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Religionen / Archiv | Beitrag vom 24.03.2012

Der grausame und der barmherzige Gott

Um die Opfergeschichte von Isaak streiten Gelehrte noch heute

Von Gerald Beyrodt

Abraham soll seinen einzigen Sohn Isaak Gott opfern. In letzter Sekunde entscheidet Gott sich um. (picture alliance / dpa / Matthias Hiekel)
Abraham soll seinen einzigen Sohn Isaak Gott opfern. In letzter Sekunde entscheidet Gott sich um. (picture alliance / dpa / Matthias Hiekel)

Gott fordert von Abraham den absoluten Gehorsam: Er soll seinen einzigen Sohn Isaak töten. Abrahams wichtigstes Ziel, ein Volk zu gründen, wäre damit passé. In letzter Sekunde verhindert Gott das Opfer. Über die Bedeutung der Erzählung wird bis heute gestritten.

Es ist eine Geschichte, in der Gott Blut fordert und dann doch nicht will. Eine schreckliche Geschichte mit gutem Ende, eine Geschichte, die empört und beruhigt und provoziert und fast alle Klarheiten über Bord wirft. Eine Geschichte, die auf aktuelle Fragen eingeht. Zum Beispiel: Wieso sind Menschen bereit, für Religion zu töten und zu sterben?

Wie durch ein Wunder, so erzählt es die Tora, haben Abraham und Sara ein Kind bekommen: Isaak. Eigentlich war Sara unfruchtbar. Doch im hohen Alter kam der lang ersehnte Sohn, aus dem ein ganzes Volk entstehen soll. Und nun fordert Gott Abraham auf, mit seinem Sohn auf einen Berg zu steigen und ihn als Opfer darzubringen. Das wirft Abrahams wichtigste Mission über den Haufen: denn ohne Sohn kein Volk.

Isaak fragt noch, wo denn das Opfertier sei. Darauf antwortet Abraham, dass Gott es zeigen werde. Isaak trägt sogar das Brennholz für das Opfer. Auf dem Berg bindet Abraham Isaak fest und legt ihm das Messer an die Kehle. Doch im letzten Moment hindert ihn ein Engel Gottes an seiner grausigen Tat. In der Bibel heißt es:

"Da rief ihm ein Engel des Ewigen vom Himmel zu und sprach: "Awraham! Awraham!" Er sprach: "Hier bin ich!" Jener: "Strecke deine Hand nicht nach dem Knaben und tu ihm nichts! Denn nun weiß ich, dass du gottesfürchtig bist, weil du deinen einzigen Sohn mir nicht verweigert hast." Awraham hob seine Augen auf und sah einen Widder (vorbeilaufen). Hernach wurde er in den Hecken mit seinen Hörnern verwickelt. Hernach ging Awraham hin, nahm den Widder und brachte ihn als Ganzopfer dar statt seines Sohnes. Awraham nannte den Namen des Ortes: "Der Ewige wird sehen."

Bei einem Ganzopfer wird das Tier in archaischen Kulturen vollständig verbrannt, und der Vorstellung nach vollständig dem Gott gegeben. Es gibt auch Opfer, bei denen Menschen Teile des Tieres essen. Nachdem Gott Abraham bei seiner Tat unterbrochen hat, schwört er ihm Treue: Aus seinen Nachkommen soll ein großes Volk werden. Helmut Ruppel ist evangelischer Pfarrer. Für ihn geht es in der Geschichte vor allem um die Frage:

"Was für ein Gott ist das, der solchen Gehorsam einerseits fordert, andererseits das Werk gar nicht zulässt? Und deshalb ist wahrscheinlich der Kern dieser Geschichte, dass in Gott dieses beides festgehalten werden soll. Seine Strenge, seine Forderung, sein Appell und zugleich seine Barmherzigkeit und seine Weiterermöglichung des Lebens."

