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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.07.2009

Der ganz normale Wahnsinn

Boris Reitschuster: "Russki extrem - Wie ich lernte, Moskau zu lieben", Ullstein Verlag, 256 Seiten

Boris Reitschuster erzählt Moskauer Geschichten (hier der Rote Platz) (AP)
Boris Reitschuster erzählt Moskauer Geschichten (hier der Rote Platz) (AP)

Leben in Moskau, das heißt den ganz normalen Wahnsinn zu überstehen. Wenn man sich - nach Jahren - an ihn gewöhnt hat, dann beginnt man Russland zu lieben, oder besser: seine Menschen. So ist es Boris Reitschuster ergangen.

Der Moskauer "Focus"-Korrespondent war zum ersten Mal 1988 in der Sowjetunion, noch mitten in Gorbatschow-Zeiten. Die Faszination ist seit dem geblieben. 1990 traute er sich sogar, hinzuziehen, wurde Dolmetscher und begann für deutsche Zeitungen zu schreiben, vor allem über Politik, aber auch über den schon erwähnten Wahnsinn.

Nach Büchern über Putin und Dimitri Medwedew legt er nun eine Sammlung von Alltagsgeschichten vor, die vielleicht mehr erzählen über dieses Land als jede Präsidentenbiografie. Es ist "wie in jeder guten Ehe", schreibt Reitschuster, und meint damit sich und Russland, "man geht sich manchmal ganz schön auf den Keks". Man spielt mit dem Gedanken an Untreue, aber letztlich: "ein Leben ohne einander kann man sich nicht mehr vorstellen."

Und das, obwohl er schon bei russischen Ärzten seine Gesundheit aufs Spiel setzte, weil die ihm falsche Diagnosen ausstellten, oder nur gegen üppige Zusatzhonorare behandeln wollten – nicht aus bösem Willen, sondern weil sie schlechter verdienen als Müllmänner. Reitschusters Liebe wird in diesem Buch immer wieder getestet, etwa wenn die umtriebige Hausmeisterin in seinem Wohnhaus schon mal seine Briefe öffnet, oder wenn er auf den sechsspurigen Magistralen mit Autofahrern zu tun hat, die fahren, als ob Sie Kriege gewinnen müssten, oder die Fallen, die auf den Bürgersteigen Moskaus auf ihn warten: Löcher im Belag.

Während die Straßen aufs Feinste asphaltiert sind, muss sich der Moskauer Fußgänger im "Hindernis-Matsch-Springen" üben. "Eine Schule fürs Leben", schreibt Reitschuster, " man muss kombinieren können, die eigenen Kräfte richtig einschätzen – und auch den Gegner, der gerade auf einen zuspringt." Mindestens fünf Züge gilt es im Voraus zu berechnen. Die Moskauer erweisen sich als gute Kombinierer.

Überhaupt ist es erstaunlich, wie sich viele Russen mit dem Alltag in ihrem Land arrangieren, ein Alltag, den Reitschuster aus einer Mischung aus Distanz und Nähe beschreibt. Man spürt, wie sehr die Schikanen der Bürokratie, die Allüren der Neureichen und die Unfreundlichkeit von Verkäufern Teil seiner Alltagserfahrung geworden sind – er findet den richtigen süffisanten Ton, die angemessene, beißende Ironie und verschont uns mit Theorien. Reitschuster ist ein Praktiker des Moskauer Lebens.

Er weiß genau, wovon er schreibt, lässt sich nur manchmal zu unnötigen Schlusspointen seiner Geschichten hinreißen, und beweist bei allen Problemen dennoch seine Liebe zu Russland: zur legendären Gastfreundschaft seiner Bewohner, zur Freude an Geselligkeit im privaten Rahmen, zur Fähigkeit, große Gefühle zu zeigen. Aber es ist keine Liebe auf den ersten Blick, es ist eine Liebe, die man erlernen muss. Reitschuster bereitet den Leser auf diese Erfahrung vor.

Besprochen von Vladimir Balzer

Boris Reitschuster: Russki extrem - Wie ich lernte, Moskau zu lieben
Ullstein Verlag, 256 Seiten, 14,90 Euro

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