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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.05.2009

Der geteilte Dichter

Robert Gernhardt: „Der Ton im Wörtersee“ und „Was das Gedicht alles kann. Alles“

Insgesamt 24 Literaturpreise hat Robert Gernhardt erhalten. Oft wurde er mit Heinrich Heine verglichen. (AP)
Insgesamt 24 Literaturpreise hat Robert Gernhardt erhalten. Oft wurde er mit Heinrich Heine verglichen. (AP)

Der Literat Robert Gernhardt gilt als einer der wichtigsten Humoristen, die Deutschland je hervorgebracht hat. In zwei neuen Hörbüchern tritt er jeweils als Satiriker und Literaturwissenschaftler in Erscheinung. Die Rollen mögen verschieden sein – der Sprachwitz ist der gleiche.

Gernhardt: "Gedicht kann beides sein: Klage und Feier. Dies geht mir auf den Sack, das auf die Eier."

Hörbuch Nummer 1: "Der Ton im Wörtersee". Mitschnitt eines Robert-Gerhardt-Kult-Auftritts, an Klavier und Cello Gernhardts Lieblingsbegleitung, das Duo Anne Bärenz und Frank Wolff. Federleicht in schnellen Schritten tippt Gernhardt große Lebensthemen an, die Liebe, den Tod, will bei allem Tiefgang unterhalten, lässt vertrackte Rätsel raten:

"Da ist ein Baum, ist immer grün, wächst nicht in der Savanne, wächst da, wo Deutschlands Blumen blühen und winters auf ihm Kerzen glüh´n. Wie heißt der Baum? Marianne! – Ja, das war der unterhaltsame Teil des Abends. Wir haben uns hier leider nicht zum Spaß versammelt. Nun wird´s ernst. Folgen Sie uns bitte in die Welt der Literatur. Zum Literaturbetrieb: dieses Gewerbe ist ziemlich windig. So? Findest du? Find´ ich."

Womit wir bei Hörbuch Nummer 2 wären. Robert Gernhardt als Literaturprofessor. "Was das Gedicht alles kann. Alles" so heißt der 290-minütige Mitschnitt einer Vorlesung zum Thema Poesie, die Gernhardt im Jahr 2002 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf hielt. Den Zuhörer erwarten fünf Stunden geballte Literaturwissenschaft: 600 Jahre deutsche Lyrik, ihre Entstehungs-, Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte, vom Schweifreim des 15. Jahrhunderts über die Poesie-Diskussionen der Sturm-und-Drang-Zeit bis hin zu DDR-Lyrik und Enzensberger und Rühmkorff.

"Verehrte Anwesende, ich begrüße Sie zum dritten Teil meiner Führung durch das Haus der Poesie, an deren Beginn ich rasch rekapitulieren will, was wir bisher alles darüber erfahren haben, was das Gedicht alles kann. Es hilft nicht nur beim Regredieren, Memorieren und Kollaborieren, es reizt auch an und auf zu rezipieren, zu formulieren, zu provozieren und zu intervenieren, zu imitieren, zu plagiieren, zu parodieren und – last not least – beschleunigt es das Kommunizieren ganz ungemein."

Unterhaltsam ist Gernhardt sowieso. Die fünfteilige Vorlesung aber bietet mehr: den Sinn fürs Detail und für die große Zusammenschau. Gnadenlos entblättert sie den unzureichenden Stand heutiger Literaturwissenschaft im Bereich des Genres Poesie.

Robert Gernhardts Vorlesung wird zu einem Standardwerk deutscher Literaturwissenschaft werden; bisher gab es nichts annähernd Vergleichbares. Die Printversion erscheint im November. Und als Zugabe des Vorlesungs-Hörbuches gibt es die Vertonung eines Gernhardt-Gedichtes: es spielen Otto Waalkes und die Friesenjungs. Sie hören die Welturaufführung:

"Erleben Sie zum Abschluss meiner Führung durch das Haus der Poesie bitte den hochsymbolischen Brückenschlag von Alt und Neu, Wort und Ton, Ballade und Popsong, Ostfriesland und England, Schwab und Gernhardt, Lennon und McCartney. Musik bitte ab…Bodenseereiter…Ein Mann wollte schnellstens von A nach B, zwischen A und B lag der Bodensee, der im kältesten Winter seit Hundert Jahren von A bis B flächendeckend zugefroren war…Bodenseereiter…"

Wer einen intimen Abend mit Robert Gernhardt erleben möchte, der höre "Den Ton im Wörtersee". Wer die amüsanteste Vorlesung deutscher Literaturwissenschaft aller Zeiten nicht verpassen will, der höre "Was das Gedicht alles kann. Alles". Und wer nicht dumm ist, der höre beides. Und wer dumm ist: Das Leben geht weiter – meistens.

"Leben geht weiter…danke fürs Zuhören…und Sie haben es gehört…das Leben geht weiter."

"Ach, ach noch in der letzten Stunde werde ich verbindlich sein. Klopft der Tod an meine Tür, rufe ich geschwind: herein. Woran soll es gehen, ans Sterben? Habe ich zwar noch nie gemacht, doch wir werden das Kind schon schaukeln, na ja, das wäre ja gelacht Womit ich nur sagen will..., ach, ich soll hier nichts mehr sagen? Geht in Ordnung, bin schon…"

Besprochen von Lutz Bunk

Robert Gernhardt: Der Ton im Wörtersee
Antje Kunstmann Verlag, Hamburg 2009
Eine CD, 73:35 Minuten, 14,90 Euro
Musik: Anne Bärenz und Frank Wolff

Robert Gernhardt: Was das Gedicht alles kann. Alles – Eine Führung durch das Haus der Poesie
Der Hörverlag, München 2009
Fünf CDs, 290 Minuten, 29,95 Euro

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