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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.01.2008

Der kalte Vater

Stefanie Geiger: "Der Eisfürst", C.H.Beck, München 2008, 121 S.

Wegen seiner aalglatten Kühle wird der Vater der "Eisfürst" genannt (AP)
Wegen seiner aalglatten Kühle wird der Vater der "Eisfürst" genannt (AP)

Eine Tochter versucht in diesem Debüt, die Geschichten ihrer Mutter zu ordnen. Diese berichtet von einem frühen Liebhaber und einem sonderbaren Autor, der eine seiner Figuren trifft. Und sie erzählt vom Vater, der sie noch während der Schwangerschaft aus heiterem Himmel verließ. Jetzt, 30 Jahre später, lädt der Vater, der "Eisfürst", die Tochter nach Sylt ein.

Eine Tochter versucht die Geschichten ihrer Mutter zu ordnen. Diese berichtet von einem frühen, romantischen Liebhaber und einem sonderbaren Autor, der eine seiner Figuren trifft. Und sie erzählt vom Vater, der sie noch während der Schwangerschaft aus heiterem Himmel verließ. Jetzt, dreißig Jahre später, lädt der Vater, der "Eisfürst", die Tochter nach Sylt ein.

Eine Tochter befragt ihre Mutter nach ihrer Herkunft, denn der Vater fehlt, er verließ Marianne (wie die Mutter heißt), als sie schwanger war, und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Das war in München, 1971. Jetzt, 30 Jahre später, lädt der Vater, wegen seiner aalglatten präzisen Kühle nur der "Eisfürst" genannt, seine Tochter überraschend nach Sylt ein, wo er eine Eisfabrik besitzt.

Doch bevor wir erfahren dürfen, was die Beweggründe des Vaters für sein Verschwinden und seine Rückmeldung waren, stellt Stefanie Geiger uns in ihrem kleinen Roman zwei andere Personen vor: Sven, einen frühen, sehr romantischen Liebhaber Mariannes, und einen gewissen Karmuel, einen sonderbaren Schriftsteller, der eines Tages aus heiterem Himmel auftaucht, sich in Svens Küche setzt, Tee trinkt, aufs Papier kritzelt und unangenehm riecht. Aber Sven ist begeistert. Mit Karmuel fühlt er sich in seiner Wohnung endlich wie zu Hause.

Leider ist Karmuel verrückt. Irgendwann begegnet er nämlich einem alten Mann, in dem er eine Figur aus seinen Texten sieht. Das macht ihn nervös. Sven rät ihm, die Figur schlicht aus seinem Manuskript zu streichen. Das tut Karmuel, macht es dadurch aber nur noch schlimmer, er denkt nämlich, er habe den Mann getötet. Derart verrennt er sich in seine Wahnidee, dass nur noch die Psychiatrie bleibt. Auf der Suche nach dem alten Mann lernt Sven Marianne kennen.

Das ist alles ziemlich kompliziert, problematischer ist jedoch, dass die Figuren so unvermittelt auftreten. Nach 40 Seiten, also einem Drittel des Romans, taucht auch der Vater urplötzlich auf – und Sven und Karmuel spielen überhaupt keine Rolle mehr. Die ganze zweite Hälfte des Buches handelt von der inneren Zerrissenheit der Ich-Erzählerin, die sich nicht vom Haus der inzwischen verstorbenen Mutter trennen kann, und von ihrem chaotischen Aufenthalt auf Sylt, wohin der Vater sie eingeladen hat, um die Nachfolge seiner Fabrik zu regeln.

Stefanie Geiger, die 1973 in Landshut geboren wurde, schreibt sehr diskret, zurückgenommen, tastend, leider sind auch ihre Charakterzeichnungen sehr diskret. Ihre Figuren bleiben blass, manche Aussagen, die uns eine Figur näherbringen sollen, bleiben behauptet, sind unüberlegt oder lehrbuchhaft.

Ausgerechnet der Vater, der so lange abwesende, ist der Einzige, dem die Autorin Konturen verleihen kann. Man muss und soll nicht alles erklären, beileibe nicht. Aber wer mager schreibt, muss es trotzdem vollständig machen. Nichts zuviel ist eine gute Regel, und doch muss alles da sein. Ein nicht sehr überzeugendes, weil unfertiges Debüt.

Rezensiert von Peter Urban-Halle

Stefanie Geiger: Der Eisfürst. Roman.
Verlag C. H. Beck, München 2008.
121 Seiten, 14,90 Euro

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