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Religionen / Archiv | Beitrag vom 06.06.2009

Der friedliche Rebell

Über den Leipziger Pfarrer Christian Führer

Von Barbara Dobrick

Führer hat sich auch nach der Wende für Benachteiligte eingesetzt - hier zum Beispiel auf einer Demonstration gegen Hartz IV. (AP Archiv)
Führer hat sich auch nach der Wende für Benachteiligte eingesetzt - hier zum Beispiel auf einer Demonstration gegen Hartz IV. (AP Archiv)

Vor einem Jahr wurde er pensioniert - und doch ist er kämpferisch wie immer: der Leipziger Pfarrer Christian Führer. Im Jahr 1989 hat er Geschichte geschrieben, als er mit Zehntausenden in der Nikolaikirche durch gewaltfreien Protest einen Beitrag zur friedlichen Revolution leistete. Nun ist seine Autobiografie "Und wir sind dabei gewesen" erschienen.

"Wir sind seit drei, vier Stunden hier unterwegs und suchen ein bisschen Ruhe, Entspannung, und das kann man hier sehr gut finden. Und halt, weil man weiß, welche Geschichte diese Kirche hat."

Hier begann die Geschichte der DDR-Revolution, hier spitzte sie sich zu. Hier wurde sie am 9. Oktober 1989 unumkehrbar.

"Wir hatten schon vorher auch Demonstrationen, überfüllte Kirchen eigentlich im September schon. Seit dem 8. Mai waren die Zufahrtsstraßen zur Nikolaikirche durch Polizei gesperrt. Das hat aber das Gegenteil von dem bewirkt, was es bewirken sollte. Es kamen immer mehr Menschen. Seit dem 4. September war Messewoche, da haben westliche Kameras die Menschen gefilmt auf dem Platz und auch das Herunterreißen dieses Plakates 'Für ein offenes Land mit freien Menschen'. Und das kam dann abends in den Nachrichten, im ARD, und ist dann nicht nur den Westdeutschen bekannt geworden, was in der Nikolaikirche läuft, sondern auch den ganzen DDR-Bürgern, die ja alle Westfernsehen gesehen haben. Eine große Verbreitung. Und wir haben am 2. Oktober schon gesehen, dass wir die Menschen nicht in die Kirchen mehr reinkriegen. Wir haben alle Innenstadtkirchen gebeten, Friedensgebet zu halten mit uns. Vielleicht muss ich noch sagen, davor, der 7. Oktober war noch schrecklich, dieser letzte DDR-Feiertag, der 40. Jahrestag, als Uniformierte stundenlang Menschen zusammengeknüppelt haben auf dem Nikolaikirchhof, Hunderte von Menschen verhaftet haben und Ärzte am Sonntag unsere Befürchtungen noch verstärkten, indem sie sagten, sie mussten ganze Stationen freimachen für Schussverletzungen. In der Presse war eine Kampagne gestartet: Am Montag wird die Konterrevolution, wenn’s nicht anders geht, dann mit der Waffe in der Hand beendet. Eine unglaubliche Kulisse der Gewalt und Angst wurde erzeugt, mit dem Ziel am Montag, dass die Menschen diese Angst zu Hause lässt."

Dem Tag der Entscheidung ging viel voraus, was ohne den damaligen Pfarrer der Nikolaikirche Christian Führer so nicht denkbar gewesen wäre. Seit 1982 gab es jeden Montag Friedensgebete in der Nikolaikirche, Woche für Woche, Jahr für Jahr.

"Offen für alle" plakatierte Pfarrer Führer am Kirchenportal, und diese Einladung wurde angenommen von sehr unterschiedlichen Gruppen. 1987 rief Führer den Arbeitskreis "Hoffnung für Ausreisewillige" ins Leben. So trafen sich in der Nikolaikirche jene, die das Land verlassen und jene, die das Land reformieren wollten. Während Oppositionelle anderswo vereinzelt waren, fanden sie in Leipzig ein Zentrum: Die Nikolaikirche und Pfarrer Christian Führer. In einem Stasibericht hieß es, die Nikolaikirche sei "Sammelbecken von Provokateuren und subversiven Kräften".

