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Thema / Archiv | Beitrag vom 16.09.2011

Der Hausmeister als Sammler

Die Kunsthalle Hamburg zeigt die Sammlung eines mehr als ungewöhnlichen Mannes

Ulrich Luckhardt im Gespräch mit Susanne Führer

Wilhelm Werner, früherer Hausmeister der Hamburger Kunsthalle, mit Frau und Kind (Hamburger Kunsthalle)
Wilhelm Werner, früherer Hausmeister der Hamburger Kunsthalle, mit Frau und Kind (Hamburger Kunsthalle)

Die jetzt ausgestellte Privatsammlung wurde noch nie öffentlich gezeigt und bietet einen Querschnitt durch die Hamburger Kunst von der Weimarer Republik bis in die 50er Jahre. Der Titel der Ausstellung lautet: "Die Sammlung des Hausmeisters Wilhelm Werner".

Susanne Führer: Wilhelm Werner war von 1914 bis 1952 in der Hamburger Kunsthalle angestellt, zunächst als Hilfsaufseher und schließlich als Hausmeister. Ulrich Luckhardt ist der Kurator der Ausstellung. Guten Tag, Herr Luckhardt!

Ulrich Luckhardt: Guten Tag!

Führer: Über 500 Werke umfasst die Sammlung des Hausmeisters, habe ich gelesen. Wie ist denn Wilhelm Werner nur zu dieser großen Sammlung gekommen?

Luckhardt: Als Wilhelm Werner sich im April 1914 als Hilfsaufseher in der Hamburger Kunsthalle beworben hatte, hatte er eine Ausbildung und auch schon eine mehrjährige Tätigkeit als Tischler hinter sich. Der Grund, weswegen er diesen Beruf aufgab zugunsten eines Aufseherjobs, das wissen wir nicht. Aber diese handwerklichen Fähigkeiten haben dazu geführt, dass er vor allem nach dem Ersten Weltkrieg, als die Ausstellung der hamburgischen Sezession mit den jungen Künstlern in der Hamburger Kunsthalle stattgefunden haben, er den Künstlern die Keilrahmen für ihre Ölgemälde gebaut hat, die Leinwände auf die Keilrahmen gezogen hat, und dann später, wenn die Bilder fertig waren, auch die Rahmen für die Bilder angefertigt hat. Und als Dank dafür haben die Künstler ihm die Werke geschenkt.

Führer: Wie hat er denn die Sammlung gelagert überhaupt? Ich meine, 500 Bilder ist ja doch eine ganze Menge.

Luckhardt: Also, es sind ungefähr 85 Ölgemälde, und der Rest ist Grafik, also Zeichnung, Aquarell und Druckgrafik. Für die Papierarbeiten hat er sich als Tischler einen Grafikschrank, einen professionellen Grafikschrank gebaut.

Führer: Und die Ölbilder?

Luckhardt: Die hingen zum großen Teil in seiner Dienstwohnung, die sich im Südterrain des Altbaus der Hamburger Kunsthalle befand.

Führer: Ah, in der Kunsthalle selbst, das ist ja praktisch!

Luckhardt: Ja.

Führer: Bis 1952 war er angestellt an der Kunsthalle. Hat er auch so lange dann gesammelt?

Luckhardt: Er hat noch länger gesammelt. Denn über die Jahrzehnte entstanden eben auch Freundschaften, enge Freundschaften zu den Künstlern, und diese Freundschaften endeten entweder mit dem Tod der Künstler wie bei Heinrich Degemann 1945 oder endeten mit dem Tod von Wilhelm Werner im Jahre 1972. Es ist bekannt, dass immer zu seinem Geburtstag am ersten Weihnachtsfeiertag eine Reihe von Künstlern ihn dann auch noch bis zu seinem Tod besuchten.

Führer: Wie haben Sie denn von dieser Sammlung erfahren, Herr Luckhardt?