Fast könnte man meinen, Gott wisse hier nicht, was er will. Fast alle Interpretationen und Weitererzählungen drehen sich um die Frage der zwei Gesichter Gottes in dieser Geschichte: Erst ist er streng und grausam. Dann ist er gnädig und fast warmherzig. In der biblischen Erzählung gibt es für diese unterschiedlichen Gesichter Gottes sogar verschiedene Namen, sagt Helmut Ruppel:

"Der auffordernde, der appellative, der vermeintlich strenge, und bestimmte Leute sagen auch der grausame, der sadistische Gott, bis dahin geht das, diese Stimme trägt einen anderen Namen, den Namen Elohim. Derjenige, der sagt, lege deine Hand nicht an den Knaben trägt einen Gottesnamen, den man im Judentum nicht ausspricht. Es ist dieser Name aus vier Buchstaben: JHWH. Und das ist ein barmherziger Gott. Wir haben unterschiedliche Namen für Gott, mit denen unterschiedliche Handlungsweisungen verbunden sind."

Juden nennen die Geschichte: die "Akeda", die Bindung Isaaks, weil Abraham ihn festband. Christliche Interpreten legen meist den Schwerpunkt ihrer Deutung auf den strengen, grausamen Gott und auf Abraham, der Gehorsam leisten muss: so etwa Sören Kierkegaard, dänischer Philosoph und protestantischer Theologe. "Furcht und Zittern" lautet der programmatische Titel seiner Schrift über die Akeda-Geschichte. Vor allem bewundert der Mann aus Kopenhagen Abraham für dessen Gehorsam gegenüber Gott und seinen Glauben:

"Aber Abraham glaubte und zweifelte nicht, er glaubte das Widersinnige. (…) Und er stand da, der alte Mann, mit seiner einzigen Hoffnung! Aber er zweifelte nicht, er schaute nicht ängstlich nach rechts oder links, er forderte nicht durch seine Bitten den Himmel heraus. Er wusste, es war Gott, der Allmächtige, der ihn versuchte, er wusste, es war das schwerste Opfer, das von ihm gefordert werden konnte; aber er wusste auch, dass kein Opfer zu schwer war, wenn Gott es forderte – und er zückte das Messer."

Abraham als Held des Glaubens – das ist sicher sehr christlich gedacht, weil das Christentum besonderes Gewicht auf den Glauben legt: Nur dort gibt es eine Lehre von der Rechtfertigung durch Glauben. Ob jemand vor Gott bestehen kann oder nicht, wird dieser Lehre zufolge vom Glauben der Person abhängig gemacht. Ein solches Denken ist dem Judentum und dem Islam eher fremd. Hier geht es stärker darum, göttliche Handlungsanweisungen zu befolgen. Für Generationen von Rabbinern war Abraham somit ein Held des Gehorsams. Auch im Koran spielt der Gehorsam eine große Rolle. Ibrahim, wie Abraham im Koran heißt, träumt, dass er seinen Sohn töten muss und berichtet diesem von seinem Traum. Ibrahim sagt im Koran:

"Mein Sohn! Ich sah im Traum, dass ich dich schlachten werde. Nun schau, was meinst du dazu?" Er sagte: "Vater! Tu, was dir befohlen wird! Du wirst, so Gott will, finden, dass ich einer der Geduldigen bin." Nicht nur der Vater ist gehorsam, sondern auch der Sohn. Wie in der Bibel darf der Sohn weiterleben. Und wie in der Bibel stirbt statt des Sohnes ein Opfertier."

Wenn im Koran von "Wir" die Rede ist, dann spricht nach muslimischer Vorstellung Allah selbst:

"Als sich beide ergeben hatten und er ihn mit der Stirn zum Boden hingelegt hatte, riefen Wir ihm zu: "O Ibrahim! Bereits hast du das Traumgesicht bestätigt! Gewiss, solcherart vergelten WIR es den Rechtschaffenen."

