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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 02.11.2010

Der große Deal

Kalifornien stimmt über Freigabe von Cannabis ab

Von Jan Tussing

Anbau und Besitz von Marihuana für den persönlichen Gebrauch - bald legal in Kalifornien? (Stock.XCHNG / ERC P.)
Anbau und Besitz von Marihuana für den persönlichen Gebrauch - bald legal in Kalifornien? (Stock.XCHNG / ERC P.)

Wer sich vom Arzt ein Rezept ausstellen lässt, darf in Kalifornien Marihuana rauchen. Seit über zehn Jahren ist dort der Gebrauch von Cannabis aus medizinischen Gründen erlaubt. Seitdem läuft das Geschäft mit Marihuana. Rezepte sind leicht zu bekommen und an manchem kalifornischen Strand mischt sich der Geruch der Joints mit dem Dunst der Essensstände. Ehemalige Drogendealer laden Ärzte auf Partys ein, um ihren Kunden so besser zu Rezepten zu verhelfen. Und in Los Angeles gibt es inzwischen mehr Cannabis-Apotheken als Starbucks-Cafes. Die Auswüchse haben zu heftiger Kritik konservativer Politiker geführt. Dennoch stimmt der Bundesstaat heute über eine uneingeschränkte Legalisierung von Marihuana ab.

" Ich heiße Deborah Shemesh und ich kam 1997 aus der großen Metropole Los Angeles hier nach Sebastopol mit einer lebensbedrohenden Krankheit. Vor 30 Jahren wurde bei mir ein bösartigen Melanom diagnostiziert. Ich habe mir von der westlichen Medizin eine Therapie diktieren lassen. Ich habe Morphium, Beruhigungsmittel und viele andere westliche Medikamente bekommen. Mit vielen Nebenwirkungen unter anderem auch epileptischen Anfällen. Als ich nach Sebastopol zog, war ich ein einziges Wrack." "

Heute ist Deborah geheilt. Es grenzt an ein Wunder. Wenn sie gefragt wird, wie, dann sagt sie: dank Cannabis.

"Ja das sagen sie, Spontanheilung. Wegen Cannabis, oder wegen der Veränderung der Ernährung, oder beides. Aber ich weiß, wenn ich die westliche Medizin weiterverfolgt hätte, würde ich mit dir heute nicht reden können."

Cannabis ist in Kalifornien seit 1996 als Medikament zugelassen. 300.000 Menschen besitzen heute bereits eine Empfehlung vom Arzt und können sich Marihuana entweder in Apotheken kaufen oder selbst anbauen. Jeff Hergenrather ist ein Mann der ersten Stunde. Der amerikanische Arzt empfiehlt Cannabis für viele seiner Patienten. Er behandelt Deborah seit zehn Jahren.

"Ich war sofort von Deborah beeindruckt. Zudem empfahl auch ihr Sohn Cannabis auszuprobieren. Mir waren die krebstötenden Eigenschaften von Cannabis und Cannabinoide bewusst. Angesichts der vielen Metastasen habe ich ihr geraten, so viel Cannabis einzunehmen, wie sie kann und wie sie verträgt."

Kalifornien ist auf dem Gebiet des medizinischen Marihuanas weltweit Vorreiter. Cannabis spielt aber nicht erst seit der Liberalisierung 1996 eine große Rolle. Im Golden State ist Marihuana schon lange eine gesellschaftlich weit verbreitete und akzeptierte Droge.
Angebaut wird es vor allem im Norden Kaliforniens. In den entlegenen Gegenden von Humboldt County. Einmal im Jahr – immer zur Erntezeit - kommen Erntehelfer aus allen Regionen Nordamerikas angetrampt

"Ich bin gerade aus dem Bus gestiegen. Ich habe meinen batteriebetriebenen Verstärker mitgebracht. Das war mein Lied, das du gerade gehört hast."

20 Dollar die Stunde – cash in die Täsch – so viel bekommt jemand fürs Cannabis Pflücken. Das ist Musik in den Ohren von Brandon. Der junge Kanadier steht mit seiner Gitarre an der Tankstelle und hofft auf einen Job. Er ist fast 4000 Meilen aus Montreal nach Garberville getrampt.

"Ehrlich gesagt. Hier ist Arbeit zu tun. Und die Saison hat gerade erst begonnen und ich dachte, ich schau mir das mal an."

Hier in Humboldt County, im nordwestlichsten Zipfel Kaliforniens ist der Westen wahrlich noch wild, denn hier wächst der Hanf in jedem Garten.

Hier im goldenen Dreieck von Humboldt-, Mendocino und Trinity County bauen tausende von Menschen Cannabis an. Es ist die wichtigste Einnahmequelle aus Nutzpflanzen. Nicht nur für die Region. Sondern für ganz Kalifornien. Mit einem geschätzten Marktwert von 36 Mrd. Dollar ist Cannabis ein Riesengeschäft im Golden State. Landesweit hat das grüne Gold Nutzpflanzen wie Mais und Soja längst überholt.