Luckhardt: Ich habe eine Führung zu den Werken von Anita Rée, der Hamburger Sezessionsmalerin Anita Rée gemacht, und da gibt es eine Geschichte, auf die wir vermutlich gleich noch zu sprechen kommen werden, dass Wilhelm Werner die Bilder von Anita Rée gerettet hat. Und nach dieser Führung sprach mich eine Frau an und sagte, sie sei die Enkeltochter von Wilhelm Werner, und hat mir von der Sammlung erzählt, und sie würde gerne, wenn wir wollten, Werke für Ausstellungen uns zur Verfügung stellen. Dann habe ich sie besucht, habe die Sammlung gesehen und habe gesagt: Nein, wir machen eine Ausstellung der Sammlung und des Sammlers Wilhelm Werner.

Führer: Also, von der Enkelin haben Sie von der Existenz dieser Sammlung erfahren?

Luckhardt: Richtig. Die Sammlung befindet sich im Besitz der Nachfahren.

Führer: Jetzt müssen Sie auch die Geschichte von Anita Rée erzählen, Herr Luckhardt.

Luckhardt: Im Juli 1937 kam es zu einer ersten Beschlagnahmeaktion im Rahmen der Aktion entartete Kunst. Dort hat die Kommission aus Berlin Werke aus dem Besitz der Hamburger Kunsthalle, moderne Werke, ausgesucht, die dann direkt nach München geschickt wurden, um dort in der berühmt-berüchtigten Häme-Ausstellung entartete Kunst gezeigt zu werden. Und ungefähr fünf Wochen später kam eine zweite Beschlagnahmeaktion, die so durchgeführt wurde, dass ganz gezielt die Bestände der Kunsthalle, auch des Kupferstichkabinetts durchgeführt wurden nach entarteter Kunst. Nach 1945 hat man sieben Gemälde, die der Direktor Gustav Pauli in den 20er- und frühen 30er-Jahren für die Kunsthalle gekauft hat, im Depot wiedergefunden, und die hätten eigentlich beschlagnahmt werden müssen, weil Anita Rée war Jüdin, und sie hatte eine sehr moderne Formensprache. Also, sie war ganz klar ein Künstler, der von den Nationalsozialisten geächtet wurde. Und erst nach 1945 hat man dann rausbekommen, dass Wilhelm Werner diese Bilder in dem Zeitraum zwischen Juli und August 1937 aus dem Depot der Hamburger Kunsthalle in seine Dienstwohnung im Haus gebracht hat und diese Bilder dort unterm Bett und im Schrank versteckt hat. Und nach 1945 hat er auch wieder, ohne mit jemandem darüber zu sprechen, die Bilder wieder ins Depot zurückgebracht, und erst seine Frau hat diese Tat – ja, nicht der Öffentlichkeit, aber dem Freundeskreis zur Kenntnis gegeben.

Führer: Deutschlandradio Kultur, ich spreche mit Ulrich Luckhardt, dem Kurator der Ausstellung "Die Sammlung des Hausmeisters Wilhelm Werner". Herr Luckhardt, es klang grade so an, schon Wilhelm Werner, ein stiller Held. Einmal hat er die Werke von Anita Rée gerettet vor den Nazis, und er hat auch die Kunsthalle selbst gerettet im Krieg.

Luckhardt: Zusammen mit seinem Hausmeisterkollegen Wilhelm Kuhnert und natürlich Feuerwehrleuten hat er während der Bombennächte in Hamburg in der Kunsthalle Brandwache gehalten. Während seine Frau und seine Tochter im Luftschutzkeller in der Kunsthalle saßen, waren diese Männer, das waren immer so sechs bis acht Männer, im ganzen Haus verteilt, auch auf dem Dach, um mögliche Bombeneinschläge, vor allem Brandbomben, zu löschen, also das brennende Phosphor auszuschlagen, und da sich das Gebäude der Hamburger Kunsthalle sicher im Zentrum der Stadt direkt neben dem Hauptbahnhof befindet, war es natürlich strategisch ein hochgefährdetes Objekt, und es ist dem Einsatz auch von Wilhelm Werner zu verdanken, dass das Gebäude nicht ausgebrannt ist.

Führer: Dokumentieren Sie in der Ausstellung eigentlich auch diese biografischen Fakten?

