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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 23.02.2013

Der Fisch von morgen

Die EU-Reform zur Fischereipolitik

Von Peter Kaiser

Fischerei (dpa / picture alliance / Markus Scholz)
Fischerei (dpa / picture alliance / Markus Scholz)

Kleinere Flotten, geringere Fangquoten, weniger Beifang: Mit einem umfangreichen Reformpaket will die EU die Überfischung der Meere stoppen. Ist das jetzt die große Trendwende in der Fischereipolitik? Wir haben mit Umweltschützern, Politikern und Fischern gesprochen.

Ein Vormittag im Fehmarner Hafen an der Ostseeküste. Auf die Frage, wie die Fischer ihre aktuelle Situation vor Ort einschätzen, weil es doch immer heißt, es gäbe nicht mehr genug Fisch, hört man ganz unterschiedliche Meinungen.

Alter Fischer: "Wird immer weniger, der Aal wird weniger, der Dorsch wird weniger, wird alles weniger."

Jüngerer Fischer: "Dorsch ist da, bloß das Problem ist, hier ist nichts zu fressen. Der Dorsch ist da, wo Nahrung ist."

Auch wenn es tatsächlich wieder mehr Dorsch in der Ostsee gibt als noch vor einigen Jahren - andere Fischbestände sind akut durch Überfischung bedroht. Ein Problem, das alle angeht. Denn Fische sind ein öffentliches Gut, sagt Markus Knigge, Sprecher von OCEAN 2012, einem europaweiten Zusammenschluss von über 160 Organisationen, die die bisherige Überfischung beklagen.

"Keiner hat ein Recht, die Fische da rauszuholen, die im Wasser sind, sondern das ist der Staat, der dieses Privileg an bestimmte Personen oder den Sektor überträgt. Und wenn es dem öffentlichen Gut Fisch nicht mehr gut geht, dann hat auch der Staat das Recht, ich würde sogar sagen die Pflicht einzuschreiten und zu sagen, wir müssen dafür sorgen, dass sich die Fischbestände wieder erholen, mit allem, was damit einhergeht."

Genau dieses staatliche Eingreifen ist am 6. Februar 2013 beim Europäischen Parlament in Straßburg geschehen. Mehrheitlich wurde dort für den Entwurf zur Reform der Europäischen Fischereipolitik, den sogenannten "Rodust-Report", gestimmt. Dieses "Ja" der Kommission ist eine historische Trendwende in der bisherigen EU-Fischereipolitik, sagt Ulrike Rodust. Die Fischereiexpertin und SPD-Europaabgeordnete, die den Report mit der EU-Fischereikommissarin Maria Damanaki und der schwedischen Journalistin Isabella Lövin auf den Weg gebracht hat, hofft, dass nun ab 2015 die Überfischung gestoppt wird. Und nicht nur das:

"Wir werden ab 2015 die Überkapazitäten stoppen, und wir werden ein faires Verhältnis zu unseren Drittländern haben. Auch dort wird es zukünftig keine Überfischung mehr geben können."

Eine nachhaltige und umweltverträgliche Fischerei in den Gewässern der Drittländer - das sind etwa Mauretanien, Marokko, Grönland, Senegal und andere - zu fördern und die Rechte und Bedürfnisse der lokalen Fischer dabei zu schützen, ist einer der Punkte des "Rodust-Reports". Ein anderer ist, die Subventionen in neue Fangflotten zu beenden. Denn die bisherigen EU-Milliarden haben zu einer Fangflotte geführt, die nach EU-Angaben um 40 Prozent zu groß ist.

Fischer John Much aus Heiligenhafen sieht die bisherige EU-Fischereipolitik kritisch:

"Es ist ja in der EU so, man will eine gemeinsame Fischereipolitik, und die vorherigen gemeinsamen Fischereipolitiken, die haben ja nicht unbedingt gegriffen, aber das liegt hauptsächlich daran, dass sie nicht durchgesetzt wurden. Zum Beispiel hier in der Nord- und Ostsee, da sind viele Maßnahmen durchgesetzt worden, da sehen wir auch die Erfolge, steigende Bestände. Aber in anderen Regionen, Mittelmeer, hat das nicht funktioniert."