"Wir haben auch eine Sorte, die aus Amsterdam kommt. Eine Mischung aus Michelle Obaba, und Obama-Mama, ich nenne die Sorte daher First Lady Kush."

Die Alt-Hippies werden vom örtlichen Sheriff geduldet. Wer nicht mehr anbaut als er darf, wird in Ruhe gelassen, sagt Sheriff Tom Allmann, aus dem Kreis Mendocino.

"Das Gesetz hat die bittere Pille geschluckt. Wir sind einen Schritt weitert und haben akzeptiert, dass Leute Marihuana rauchen."

Aber die Grenze zwischen legal und illegal ist nicht eindeutig. Und die Gier verführte viele, mehr Pflanzen anzubauen als erlaubt. Daraus entstanden ist eine richtige Industrie – mit mehreren Milliarden Dollar Umsatz.

"Im vergangenen Jahr haben wir 541.000 illegale Marihuanapflanzen zerstört, in diesem Jahr allein haben wir schon 550.000 zerstört."

Kalifornien beliefert den amerikanischen Schwarzmarkt. In Bundesstaaten wie Arizona oder Texas erzielen die Hippies bis zu 4000 Dollar das Pfund. Der Besitz, der Anbau und das Rauchen von Gras stehen dort unter strenger Strafe. Die Gefängnisse in Arizona und Texas sind voll von Cannabis-Nutzern, die erwischt wurden. In Kalifornien dagegen werden Kiffer ohne ärztliche Empfehlung mit nur einem geringen Bußgeld von 100 Dollar verwarnt. Denn die Behörden wissen, wer wirklich rauchen will, der holt sich einfach eine Empfehlung vom Arzt. Viele Ärzte stellen das begehrte Kifferpapier aus, ohne die Patienten wirklich zu kennen. In Venice am Touristenstrand ist eine regelrechte Industrie daraus entstanden. Dr Kush steht auf einem Schild – Dr Kush verschreibt Marihuana.

Der Markt mit solchen Lizenzen treibt Blüten. Weil viele Ärzte Marihuana als gefahrlos ansehen und an der Legalisierung der Pflanze interessiert sind, lassen sich einige Aktivisten unter ihnen von Dogendealern einspannen. Alle paar Wochen finden in Venice sogenannte "Doctor parties" statt. Drogendealer und Arzt arbeiten zusammen und verkaufen vor Ort Lizenzen. Ashley und Blaine sind auf dem Weg zu einer solchen Kifferparty.

"Es ist eine Doktor-Party. Einfach nur eine Party."

"Ich habe mit den Doktorpartys angefangen, weil ich ursprünglich aus dem Catering- und dem Eventplanungsbereich komme. Als ich zum ersten Mal zu einem Arzt kam, um mein Rezept und eine Beratung für Cannabis zu bekommen, war ich in dieser typisch sterilen Arztpraxis und dann sitzt du in einer Schlange und wartest stundenlang. Da habe ich mir gedacht, dass es netter wäre, sich in einer schönen Umgebung zu treffen, wo alle zusammen sind und eine Gemeinschaft bilden. Und wir unsere Rechte ausüben, so eine Party, wo jeder Spaß hat und isst und trinkt während sie auf den Arzt warten."

Fast 300.000 Menschen haben in Kalifornien bereits eine ärztliche Empfehlung für Marihuana. Und es ist nicht immer klar, wer wirklich krank ist und Cannabis als Medizin braucht.

Blaine darf nun täglich bis zu einer Unze Cannabis rauchen. Das Gesetz für medizinisches Cannabis erlaubt Patienten ihre Medizin entweder selbst anzubauen, oder von dritten anbauen zu lassen. Hunderte von Kooperativen sind im ganzen Land entstanden, die sich von den Farmern im Norden des Landes beliefern lassen.

Über 2000 Cannabis-Apotheken haben seit 1996 in Kalifornien eröffnet. Zeitweise gab es mehrere Apotheken auf einer Straße. Yamé ärgert das:

"Die Stadtverwaltung war unverantwortlich, denn sie war zu lax mit dem Gesetz. Alle diesen Clubs wurde es erlaubt zu eröffnen, und das war schlecht für LA. Denn natürlich haben sich die Bürger beschwert. Allein auf Melrose Avenue gab zeitweise es 27 Clubs."

Die Apotheken mutierten dank der enormen Nachfrage zu einem Kiffer-Shoppingparadies.

In hellen, freundlichen Shops liegen neben Cannabis-Sorten auch Haschbrownies. Zu kaufen gibt es auch T-Shirts und Seifen. Esoterische Bücher und Duftkerzen. Freundliches Hippie-Personal berät beim Kauf von Inhalatoren und erklärt Dosierung und Wirkung. Cannabis-Shops sind Normalität. An Freitagen und vor Beginn von Feiertagen stehen in manchen Shops die Kiffer Schlange, denn jeder will sich noch vor dem Wochenende mit Gras eindecken.