Luckhardt: Also, selbstverständlich haben wir Texte in der Ausstellung, die auf das Leben von Wilhelm Werner hinweisen und auf einzelne Dinge, die er gemacht hat, also zum Beispiel die Rettung der sieben Gemälde von Anita Rée, das ist selbstverständlich, aber die Ausstellung selber konzentriert sich natürlich mehr auf die Kunst.

Führer: Das heißt, wegen der hochinteressanten Geschichte allein würden Sie wohl keine Ausstellung dieser Sammlung machen. Es gibt auch ein künstlerisches, beziehungsweise ein kunsthistorisches Interesse?

Luckhardt: Selbstverständlich. Für ein Kunstmuseum steht das natürlich immer an allererster Stelle. Und die Sammlung von Wilhelm Werner ist ein repräsentativer Querschnitt durch die Kunstgeschichte von Hamburg, der Weimarer Republik bis in die 50er-Jahre, vor allem orientiert an der Kunst, die im Umfeld oder indirekt in der hamburgischen Sezession entstanden ist.

Führer: Können Sie ein bisschen was uns erzählen über die hamburgische Sezession?

Luckhardt: Die hamburgische Sezession wurde 1919 gegründet und hatte zunächst überhaupt keine künstlerische Ausrichtung. Also, es waren expressionistische Tendenzen vertreten, es waren noch akademisch-impressionistische Tendenzen, aber es gab auch schon die beginnende Neue Sachlichkeit.

Führer: Herr Luckhardt, normalerweise, wenn wir von privaten Kunstsammlern hören, dann denken wir an ganz reiche und meistens auch noch hochgebildete Menschen, hier ist es nun ein Hausmeister, der Kunst gesammelt hat. Dann könnte man doch sagen: Die Moral von der Geschichte ist, Kunst muss gar nichts Elitäres sein.

Luckhardt: Erstens heißt es im Umkehrschluss nicht, dass Wilhelm Werner ungebildet war. Er war ein sehr zurückgezogener, introvertierter Mensch, der aber auch sehr belesen war. Das ist das eine. Das andere, natürlich ist das Sammeln von Kunst nichts Elitäres. Es hat etwas zu tun mit einem inneren Gefangensein, dass man das tun muss. Wilhelm Werner hat kaum Reisen unternommen, weil er immer eigentlich für seine Kunst da war. Er hat sich keinen Luxus gegönnt. Den einzigen Luxus, den er tatsächlich machte, war, dass er nach 1937, als die Hamburger Künstler, also die Künstler, die ihn interessierten, die Künstlerfreunde, nicht mehr richtig ausstellen konnten, also auch nichts mehr verkaufen konnten, dass er tatsächlich dann auch im Rahmen seiner geringen finanziellen Möglichkeiten auch Werke erworben hat und somit die Künstler unterstützt hat.

Führer: Wie ist das eigentlich heute, zimmert da der Hausmeister der Hamburger Kunsthalle auch immer noch die Rahmen für die Bilder und bekommt dafür ab und zu mal eines geschenkt?

Luckhardt: Nein, das macht der Hausmeister nicht, die Aufgaben sind sehr viel vielfältiger geworden. Sie müssen sich vorstellen, die Aufgaben des Hausmeisters zu Zeiten des Hausmeisters Wilhelm Werner waren, dass der Hausmeister auch die Tischlerei unter sich hatte, dass er für den Versand der Bilder zuständig war, also für auch die Verpackung der Bilder, und dass er auch bei der Hängung innerhalb der Galerie tätig war. Und insofern stand er natürlich viel mehr als ein heutiger Hausmeister in direktem Kontakt zu den Künstlern.

Führer: Ulrich Luckhardt, der Kurator der Ausstellung die Sammlung des Hausmeisters Wilhelm Werner, die ist ab Sonntag in der Hamburger Kunsthalle zu sehen, und eine Ausstellungskritik gibt es dann selbstverständlich am Sonntag bei uns im Kulturmagazin "Fazit" ab 23 Uhr. Ich danke Ihnen fürs Gespräch, Herr Luckhardt!

Luckhardt: Bitte schön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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