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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 04.04.2006

Der Gesellschaft einen Spiegel vorgehalten

Vor 110 Jahren erschien erstmals der "Simplicissimus"

Von Xaver Frühbeis

Selbst der Schriftsteller Thomas Mann schrieb für den "Simplicissimus". (AP)
Selbst der Schriftsteller Thomas Mann schrieb für den "Simplicissimus". (AP)

Ende des 19. Jahrhunderts wurde in München eine Zeitschrift gegründet, die frischen Wind in muffige Bürgerstuben blies. Der "Simplicissimus" gab alles, was sich in Deutschland zu ernst nahm, der Lächerlichkeit preis. Am 4. April 1896 erschien die erste Ausgabe der satirischen Wochenschrift.

"Simplicissimus" - der Name war Programm. Grimmelshausens Romanfigur "Simplicius Simplicissimus" ist ein nichtswissender Einfaltspinsel, der mit seiner Naivität der Gesellschaft einen entlarvenden Spiegel vorhält. Genau das war es auch, was der Münchner Verleger Albert Langen vorhatte. Langen, ein Playboy mit Hang zur Weltverbesserung, hatte bereits wegen Majestätsbeleidigung gesessen, und nun dachte er daran, diese Qualifikation zu einer würdigen Blüte zu bringen, in Form einer großen satirischen Wochenzeitschrift. Langens Ziel war es, mit allen Mitteln der Kunst der Lächerlichkeit preiszugeben, was sich allzu ernst nahm in Deutschland: heuchlerischer Klerus, dünkelhafter Adel, schnarrende preußische Offiziere, die verlogene bürgerliche Moral und die säbelrasselnde Politik Berlins. Symbol für die neue Freiheit des Denkens war das Wappentier der Zeitschrift, eine große, rote, ihre Kette zerbeißende Bulldogge.

Die erste Ausgabe des "Simplicissimus" erschien am 4. April 1896, kostete zehn Pfennig und war ein Reinfall. Von 300.000 Heften wurden mindestens 299.000 wieder eingestampft. Aber Langen gab nicht auf und holte sich berühmte Künstler ins Boot. Für ihn schrieben: Ludwig Thoma, Frank Wedekind, Thomas Mann, Rainer Maria Rilke. Zeichner wie Bruno Paul oder Olaf Gulbransson gaben dem Blatt auch optisch eine progressive Note.

Der Karikaturist Ernst Maria Lang: "Die Zeichner des 'Simplicissimus' haben in ihren Zeichnungen und Bildern etwas sehr Fortschrittliches gemacht, weit weg von den Illustrationen eines alten Ludwig Richter von anno dunnemals, die sind ganz weit vorangegangen, und die Zeichnungen des ersten Simpl sind heute noch sehr eindrucksvoll und gar nicht altmodisch."

1898, das Blatt war zwei Jahre alt, geschah etwas Großartiges: Der "Simplicissimus" wurde beschlagnahmt. Seine Majestät, der Kaiser, hatte sich durch einen Artikel persönlich beleidigt gefühlt. Langen floh in die Schweiz, die Autoren Heine und Wedekind verurteilte man zu mehreren Monaten Festungshaft. Der Verkauf der Zeitung in preußischen Kiosken und Eisenbahnen wurde verboten, der Simplicissimus erhielt dadurch größte Aufmerksamkeit, und die Auflage stieg. Von nun an legte es die Redaktion ganz bewusst darauf an, beschlagnahmt zu werden, und im Jahr 1904 war man bereits bei einer Auflage von 85.000 Exemplaren. Das Ende dieser Erfolgsgeschichte kam, obwohl die Zeitschrift danach noch knapp 30 Jahre weiterlebte, mit dem Ersten Weltkrieg. Im August 1914 verlor die Redaktion ihre Kritikfähigkeit.

Lang: "Die ganze Einstellung der 'Simplicissimus'-Autoren gegen den Militarismus war natürlich in dem Augenblick ausgehebelt, da das Volk aufstand, um in den Ersten Weltkrieg zu ziehen. Man weiß ja: mit Pauken und Trompeten und Fahnen und Gesängen und Weihrauch der Priester, alles war dabei, und der 'Simplicissimus' war nun plötzlich an die Wand gestellt. Das waren dann sozusagen die vaterlandslosen Gesellen. Das wollten die nicht auf sich sitzen lassen, und deshalb fingen die 'Simplicissimus'-Leute an, Patrioten zu werden. Ein Patriot ist kein satirischer Kritiker, das gibt es nicht. Ein Patriot ist eng in seinen Vorstellungen fixiert auf Patria, auf sein Vaterland."

So lag nun die Bulldogge, zahnlos geworden, wieder an der Kette bürgerlichen Denkens. Langen selbst hat den geistigen Niedergang seiner Zeitschrift nicht mehr erleben müssen, er war bereits anno 1909 gestorben. Der "Simplicissimus", dieses Großereignis deutscher Publizistik, dümpelte noch einige Jahre vor sich hin, kam dann unter das Räderwerk der Nationalsozialisten und war, als der zweite Krieg zu Ende war, längst selig entschlafen.

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