"Allein 28 Leute waren im Laufe der Zeit auf mich angesetzt. Und sie hatten den so genannten Operativen Vorgang, der beinhaltete zehn Punkte mit dem Ziel: 'Zersetzung der Persönlichkeit', also das Ende in der Psychiatrie und falsche medikamentöse Behandlung und dann nach Hause entlassen - tot. Das war sozusagen die Vollendung dieses Planes. Man hat sich gescheut, einen Pfarrer zu verhaften, also hat man den Kampf unterirdisch fortgesetzt. Und dann aber im September, da war’s ihnen auch das nicht mehr genug, und da haben sie dann meinen Kollegen und mich in das Bezirksgefängnis einbestellt. Und da hat uns der Bezirksstaatsanwalt 10 Minuten lang angebrüllt. Die nannten das Gespräch. Danach hat er gesagt: 'Also jetzt ist endgültig Schluss. Wenn Sie nicht sofort mit den Friedensgebeten aufhören, werden Sie verhaftet. Da schützt Sie auch Ihr Beruf als Pfarrer nicht mehr.' Und da sind sie dann nicht mehr dazu gekommen. Das war der 29. September. Da waren sie noch voll mit ihrem Staatsfeiertag. Und dann, hatten sie ja gedacht, dann haben wir Ruhe, ab 9. Oktober wird die Sache ausgetreten."

Angst war für viele der ständige Begleiter in jenen Tagen. Die Familie Führer war besonders gefährdet.

"Ja, Sie haben ganz richtig gesagt: Wir hatten Tag und Nacht Angst. Aber der Glaube war immer etwas größer als die Angst. Und manchmal hat es auch noch zu Humor gereicht, gerade wenn es besonders ernst war, was für die Menschen eine unheimlich befreiende Wirkung hatte."

Pfarrer Führer berichtet in seiner Autobiografie, dass die Demonstranten trotz aller Anspannung lachten, als sie durch ein Megafon aufgefordert wurden: "Bürger, lösen Sie sich auf!" Die Bürger lösten sich weder auf, noch ließen sie sich einschüchtern.

"Das Erstaunlichste war der 9. Oktober, weil der eigentlich der Tag war, wo die größte Angst draufsaß. Die Stadt war wie im Bürgerkriegsszenario. Und dass gerade an dem Tag die Menschen ihre Angst überwunden haben und nicht zu Hause geblieben sind, das ist tatsächlich ein Vorgang, den könnte man, wenn das nicht ein Plagiat wäre, sagen: das Wunder von Leipzig. Die Unzufriedenheit ist das eine, aber die war latent schon längst da, zum anderen aber plötzlich das Gefühl, da sind Leute, die machen jetzt was, und warum bin ich jetzt eigentlich nicht dabei. Und das hat viele erfasst, gerade an diesem 9. Oktober zu gehen. Keiner, der am 9. Oktober ging, der wusste, ob er nicht mit hundert Leuten da alleine steht."

Der Mut der Demonstranten war gewachsen und verließ sie nicht - trotz der brutalen Polizeieinsätze vor der Nikolaikirche, trotz der vielen willkürlichen Verhaftungen.

"Es gibt ein Wort im Neuen Testament, da heißt es: Der Friede Gottes ist höher als alle Vernunft und reicht tiefer als jede Angst. Das war in der Kirche eine solche Alternative zu dem, was draußen auf dem Platz an Gewalt sich zusammenballte. Und das hat den Menschen diese wunderbaren Worte der Bergpredigt, dass Jesus Menschen selig preist, die noch nie jemand selig gepriesen hat auf dieser Erde, die Lieder, die Gebete - das hat den Menschen solche Kraft und solchen Mut gegeben, dass sie dann auch herausgehen konnten mit einem neuen Gefühl des Mutes, der Zivilcourage und vor allem auch einen Gefühl der Geborgenheit. Das war ganz wichtig. Dass man sich irgendwie geborgen fühlte, auch dann eingebettet in die vielen Menschen, dass man nicht allein war."

Wesentlich war auch, dass die Menschen aus den Kirchen ein Motto hinaustrugen, dass sich alle zu Eigen machen konnten, das für Geschlossenheit sorgte:

"Wir haben nur ein Mittel gehabt, und das haben wir permanent eingesetzt: die Botschaft Jesu der Gewaltlosigkeit, der Bergpredigt. Und die Menschen haben das aufgenommen in diesem Ruf "Keine Gewalt!" Und das war unsere einzige Hoffnung. Die Realität, die zu erwarten war, war die chinesische Lösung vom 4. Juni 89 in Peking, dass es zusammengeschossen wird. Aber was dann passiert, das wusste keiner. Wir hatten ja auch kein Mittel, die Massen zu lenken oder zu steuern. Das hat übrigens den Staat völlig durcheinander gebracht. Ich habe das hinterher mal rausgekriegt, da sagte jemand aus diesem Kreis zu mir, er will mir mal sagen, wie sie mich eingeschätzt hatten: Entweder ist der Pfarrer Führer politisch so naiv, dass der nicht weiß, was der hier lostritt. Oder ist der politisch so raffiniert, dass wir hinter dessen Konzept noch nicht gekommen sind. Und ich habe dabei immer gesagt: Leute, ich richte mich danach, was würde Jesus dazu sagen. Das ist meine Messlatte. Und diese Sache, was würde Jesus dazu sagen, das haben die - den Jesus, den hat’s ja gar nicht gegeben und so weiter - das haben die überhaupt nie ernst genommen. Und da ist das eingetreten, was Jesus gesagt hat: Sie sehen es, und sie begreifen es nicht. Sie hören es, aber sie verstehen es nicht."

Jesus wurde für Christian Führer, der 1943 zur Welt kam, schon in seiner Kindheit die entscheidende Instanz.

"Ich bin in einem Dorfpfarrhaus aufgewachsen, in einem Dorf, Langeleuba-Oberhain, zwischen Leipzig und Chemnitz gelegen. Meine Eltern waren dort viele Jahre lang Pfarrersleute. Und das Eindrücklichste war, ich hatte ja Zugang auch als Pfarrerskind zu Bibeln und Sprüchen und war im Gottesdienst mit von Anfang an, aber meine Eltern haben mir Gott nie als strafenden Gott oder 'Gott sieht alles, pass ja auf', keinen zürnenden und strengen Gott nahe gebracht, sondern einen liebevollen Gott in Jesus Christus. Und ich weiß das noch: Ich war als Kind sehr oft krank und mich hat dann unheimlich fasziniert, dass Jesus sich um die Kranken gekümmert hat, um die Erniedrigten und Beleidigten. Und dass er seinen Weg gegangen ist, unaufhaltsam, und hat sich weder vom religiösen noch vom politischen Establishment auch nur im Geringsten aufhalten lassen, das hat mich stark beeindruckt. Und so habe ich mit 12 Jahren beschlossen, Pfarrer zu werden."

Manche nennen Christian Führer einen Klassenkämpfer ersten Ranges. Und einige seiner Aktionen nach 1989 wurden kritisiert, beispielsweise die gegen Hartz IV. Aber es dürfte gerade Christan Führers Entschiedenheit gewesen sein, die ihn zur zentralen Figur des Revolutionsjahres 1989 machte. Und seine Fähigkeit zur saftigen Predigt, zur mitreißenden Ansprache auch all jener, die in die Nikolaikirche kamen, obwohl sie keineswegs gläubig waren. Dass die Revolution nach Jahrzehnten atheistischer Erziehung ausgerechnet in und aus den Kirchen heraus wuchs, mag andere wundern. Für Pfarrer Führer war das nur folgerichtig:

"So schwierig es war und so viel Schmerzen es auch im Einzelnen gegeben hat in der DDR bei Christen, letzten Endes waren die 40 Jahre DDR ein 40-jähriges Trainingslager für den Glauben. Und nur dieses Trainingslager für den Glauben, also die Kirche endlich wieder auf der richtigen Seite, bei den Unterdrückten und nicht bei den Unterdrückern, beim Volk und nicht bei den Mächtigen, diese Sache, die hat erst diese Revolution neuen Typus möglich gemacht."

Und diese Entwicklung war auch mit überaus positiven Gefühlen verbunden.

"Du wachst früh auf und sagst: Ohne dich läuft das nicht. Du kannst die anderen nicht im Stich lassen. Du musst jetzt mit ran. Also dieses Gefühl der Solidarität, dass man sich dem nicht entziehen kann ohne Schaden für die anderen. Das alles spielte eine Rolle. Die Jugendlichen haben mir das auch später mal gesagt: Wissen Sie, das hat richtig Spaß gemacht. Dieses Wort ist sehr missverständlich. Aber stellen Sie sich vor - ein Jugendlicher, der früh aufwacht und sagt: Na, was wird denn heute sein? Was mache ich denn heute Abend mal? Oder du stehst früh auf und sagst: Heute sind die und die Termine. Da musst du auf alle Fälle dort sein. Und wer weiß, wie es ausgeht. Ein frisches, lebendiges Gefühl des Gebrauchtwerdens, des sinnvollen Lebens. Das ist eine wichtige Sache, die uns erfasst hat, und die war natürlich auch bei mir vorhanden."