Die Droge hat einen festen Platz in der Gesellschaft. Seit drei Jahren gibt sogar eine Universität, an der jeder den Anbau von Hanf erlernen kann. Die Uni Oaksterdam - ist ein Wortspiel aus dem Kifferparadies Amsterdam und Oakland - der kleinen kalifornischen Stadt bei San Francisco. Hier unterrichtet Cody:

"Wir haben einen zehnwöchigen Kurs in Gartenbau, drei Stunden die Woche zehn Wochen lang. Und die Studenten lernen alles über den biologisch dynamischen Anbau und die Abfall und Bewässerungstechniken."

Cody wurde erst in diesem Jahr mit seinem Studium fertig und unterrichtet seitdem selbst.

Der Gründer von Oaksterdam ist Cannabis Aktivist Richard Lee. Der Amerikaner hatte sich bei einem Besuch der Hanf-Universität in Amsterdam inspirieren lassen. Als er 2007 den Lehrplan für seine Schule entwickelte legte er den Schwerpunkt sowohl auf Gartenbau, als auch auf juristische, politische und gesellschaftliche Aspekte. Denn Lee war klar, hier geht es um viel Geld, und wenn die Gesetze gelockert werden, lässt sich mit Cannabis viel Geld verdienen.

Die Universität Oaksterdam steht nun im Mittelpunkt einer groß angelegten Legalisierungskampagne. Richard Lee hat einen Gesetzestext formuliert, der liberaler noch als bei der Legalisierung von medizinischem Marihuana, den Konsum und Anbau von Cannabis in Kalifornien komplett legalisiert und entkriminalisiert. Proposition 19 heißt der Volksentscheid, über den die Kalifornier abstimmen dürfen. – zusammen mit den Gouverneurs- und Senatswahlen. Oaksterdam Direktorin Dale Clare ist die Sprecherin dieser Initiative:

"Proposition 19 erlaubt allen Erwachsenen über 21 Jahre den Besitz von einer Unze Cannabis, zu persönlichem Gebrauch. Sie dürfen kleine Mengen von Cannabis zu Hause anbauen. Allerdings nicht an öffentlichen Orten, und du darfst auch nicht vor deinen Kindern rauchen."

Der Ruf nach einer Legalisierung kommt für Aktivisten zu einem günstigen Zeitpunkt. Staat und Kommunen sind pleite und suchen nach neuen Einnahmequellen. Cannabis schafft neue Arbeitsplätze und die Einführung von Steuern und Gebühren spült Millionen von Dollar in die leeren Kassen. Landesweit könnte Kalifornien nach Schätzungen von Experten mit einem Geldregen von bis zu zwei Milliarden Dollar rechnen. Von dem großen Kuchen will sich jeder eine Scheibe abschneiden. Proposition 19 ködert daher Gemeinden damit, dass sie Steuern und Gebühren selbst regeln.

Die Debatte über die Legalisierung von Marihuana wird in Kalifornien sehr unaufgeregt geführt. Im Land der Hippies und des ewigen Sommers gehört Cannabis schließlich seit 50 Jahren zur Lebensart und zum guten Ton. Selbst Arnold Schwarzenegger weiß, dass hier keine Gefahr für die Gesundheit besteht. Der scheidende Gouverneur wäre zudem der erste, der von einer Legalisierung profitiert.

Zudem könnte so der Schwarzmarkt verschwinden. Straßen würden sicherer und Dealer verlieren ihre Einnahmequellen. Mit dieser Begründung gewinnt die Kampagne viele Stimmen. Sogar viele Polizisten und Gesetzeshüter lassen sich überzeugen. Wenn heute gewählt würde, würde das Gesetz zur Liberalisierung von Cannabis mit hauchdünner Mehrheit angenommen, Kalifornien hätte damit das toleranteste Cannabisgesetz der Welt. Allerdings käme auf die Cannabis-Bauern viel Bürokratie zu. Und natürlich Steuern. Mary in Garberville hält daher von Prop 19 nicht sehr viel:

"Ich bin dagegen. Ich habe das Gesetz nicht genau gelesen, aber es wird dem Typen Robert Lee helfen, so heißt er doch oder? In Oaksterdam. Aber uns wird es nicht helfen, denn wir werden beim Verkauf limitiert. Sie werden uns nach Unzen besteuern. Wir wollen zwar mehr Regeln, damit Patienten besser behandelt werden, denn das wäre auch besser für die unabhängigen Farmer, die in ihrem Garten anbauen, und die dann das Geld haben, um das Jahr zu überleben."

Kaliforniens Gesetze haben Signalwirkung für den Rest der USA. Cannabis ist eine Droge, die von den Politikern nicht länger ignoriert werden kann.

Die Uhren ticken in Kalifornien einfach anders. Und hier im Norden - in Humboldt County sowieso. Die Hippies von damals sind zwar alt geworden – aber das Gefühl der Familienzugehörigkeit ist nach wie vor so frisch wie vor 50 Jahren.

"Very much so."

Weltzeit

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