererseits Kinoplakate, die vor allem Geld bringen – für ihn, seine Frau und seine beiden Kinder.

"In der Regel fang ich mit den Augen an. Wenn mich die Augen angucken ist schon mal die halbe Miete da. Dann fühlt man sich als Maler angesprochen weiterzumachen."

Nur an seinem Kunstwerk hängen darf er nicht: Denn die Plakatflächen sind so groß und damit so teuer, dass man sie so oft wie möglich wieder verwendet. Sobald ein Film nicht mehr läuft, wird das Plakat übermalt.

Deswegen liebt Götz Valien auch die Flops. Denn je öfter die Filme wechseln, desto öfter bekommt er neue Aufträge, desto voller ist sein Portemonnaie.

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