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Der Grüne Hügel und die Juden

"Verstummte Stimmen" - eine Ausstellung zum Antisemitismus der Bayreuther Festpiele

Von Thomas Senne

Die Richard-Wagner-Büste des Bildhauers Arno Breker nahe des Festspielhauses auf dem "Grünen Hügel" in Bayreuth.
Die Richard-Wagner-Büste des Bildhauers Arno Breker nahe des Festspielhauses auf dem "Grünen Hügel" in Bayreuth. (AP)

Eine Wanderausstellung widmet sich ausgehend von den Anfängen der Bayreuther Festspiele auch der sogenannten "Säuberung" deutscher Opernhäuser von jüdischen Ensemblemitgliedern während der Nazizeit. Und dokumentiert, dass viele Mitglieder des Wagner-Clans schon früh mit nationalsozialistischem Gedankengut sympathisierten.

Ein wenig griesgrämig blickt er schon, dieser etwas grünspanige Maestro mit den hohlen Augen, der so unnahbar auf einem Sockel thront: im Park direkt unterhalb des Bayreuther Festspielhauses. Jetzt hat dieser von NS-Vorzeigekünstler Arno Breker modellierte Kopf Richard Wagners auf dem Grünen Hügel Gesellschaft bekommen. Denn seit Kurzem befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Bronze-Büste rund 40 wetterfeste Tafeln in Grau.

Ein wenig erinnern sie aus der Ferne an moderne Epitaphe, an Grabplatten. So ganz falsch ist dieser erste Eindruck nicht. Denn auf ihnen befinden sich Schwarz-Weiß-Fotos und Texte, Kurzbiografien von Musikern, die längst verstorben sind, einst bei den Bayreuther Festspielen mitwirkten und wegen ihrer jüdischen Herkunft verfemt wurden – manchmal schon vor Hitlers Machtübernahme 1933.

Im Dritten Reich fielen dann nicht – wie bisher angenommen - zwei Mitglieder des Festspielorchesters dem Nazi-Wahnsinn zum Opfer und fanden den Tod, sondern zwölf: abtransportiert in Gettos, Konzentrations- und Vernichtungslager.

""Richard Wagner hat natürlich mit seinem Pamphlet ‘Judentum in der Musik’ und den antisemitischen Schriften – vor allem in den letzten Jahren seines Lebens einen festen ideologischen Rahmen für alle seine Nachfolger gesetzt, der ist wirklich radikal antisemitisch. Sein Konzept war, die Juden auszuweisen aus Deutschland., 1879. Das ist der ideologische Rahmen. Aber: Wagner ist in erster Linie Künstler gewesen und hat natürlich sein Hauptaugenmerk auf seine Werke und auf die Aufführung seiner Werke gerichtet. Das heißt: In dieser Besetzungspolitik kann man nicht nachweisen, dass er nach Juden sortiert hat". "

Der jüdische Dirigent Hermann Levi, sagt Ausstellungskurator Hannes Heer, war bei Wagner geduldet, obwohl der die "jüdische Race" – wie er sagte – "für den geborenen Feind der reinen Menschheit und alles Edlen" hielt. 1882, allerdings auf Drängen von Ludwig II., konnte Levi sogar die Uraufführung des "Parsifal" leiten.

" "Es gab ja verschiedene Juden im Umkreis von Wagner. Aber es ist so `n bisschen für ihn der Sparring-Partner gewesen, an dem er seinen Antisemitismus im Alltäglichen ausprobieren konnte. Er hat ihn gequält. Er hat ihn gedemütigt. Dann hat er ihn wieder hergeholt, denn er war natürlich auch fasziniert durch seine Dirigentenkapazität. Er war ambivalent, ja. Es ist kein Psychoterror draus geworden, das kann man sagen". "

Bei Cosima freilich war das anders. Als sie nach dem Ableben Wagners auf dem Grünen Hügel das Ruder übernahm, drangsalierte sie Levi und gerne auch andere Juden auf übelste Weise.

""Sie hat eine Vorstellung gehabt von ihrem Bayreuther Festspieltheater als ein deutsches Theater, wo die Juden draußen vorbleiben müssen. Das heißt: Sie hat zum ersten Mal ein Konzept für ihre Inszenierungen entwickelt, was Wagner in dem Sinne als Besetzungskonzept nicht gehabt hat. Es findet sich nirgendwo bei Wagner ein Hinweis: Wir wollen die Juden nicht besetzen im Parsifal. Oder: Wir wollen die Juden nicht besetzen im Ring, findet sich nicht. Bei ihr wohl. Und sie hat das systematisch durchgezogen. Die Künstler sind - im engsten Kreis der Dirigenten und ihr-, sind diskutiert worden, ob sie Juden waren oder Nichtjuden waren. Und Levi ist richtig ein Modell für ´ne Politik der Apartheid". "

Im Neuen Bayreuther Rathaus, wo in einem zweiten Teil der Präsentation das Schicksal von 44 im gesamten Dritten Reich verfolgten Stars der deutschen Opernszene auf Stelltafeln dokumentiert wird, sind in Hörstationen auch einige der "verstummten Stimmen" wieder zu hören, die der Ausstellung den Titel gegeben haben. Darunter auch der jüdische Bariton Friedrich Schorr. Cosimas Sohn Siegfried, der ihren antisemitischen Kurs in Bayreuth fortsetzte, hatte Schorr als Wotan allein deshalb besetzt, um wachsender Kritik, Bayreuth sei zu einer deutsch-nationalen Weihestätte mit judenfeindlichem Touch verkommen, den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Anschaulich dokumentiert die zweiteilige Ausstellung, dass viele Mitglieder des Wagner-Clans - wie etwa der antisemitische Theoretiker Houston Chamberlain oder auch Winifred Wagner – schon früh mit nationalsozialistischem Gedankengut sympathisierten: eine beinahe ungebrochene Tradition also, die von den antijüdischen Ressentiments eines Richard Wagner bis zur Judenvernichtung in Hitlers Konzentrationslagern reicht.



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