In der muslimischen Tradition ist Ismael dann der Sohn, der beinahe geopfert würde. In der Bibel ist Ismael eher eine Nebenfigur, Sohn von Abrahams zweiter Frau Hagar. Die Muslime hingegen sehen ihn als ihren Ahnherren. Die koranische Geschichte gehört für Muslime zum Opferfest. Bei der Wallfahrt nach Mekka werden Tiere getötet und geopfert. Wer nicht nach Mekka fahren kann, bemüht sich, zu Hause ein Tier zu schlachten oder schlachten zu lassen. Der Religionswissenschaftler Mohsen Mirmehdi erinnert sich an seine Kindheit im Iran:

"Das war ein Schaf. Es war ja so, dass das Tier meistens einige Tage vor dem Opferungsakt ins Haus geholt wurde. Und da haben die Kinder natürlich mit dem Tier gespielt, haben es gefüttert und so. Und dann war es doch für die Kinder ein bisschen traurig, dass das Tier ein solches Schicksal erleiden musste. Es gab auch Fälle, wo die Kinder sich dann geweigert haben, das Fleisch zu essen, weil sie sich zu sehr angefreundet hatten mit dem Tier."

Juden und Christen opfern heutzutage keine Tiere mehr. Doch Juden sprechen Gebete anstelle der alten Tier- und Getreideopfer. Wer in eine Kirche geht, findet dort unter dem Kreuz einen so genannten Altar. Das Wort ist so geläufig, dass man fast vergessen könnte: Ein Altar ist der Tisch, auf dem Tiere für einen Gott geschlachtet werden.

Auch die hebräische Bibel ist sehr mit der Frage beschäftigt, wie man genau opfern solle. Schon dort gibt es heftige Kritik am Opfer. Der Duft der Brandopfer sei Gott zuwider/ekele Gott an, sagen die Propheten. Eines ist in der hebräischen Bibel klar: Israeliten opfern keine Menschen.

Die historisch-kritische Bibelforschung hat die Geschichte von Abraham und Isaak als eine Abkehr vom Menschenopfer gelesen: Gott entschließt sich dieser Lesart zufolge in der Geschichte, dass keine Menschen kultisch für ihn sterben sollen. Stattdessen opfern die Menschen jetzt Tiere. So opfert Abraham den Widder ersatzweise.

Dieses klagende, archaische Geräusch ist am jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana zu hören: das Horn eines Widders – ein Schofar. An Rosch ha-Schana und dem Versöhnungstag bitten Juden Gott, ein weiteres Jahr leben zu dürfen. Und just an Rosch ha-Schana lesen sie die Geschichte von Abraham und Isaak vor. Sie berufen sich auf die Treue Abrahams, aber auch darauf, dass Isaak weiterlebte. Der Tenor der Gebete: "Lass uns weiterleben, du hast auch Isaak weiterleben lassen." Auch im täglichen Morgengebet kommt Isaak vor. Dort erinnern Juden Gott ausdrücklich an sein Versprechen, das er am Ende der Akeda gibt: nämlich das Volk Israel zu mehren. Im Morgengebet heißt es:

"Herr aller Welten, nicht wegen unserer Verdienste legen wir dir unsere Bitten vor, sondern wegen Deines großen Erbarmens. (…) Der Mensch hat keinen Vorzug vor dem Tier, denn alles ist nichtig. Wir aber sind dein Volk, Kinder deines Bundes, Kinder Awrahams, der Dich liebte, dem Du auf dem Berg Morija ein Versprechen geschworen hast. Wir sind Nachkommen Jizchaks, seines Einzigen, der auf dem Altar gebunden wurde."

Das jüdische Volk habe sich über die Jahrhunderte immer stark mit Isaak identifiziert, sagt Anette Böckler, Dozentin am Londoner Leo-Baeck-College:

"Also, das steht natürlich im Vordergrund, dass die jüdische Geschichte in den Isaak hineingelesen wird, ja."

