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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.07.2012

Der Film ist aus

Lars Henrik Gass: "Film und Kunst nach dem Kino", Philo Fine Arts, Hamburg 2012, 136 Seiten

Von Bernd Sobolla

Immer weniger Menschen gehen ins Kino.
Immer weniger Menschen gehen ins Kino. (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)

Vor 60 Jahren kamen rund 800 Millionen Besucher jährlich die deutschen Kinos. Vergangenes Jahr waren es noch 130 Millionen - Tendenz sinkend. Ein verheerender Trend, meint Lars Henrik Gass, Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen. Ist der Kinofilm etwa vom Aussterben bedroht?

"Mein Vater wollte, dass es hier im Ort weiter ein Kino gibt. Ich auch. Aber so wie es jetzt ist, ist es besser, es gibt kein Kino mehr als dass es ein Kino gibt, wie es jetzt ist."

Mit diesen Worten kommentiert 1976 eine Filmtheaterbesitzer das Kinosterben auf dem Land in dem Wim-Wenders-Film "Im Lauf der Zeit". Filmemacher wie Wenders, Woody Allen oder François Truffaut ließen ihre Protagonisten damals oft ins Kino gehen. Heute sind solche Szenen rar. Warum das so ist, erläutert Lars Henrik Gass in "Film und Kunst nach dem Kino". Wobei über den Texten ein Hauch von Wehmut liegt. Denn das Kino, das der Autor liebt, sieht er verschwinden:

"Das Buch vertritt unter anderem die These, dass die Filme sich sehr stark wandeln dadurch, dass sie nicht mehr für das Kino entstehen beziehungsweise dass das Kino eine Auswertungsform ist, die nicht mehr im Vordergrund steht. Aber was jetzt zunehmend von Bedeutung wird, sind mobile Endgeräte. Schon seit einiger Zeit VHS, dann DVD und Folgegenerationen. Das heißt, die Rezeption des Films ist auch beeinflusst durch die Form der Auswertung."

Migration und Mutation von Filmen sind die Schlagworte, die Lars Henrik Gass benutzt: Migration, da die Wertschöpfung zunehmend durch DVD und Blu-ray erfolgt, durch Internet und mobile Endgeräte. 2010 erzielten Kinofilme nur noch ein Viertel ihrer Umsätze im Kino selbst.

Wenn Filme aber gar nicht mehr fürs Kino gemacht werden, verändern sie sich - Stichwort Mutation. Seit Filme überwiegend für Fernsehen und Home Cinema entstehen, geben diese Bilder, Längen und Erzählstrukturen vor. Und angesichts steigender gesellschaftlicher Mobilität durch Smartphones und iPads werden Filme in immer kleinere Bilder und kürzere Einheiten gefasst.

"Ich verfüge ja auch über den Film: Wann ich ihn sehen will, ob ich ihn anhalte, vorspule, unterbreche, alle diese Dinge. Und das ändert das, was ich die spezifische Wahrnehmungsform nenne."

Die für Lars Henrik Gass in Idealform nur im Kino existiert. In einem Raum, in dem der Film zu einer bestimmten Zeit beginnt und endet - ohne Unterbrechung.

"Die sich für mich dadurch auszeichnet, dass sie einen Zwang zur Wahrnehmung darstellt. Ich bin sozusagen gezwungen, dem Gedanken eines anderen zu folgen."

Das Home Cinema kennt diese Schwellenerfahrung nicht. Zudem reduziert die Verfügbarkeit per Mausklick das exklusive Erleben und die Wirkung des Films. Für Gass wird das Kino heute vor allem als Marketinginstrument missbraucht. Das zeigt auch die drastisch verkürzte Auswertungszeit im Kino. Aber mit dem Qualitätssiegel "Kinofilm" verkauft sich das Werk in der Auswertungskette besser: Man denke an TV-Ausstrahlung, Werbezeiten, Merchandising und Home Entertainment. Eine gewisse Zukunft gibt der Autor darum den Filmfestivals.

"Es ist bekannt, dass selbst auf den größten Filmfestivals der Welt die Mehrzahl der Filme im Anschluss keine Auswertung mehr erfährt im Kino. Deshalb komme ich zur These, dass die Festivals mittlerweile eine ebenbürtige Auswertungsform für Filme darstellen."

Hier ist Skepsis angebracht. Denn selbst wenn Festivals für Aufführungen künftig zahlen würden, erhielten die Filmemacher so nur einen Bruchteil ihrer Produktionskosten. Die Subventionen für eine Digitalisierung des Kinos sieht der Autor kritisch, weil der Prozess des Niedergangs so ein wenig verlangsamt, aber nicht gestoppt werde.

"Film und Kunst nach dem Kino" ist essayistisch in der Betrachtung und seriös im Stil, wenn auch manchmal etwas umständlich formuliert. Bei aller analytischen Stärke fehlt dem Buch eine Zusammenfassung der Schritte, die wichtig wären, um das Kino so lange wie möglich zu bewahren. Obgleich es an verschiedenen Stellen Ideen andeutet: Ein neues Filmförderungssystem, eine Kultur-Flatrate, Filmprogramme kuratieren und nicht bloß zusammenstellen.

Am konkretesten wird Lars Henrik Gass, wenn er das Kino der Zukunft mit einem Museum vergleicht: Die historisch und gesellschaftlich einzigartige Erfahrung von Kino kann nur überleben, wenn das Kino zu einem Ort wird, das dem Zugriff des Marktes enthoben ist. Als temporäres Museum der bewegten Bilder, des künstlerischen Films, der sozialen und intellektuellen Interaktion.

Ausschnitt aus "Im Lauf der Zeit": "Der Film ist die Kunst des Sehens, hat mir mein Vater gesagt. Deshalb kann ich diese Filme nicht zeigen, die nur noch Ausbeutung sind von allem, was man in den Augen und in den Köpfen der Menschen überhaupt noch ausbeuten kann."

Lars Henrik Gass: Film und Kunst nach dem Kino
Philo Fine Arts, Hamburg 2012
136 Seiten, 10 Euro


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