An jenem 9. Oktober hatte die Staatsmacht Hunderte Funktionäre zum Friedensgebet in die Nikolaikirche delegiert. Die normalen Bürger sollten wegen Überfüllung der Kirche keinen Zutritt mehr bekommen. Pfarrer Führer wusste nicht, was ihn und alle anderen nach der Andacht auf dem Nikolaikirchhof erwarten würde. Als die Tür geöffnet wurde, standen die Menschen dort so gedrängt, dass die Kirchgänger kaum hinausgelangen konnten. 70.000 hatten sich an diesem frühen Abend versammelt.

"Die Leute hatten Kerzen in der Hand. Und ein Wort, das ein Mensch aus dem ZK der SED dann im Blick auf den 9. Oktober formuliert hatte, der hatte gesagt: Wir hatten alles geplant. Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete. Da wussten sie nicht, was sie tun sollten. Wenn der erste Stein geflogen wär, dann wäre es so gewesen wie immer. Dann wäre das in Blut und Gewalt und Lynchjustiz passiert. Tote hätte es gegeben. Und wenn man sieht, wie die aufgewachsen sind, bei den Nazis, wenn sie so alt waren, mit Rassenhass, Herrenrassendünkel, Kriegsvorbereitungen. An die Stelle Gottes war die Vorsehung getreten. Und im Realsozialismus: Euern Jesus hat’s nie gegeben, alles Quatsch, Märchen, Legende, und euer Gefasel von Gewaltlosigkeit, das ist gefährlicher Idealismus. In der Politik zählen Geld, Armee, Wirtschaft, Medien. Alles andere kannst du vergessen. Die so erzogenen Menschen, den Geist Jesu der Gewaltlosigkeit in den Ruf zusammenfassen "Keine Gewalt!" und das auch praktiziert haben, das ist ein so einmaliges, wunderbares Geschehen. Und als die Menschen dann sich in Bewegung setzten zwischen Angst und Hoffnung, und Meter um Meter vorankamen auf dem Ring, und als sie oben unbehelligt wieder angekommen waren am Neuen Rathaus und am Gewandhaus, da war bei uns nur ein Gefühl grenzenloser Erleichterung, dass nicht geschossen worden war, und das Gefühl, die Ahnung, die DDR ist jetzt nicht mehr dieselbe, die sie am frühen Morgen war."

Christian Führer ist mit zahlreichen Preisen geehrt worden, unter anderen erhielt er 2005 den Augsburger Friedenspreis - zusammen mit Michail Gorbatschow. Vergangenes Jahr wurde Pfarrer Führer pensioniert. Aber er predigt weiter, übergemeindlich. Er hat seine Lebenserinnerungen diktiert und redigiert. Er ist viel unterwegs, erzählt vom Revolutionsherbst 1989, von der Kraft der Gebete und des Glaubens. Die DDR ist überwunden, aber dass sie ein atheistischer Staat war, hat langfristige Folgen. Mehrere Generationen wuchsen ohne Kontakt zum Christentum auf. Aber selbst das stimmt Christian Führer keineswegs pessimistisch.

"Das ist schon wirklich ein Schmerz, dass Menschen einfach nichts wissen. Aber das ist, sage ich mal, ein begrenzter Schmerz, denn die Kirchen, die haben sich ja nun gerade 89 als die erwiesen, die Menschen in Kirchen brachten, die gar keine Christen sind, überfüllte Kirchen, 90 Prozent Nichtchristen in der Kirche. Da haben sie Kirche auf eine ganz qualifizierte Weise kennengelernt. Und Jesus hat ja auch kein PR-Team gehabt. Jesus ist einfach unter die Menschen gegangen. Und genau das müssen wir machen. Wir müssen die Kirchen öffnen, damit alle, die diese Räume brauchen oder die sie entdecken wollen, dass sie eingeladen werden."

In der Nikolaikirche sind die Friedensgebete weitergegangen - bis heute. Und auch das Schild "Offen für alle" hängt noch da. Jeden Tag strömen Menschen in die durch Helligkeit und Anmut fröhlich stimmende Kirche mitten in der Leipziger Altstadt. Manche zum Gebet, manche, um den historischen Ort zu sehen und zu würdigen, manche der berühmten Orgel wegen, manche, um sich im Winter ein wenig zu wärmen. Die Glocken läuten für alle.

Religionen

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