Denn die jüdische Geschichte liest sich wie eine Abfolge von Grausamkeiten: Die Kreuzzüge beginnen damit, dass erst einmal die Synagogen in Europa brennen. Juden, die die Taufe verweigern, werden ermordet. Dann die Vertreibung aus Spanien und Portugal. Dann die Pogrome in Russland und Polen. Immer wieder haben sich Juden gefühlt wie der festgebundene Isaak:

"Immer dann, wenn es bedrohlich für uns war, dann ist diese Identifikation natürlich stärker, und bis heute sind ja Familien betroffen. Man kann ja gar nicht sagen, heute geht es uns gut, wir können das vergessen, weil wir sind immer noch unter dem Eindruck der Schoa bis heute."

Für den Auschwitz-Überlebenden Elie Wiesel war die Geschichte von Isaak die zentrale Metapher für das Schicksal der Juden im Nationalsozialismus:

"Die Akedah ist das wohl geheimnisvollste, herzzerbrechendste und zugleich eines der wunderbarsten Kapitel unserer Geschichte."

Und jetzt kommt Wiesel auf das Opfer in der Geschichte zu sprechen. Dort ist von einem Ganzopfer die Rede, bei dem das Tier vollkommen verbrannt wird. Auf Griechisch heißt das Ganzopfer: Holocaust. Elie Wiesel war der erste, der den Begriff für die Vernichtung der Juden verwandte:

"Ich nenne Isaak den ersten Überlebenden des Holocaust, weil er die erste Tragödie überlebte. Isaak war auf dem Weg, ein korban olah [ein Brandopfer] zu sein, was wirklich ein Holocaust ist. Das Wort 'Holocaust' hat eine religiöse Konnotation. Isaak war bestimmt als Opfer für Gott."

Doch genau deshalb ist die Metapher problematisch. Sechs Millionen Juden waren ganz sicher nicht als Opfer für einen Gott bestimmt, und die Konzentrationslager waren ganz sicher keine Altäre. Elie Wiesel hat sich später selbst von dem Begriff Holocaust für die Judenvernichtung distanziert.

Auch in unseren Tagen drängen sich aktuelle Deutungen der Akeda-Geschichte auf: Für einen gefährlich langen Moment erscheint Abraham wie ein Terrorist unserer Tage. Während Abraham anderswo in der Bibel durchaus mit Gott diskutiert, wenn es um Befehle geht, und ins Feld führt, dass Gott keine unschuldigen Menschen töten soll, ist hier kein Wort des Widerspruchs von ihm zu hören. Abraham erscheint wie ein Fanatiker, der alles tut für seine religiöse Mission – oder das, was er dafür hält. Einer, der keine Fragen mehr stellt, nicht nach rechts oder links sieht, einer der blind ist, vor lauter Gehorsam. Solchen religiösen Fanatismus gab und gibt es in allen Religionen. Doch schließlich unterbricht ein Engel Abraham bei seiner Tat. Danach teilt uns die Bibel mit, dass Abraham die Augen erhebt. Sehen heißt immer auch: erkennen.

Isaak überlebt, Abraham lernt dazu. Vielleicht lernt auch Gott dazu, aber vielleicht hat Gott auch von vornherein geplant, Isaak leben zu lassen. Wenn die Geschichte etwas lehrt dann dieses: Menschen wissen nie so genau, was Gott will, sollten sich ihrer Gottesbilder nie zu sicher sein. Die Bibel jedenfalls erzählt weiter von Gott: sicher nicht im Sinne einer objektiven Beschreibung, so ist Gott. Stattdessen schildert sie die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk, die Beziehung zwischen Gott und der Menschheit. Abraham nennt den Berg jedenfalls: Der Ewige wird sehen. Oder auch: Der Ewige sah. Vielleicht ist es auch der Berg, auf dem Gott es einsah.

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