Ähnlich sehen das auch die Umweltverbände wie der WWF, Greenpeace, Nabu, Deutsche Umwelthilfe und andere. In Kampagnen wie "Jagd auf den letzten Fisch" oder "Fischerei ohne Grenzen" mahnen sie die fortschreitende Überfischung an. Denn laut der Welternährungsbehörde FAO sind global etwa ein Drittel der Meeresfischbestände überfischt. Dabei werden am häufigsten Rotbarsch, Sardellen, Alaska-Dorsch und Lachs, Atlantischer Hering, Kabeljau und Seehecht gefangen.

47 Prozent der EU-Gewässer sind laut FAO überfischt, im Atlantik sind es 63 Prozent der Bestände, im Mittelmeer sogar 82 Prozent, schätzt die Europäische Kommission. Ginge das so weiter wie bisher, könnte - nach einer Schätzung der EU - um 2048 kaum noch Fisch irgendwo gefangen werden. Die EU-Reform ist also eine Entscheidung für die Zukunft der Artenvielfalt in den Meeren.

Noch mal Markus Knigge, Sprecher von OCEAN 2012.

"Wir reden ja darüber, dass man in Zukunft sehr viel mehr fischen könnte, wenn wir uns jetzt richtig um die Bestände kümmern würden."

Der jetzige EU-Parlamentsbeschluss stellt fest, dass einerseits bis 2015 nur noch solche Fanggrenzen in den Gewässern der EU gelten sollen, die eine Gefährdung der Fischbestände ausschließen. Zugleich sollen die neuen Fangquoten einen Wiederaufbau der beschädigten Fischbestände bis 2020 ermöglichen. Rund 10 bis 20 Prozent der europäischen Fischgründe, fordert Ulrike Rodust, müssten darum für die nächsten Jahre ganz gesperrt werden.

"Das sind 10 bis 20 Prozent in der Zwölf-Meilen-Zone, in Deutschland passiert das schon in vielen Bereichen. Wir brauchen Gebiete, wo Fische sich erholen können, wo sie sich reproduzieren können und in Ruhe gelassen werden."

Dieser Kurswechsel beim Fischmanagement ist bedeutsam und erfreulich, sagt Ulrich Stöcker, Leiter des Bereiches Naturschutz bei der Deutschen Umwelthilfe in Berlin.

"Uns freut daran, dass zum ersten Mal eine Art Trendwende auf den Weg gebracht ist in Richtung mehr Nachhaltigkeit. Das ist das System des höchstmöglichen Dauerertrages, der auch international vorgeschrieben ist, den die EU aber, seit es vorgeschrieben ist, noch nie erreicht hat."

Das System des sogenannten höchstmöglichen Dauerertrages ist sozusagen das Herzstück der EU-Fischereireform. Dabei geht es nicht um höchstmögliche Effizienz, also alle Fische um jeden Preis. Mit wissenschaftlichen Berechnungsformeln wie MSY und FMSY wird vielmehr die Fischentnahmemenge in Bezug zum Bestand genau ermittelt. Christoph Zimmermann vom Johann Heinrich von Thünen-Institut, einem der vier Bundesforschungsinstitute für Ländliche Räume, Wald und Fischerei in Braunschweig, erläutert diese zwei Faktoren.

"Diese Grenzwerte gibt es sowohl für den Fischereidruck, das ist dann das sogenannte FMSY, also ein Grenzwert, wie hoch der Fischereidruck maximal sein darf. Aber auf der anderen Seite dann für die Biomasse, die vorhanden sein muss. Das ist der Wert BMSY, also die Biomasse, die für diesen Bestand den maximalen nachhaltigen Dauerertrag liefert."

