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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.12.2012

Der Gedankenleser

Hanns-Josef Ortheil: "Das Kind, das nicht fragte", Luchterhand, München 2012, 432 Seiten

Modica in Sizilien könnte als Vorbild für die Stadt Mandlica gedient haben. (picture alliance / dpa /  Thomas Muncke)
Modica in Sizilien könnte als Vorbild für die Stadt Mandlica gedient haben. (picture alliance / dpa / Thomas Muncke)

Benjamin Merz ist 40 Jahre und will seinen übermächtigen Brüdern entkommen. Im sizilianischen Mandlica findet er seine Berufung, wo er als Ethnologe eine Studie durchführt. Die Bewohner bewundern ihn als "Magier der Fragen". Er lernt, aus sich herauszugehen, und trifft seine große Liebe.

Weilte Adalbert Stifter noch unter uns und dächte er darüber nach, seinen "Nachsommer" zu aktualisieren, dann gliche das Ergebnis vielleicht jenen Büchern, die Hanns-Josef Ortheil so beharrlich vorlegt. Kaum hat er mit "Liebesnähe" eine Trilogie der Liebe abgeschlossen und mit "Die Erfindung des Lebens" einen Roman vorgelegt, der am Beispiel der autobiografisch geprägten Figur des Johannes Catt von einer Sprach-, Mensch- und Schriftstellerwerdung erzählte, da präsentiert er mit dem gut 40-jährigen Benjamin Merz aufs Neue einen Mann, dem es glückt, ein "anderer Mensch" zu werden.

Während Catt (wie sein Autor Ortheil) ein bis zum Verstummen führendes Schicksal - die Mutter verlor vor seiner Geburt vier Söhne - zu bewältigen hatte, hat Benjamin Merz, ein in Köln lebender Privatdozent der Ethnologie, vier ältere Brüder, die ihn einst schikanierten und ihren "Kleinen" weiterhin zu bevormunden suchen. Benjamin fühlte sich durch seine Geschwister derart eingeengt, dass er gleichsam verstummte, keine Fragen mehr stellte und von sich nichts mehr erzählte. Erst als ihn - eine Schlüsselstelle - im Beichtstuhl ein Pfarrer zum Reden animiert, entwickelt er "Frage- und Antwortspiele", die seine Berufswahl bestimmen sollen.

Der "teilnehmenden Beobachtung" des Sozialanthropologen Bronisław Malinowski verpflichtet, macht sich Merz ins südsizilianische Mandlica (das in manchem Modica ähnelt) auf, um über die für ihre Süßwaren berühmte Stadt eine Studie zu verfassen. Sein Einfühlungsvermögen verschafft ihm einen legendären Ruf als "Gedankenleser" und "Magier des Fragens". Die Bewohner liegen ihm alsbald zu Füßen, und der Bürgermeister plant Großes mit seinem Gast. Benjamin genießt diese Anerkennung und schüttelt nach und nach ab, was ihn einschnürt - vor allem als ihm überraschend die "große Liebe" (so der Titel eines erfolgreichen Ortheil-Romans) gegenübertritt, in Gestalt der aus Bayern stammenden Paula, die zusammen mit ihrer Schwester jene Pension betreibt, in der Merz wohnt.

Der Roman setzt Ortheils Erzählkonzeption ideal um: Er schreitet bedächtig voran, baut mitunter auf komische Elemente, lässt kulinarische und literarische Reize (etwa die Verse des aus Modica stammenden Nobelpreisträgers Quasimodo) nicht zu kurz kommen und streut die Gespräche ein, die dem Ethnologen Aura verleihen. Was es an dunklen Schatten gibt, liegt (wie in Stifters "Nachsommer") in der Vergangenheit, und als ihn die junge Bürgermeistertochter jählings als Beischlaflehrer verpflichten will, widersteht er vorbildlich. Nicht zuletzt: Der Wissenschaftler Merz, der nicht mehr vorhat, dauerhaft nach Köln-Nippes zurückzukehren, wandelt sich, so steht zu vermuten, am Ende zum Erzähler, der die Befreiung dieses Tuns im Voraus spürt.

Der märchenhafte Roman wird auf die Begeisterung trostbedürftiger Leser stoßen und auf die Ablehnung von Kritikern, die das Scheitern für eine Voraussetzung satisfaktionsfähiger Gegenwartsliteratur halten. Adalbert Stifter ist es seinerzeit kaum anders ergangen.

Besprochen von Rainer Moritz

Hanns-Josef Ortheil: Das Kind, das nicht fragte
Luchterhand, München 2012
432 Seiten, 21,99 Euro

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