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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.02.2012

Der hässliche Luther

Thomas Kaufmann: "Luthers 'Judenschriften' - Ein Beitrag zu ihrer historischen Kontextualisierung", Tübingen 2011, 231 Seiten

Das Luther-Denkmal auf dem Marktplatz in Wittenberg, Sachsen-Anhalt (AP)
Das Luther-Denkmal auf dem Marktplatz in Wittenberg, Sachsen-Anhalt (AP)

Es gibt Gestalten der Vergangenheit, an denen haben sich schon immer die Geister geschieden. Zu ihnen zählt der Reformator Martin Luther - in all seiner Widersprüchlichkeit. Am schlimmsten aber wiegt Luthers Hass auf die Juden, der in diesem neuen Band ausgebreitet und analysiert wird.

Groß ist das, was Luther geschaffen, hinterlassen und ausgelöst hat: im Guten wie im Bösen. Der Spötter und deutsche Dichter, Heinrich Heine, pries Luther als denjenigen, dem "wir die Geistesfreiheit zu verdanken" haben. Ein neues Buch widmet sich dagegen dem "hässlichen" Luther. Jenem, der anfangs voller Hoffnung auf Bekehrung die Juden seiner Zeit umwarb, um sie im Alter abgrundtief zu hassen.

Das Böse bei Luther hat der protestantische Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann jetzt untersucht. Er konzentriert sich auf "Luthers 'Judenschriften'", so der Titel des Bandes. Doch der Untertitel lässt aufhorchen: "Ein Beitrag zu ihrer historischen Kontextualisierung." Klingt das nicht nach Einebnung, nach Relativierung? Bei Schriften, die bereits im Titel keinen Hehl aus ihrer Absicht machen, wie die "Von den Juden und ihren Lügen", 1543?

Autor Kaufmann scheint hin- und hergerissen. Er will Luther als Lichtgestalt des Protestantismus retten und zugleich – ja, was denn? - erklären, wie es zu solch diabolischen Äußerungen Luthers wie diesen kommen konnte:

"Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist’s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen. Wenn ich könnte, so würde ich ihn niederstrecken und in meinem Zorn mit dem Schwert durchbohren."

Was hilft da der Hinweis von Kaufmann, es handele sich um den Zeitgeist und dass andere Zeitgenossen Luthers noch bösartiger waren? Sicher, der Wert dieses Buches liegt darin, das es das ganze Ausmaß des christlichen Judenhasses, wie er sich gebündelt bei Luther findet, zusammenfasst. Doch entlastet das den Reformator? Hat Luther nicht in anderen Bereichen mit dem Zeitgeist gebrochen? Hat er sich nicht mit der obersten Instanz, dem Papst, angelegt? Warum nur bleibt Luther in Bezug auf die Juden beim Althergebrachten, bei der katholischen Judenfeindschaft?

Luther versteht, dass Juden nicht in die Papstkirche konvertieren wollten. Doch er begreift nicht, warum sie sich jetzt nicht seiner neuen Lehre der Reformation freudig anschließen. Von da an erklärt er sie zu Feinden Christi und der Christen. Eine Verurteilung, das arbeitet Kaufmann überzeugend heraus, die eine gängige Verharmlosung des religiös motivierten Judenhasses, dieser beschränke sich doch "nur" auf das Religiöse, eindrucksvoll widerlegt. Denn der christlich-religiösen Verdammung folgt die Erwartung, dass diese auch in die soziale und politische Wirklichkeit umgesetzt wird. Bei Luther liest sich das in seinem Sieben-Punkte-Programm so:

"Das man jre Synagoga oder Schule mit feur anstecke [...] solches sol man thun, unserm Herrn und der Christenheit zu ehren damit Gott sehe, das wir Christen seien. – Zum anderen, das man auch jre Heuser des gleichen zerbreche und zerstöre [...]"

Bis in das Dritte Reich hinein wirkte Luthers Aufruf nach. Im NS-Staat galt er als Kronzeuge für die "Endlösung". Das Buch von Kaufmann ist ein Aufreger, weil man sich bei der Lektüre des hier ausgebreiteten Hasses - nicht nur Luthers Hasses - schlaflose Nächte einhandelt. Der Leser, der durchhält, gewinnt einen Eindruck von der Wirkungsmächtigkeit des Antisemitismus auch in der Zeit nach Luther.

Der "Anfangsverdacht", die Textualisierung hätte Kaufmann zu einer Verharmlosung verführen können, hat sich am Ende des Buches verflüchtigt. Hinzu kommt eine umfangreiche kommentierte Bibliographie der weiterführenden Literatur, die allen gute Dienste leisten wird, die sich mit bestimmten Aspekten intensiver beschäftigen möchten.

Und doch fehlt etwas ganz Entscheidendes: das Heute. Das Entsetzen, die Scham, die Reue des Protestantismus nach Auschwitz und ihre Bemühungen sich von diesem judenfeindlichen Erbe zu trennen.

Besprochen von Günther B. Ginzel

Thomas Kaufmann: Luthers "Judenschriften" - Ein Beitrag zu ihrer historischen Kontextualisierung
Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2011
231 Seiten, 29,00 Euro

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