Mit Fischereidruck ist die Menge an Fisch gemeint, die pro Jahr gefischt werden darf, also der "Erntedruck" auf die Bestände. Der andere Wert zeigt an, wie viel von einem Bestand da sein muss, bevor er ökologisch sinnvoll befischt werden kann. Doch es gibt noch einen weiteren Beschluss. Zwischen 2014 und 2017 soll der Rückwurf von essbarem Fisch – unerwünschter Beifang, auch Discard genannt – beendet werden. Der Discard, der kaum verkäuflich ist, da die Fische zu klein, nicht marktfähig oder zu zerstört sind - muss dann an Land gebracht werden und wird auf die Fangquote, die jeder Fischer hat, angerechnet. Damit sollen die Fischer zu gezielteren Fangmethoden angehalten werden.

Rodust: "Zu dem Discard-Ban werden wir neue Regeln einführen müssen, weil die noch nicht Grundlage des jetzigen Gesetzes sind. Das heißt sehr wohl Kameras an Bord, das heißt aber auch, grade bei den Großen, Observer an Bord."

John Much, Fischer aus Heiligenhafen, hat sowohl einen Kutter in der Nord- als auch einen in der Ostsee. Kameras an Bord, auch Observer, Kontrollpersonal, ist noch ok, sagt er, doch…

"So wie ich das verstanden habe, ist es auch so, dass die EU in den Reformen auch den Regionen mehr Möglichkeiten geben will. Also eigentlich will sie dahin kommen zu sagen, wir machen nur die großen Rahmenbedingungen, und bitte macht vor Ort, was ihr für richtig haltet. Das wäre für mich der richtige Weg. Eine Fischerei im Mittelmeer kann nie so sein wie in der Ostsee. Also das sind ganz andere Gegebenheiten, ganz andere Temperaturen, ganz andere Fischarten, ganz andere traditionelle Strukturen auch. Das kann man nicht unter einen Deckel packen."

Ulrike Rodust betont, dass die Stärkung der RACS, der "Regional Advisory Councils", der regionalen Fischereiverbände, ein wichtiges Element der Reform ist. Doch es gibt auch Kritik an der EU-Reform. So meint der französische Abgeordnete Alain Cadec, die EU-Reform sei realitätsfern, und würde in Frankreich Tausende Arbeitsplätze in der Fischerei-Industrie vernichten.

Rodust: "”Das ist nicht wahr. Wir wissen, wenn wir nach MSY fischen, das heißt, es darf nur noch soviel gefischt werden, wie auch nachwachsen kann, dann werden wir 37.000 neue Arbeitsplätze bis 2032 haben. Wir werden 15 Millionen Tonnen mehr Fisch haben. Die Franzosen wehren sich in erster Linie gegen den Discard-Ban, und sie sind der Meinung, wir würden zu schnell und zu strikt mit den Regeln beginnen.""

Das EU-Reformpaket beinhaltet auch Finanzhilfen für die Fischwirtschaft, damit die selektive Fangmethoden entwickelt. Gemeint ist damit, dass, um den Discard zu vermeiden, Fangmethoden wie die Grundschleppnetzfischerei und die Baumkurenfischerei, bei der Netze an Rollen über den Meeresboden gezogen werden, durch andere Fangmethoden ersetzt werden müssen. Denn wenn - wie hier in einer Aufnahme der Forschungsanstalt für Wasserschall und Geophysik der Bundeswehr zu hören ist - die schweren Schleppnetze über den Grund gezogen werden, geraten alle Tiere wie Krabben, Seesterne und vor allem Jungtiere als Discard ins Netz. Darum sind für die Fischer im Fehmarner Hafen die Trawler die größten Schadensverursacher im Meer.

Alter Fischer: "Gucken Sie mal die großen Schiffe da mit dem Rollgeschirr, die gehen durch die Steine und überall durch, wo die Brut ist von den Fischen. Früher konnten sie ja nicht, jetzt gehen sie mit dem Rollgeschirr durch die Steine."

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