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Thema / Archiv | Beitrag vom 13.07.2010

Der farbige Blick auf die Antike

Archäologin Ulrike Koch-Brinkmann über die Berliner Ausstellung "Bunte Götter"

Ulrike Koch-Brinkmann im Gespräch mit Joachim Scholl

Die von Ulrike Koch-Brinkmann und ihrem Mann rekonstruierte Kore Phrasikleia, um 540 v. Chr., in "Bunte Götter". (AP)
Die von Ulrike Koch-Brinkmann und ihrem Mann rekonstruierte Kore Phrasikleia, um 540 v. Chr., in "Bunte Götter". (AP)

Nicht weiß war die Antike, sondern Skulpturen und Gebäude prächtig bemalt. Um die Farbgebung zu rekonstruieren, experimentierte Ulrike Koch-Brinkmann mit Naturmaterialien und alten Verfahren. Die Ergebnisse sind in der Schau "Bunte Götter" im Pergamonmuseum zu bewundern.

Joachim Scholl: Weißer Marmor, in das warme Licht der Mittelmeersonne getaucht, das ist unser Bild von der klassischen Antike. In Wirklichkeit aber sahen die antiken Skulpturen, Tempel und Gebäude ganz anders aus, nämlich überaus bunt. Alles war bemalt – in Blau, Gelb, Grün, Gold und Silber, Gesichter und Hände der Skulpturen gar in Hautfarben oder Schweinchenrosa. Was die Fachwelt vor einigen Jahren schockierte, erstaunt jetzt die Öffentlichkeit. Seit einigen Jahren schon tourt die Ausstellung "Bunte Götter" durch Deutschland, und jetzt ist sie am wohl klassischsten Ort angekommen, in der Antikensammlung im Berliner Pergamonmuseum. Ulrike Koch-Brinkmann ist Archäologin und jetzt bei uns zu Gast. Willkommen im "Radiofeuilleton", Frau Koch-Brinkmann!

Ulrike Koch-Brinkmann: Guten Tag und vielen Dank für die Einladung!

Scholl: Sie haben 2003 mit Ihrem Mann und Kollegen Vinzenz Brinkmann antike Skulpturen in einer Ausstellung erstmals in Originalbemalung gezeigt. Woher wussten Sie eigentlich, dass die Antike so bunt ist?

Koch-Brinkmann: Dass die Antike bemalt ist, also die antiken Skulpturen gefasst gewesen sind, wissen wir eigentlich von Anfang an, weil das nämlich schon bei den antiken Autoren steht. Wenn man Plinius liest zum Beispiel, gibt es eine Anekdote, wo er eine Art Talkrunde beschreibt, und zwar wird der berühmte Bildhauer Praxiteles – das ist so die Koryphäe des vierten Jahrhunderts vor Christus –, wird gefragt, welche seiner Skulpturen er am schönsten findet. Und er ist natürlich eitel, aber versucht dann auch in bescheidener Art und Weise, das Licht von sich abzuwenden, und sagt, die würden ihn am besten gefallen, die sein Malerkollege Nikias gefasst hat, also bemalt hat. Das ist so, wie wenn Raphael Michelangelo-Skulpturen bemalen würde, also die zwei besten Künstler der Zeit arbeiten zusammen, um Kunst zu schaffen.

Das ist keine Ausnahme, sondern das ist ein vollkommen selbstverständliches und in der Antike gewohntes Bild, dass Skulptur gefasst gewesen ist. Wir haben aber nicht nur die Schriftquellen als Grundlage, sondern natürlich auch die archäologischen Befunde selbst, und das seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Witzigerweise war – das wissen wir jetzt –, dass Winckelmann im deutschsprachigen Raum der Erste gewesen ist, der die Polychromie, die Farbigkeit griechischer Skulptur beobachtet hat und in seiner Kunstgeschichte auch ausführlichst beschreibt.

Scholl: Woher rührt aber dann eigentlich unser Eindruck, dass die Antike durchweg blendend weiß ist? Sie haben Winckelmann erwähnt, er war der große Vermittler der Antike für die deutsche Klassik von Johann Wolfgang von Goethe, die Weimarer Klassik und Schiller, und ich meine, seitdem haben wir die Vorstellung, dass die Antike weiß ist, oder?

Koch-Brinkmann: Dass Winckelmann zu dem Vorreiter der weißen Antike geworden ist, hängt, wie Sie richtig sagen, mit Goethe zusammen, mit der Weimarer Klassik, weil sie so ein bisschen redaktionell eingegriffen hat in unser Winckelmann-Bild und den Fokus auf die Stellen gesetzt hat, durchaus auch gezielt missverstanden hat, wo sich Winckelmann eben mit der bildhauerischen Qualität weißer Skulptur beschäftigt. Aber diese Passagen sind eigentlich vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen, das würde jetzt zu weit führen, das genau zu erklären. Aber da rührt natürlich unser Bild her.

Und es gibt noch eine viel ältere Wurzel, das liegt schon in der Renaissance, dass natürlich so jemand wie Michelangelo, um sich ganz bewusst von der traditionellen, farbig gefassten Skulptur, die wir ja auch aus dem Mittelalter bei uns in den Kirchen kennen, abzusetzen, um etwas Neues, Revolutionäres zu schaffen, benutzt er die Antike und benutzt er eben diesen virtuosen Umgang mit dem Stein, mit dem Marmor, um eine neue Kunstrichtung zu schaffen. Und diese Auseinandersetzung, also erst die Renaissance, nachher der Klassizismus und nicht zuletzt nachher das 20. Jahrhundert mit seiner rigorosen Verbannung von Farbe und Ornament – denken Sie an Adolf Loos "Ornament und Verbrechen", die große Kampfschrift von 1908 – gibt natürlich dieses Bild vor. In dem sind wir aufgewachsen, und das sitzt ganz selbstverständlich in unseren Köpfen.

Scholl: Kommen wir mal zu dieser konkreten Farbgebung jetzt: Wenn man sich mal so eine Skulptur genauer betrachtet, gibt es zum Beispiel ganz prominent die sogenannte Phrasikleia, eine griechische Kore aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus, sie steht im Pergamonmuseum nun der berühmten Berliner Göttin gegenüber, angetan mit einem leuchtend roten Kleid, mit gelber Bordüre, dunkelbraune Locken, goldener Schmuck an Hals und Ohren, silberne Säume – woher kennen Sie denn diese Farben, oder ist da auch Interpretation dabei?

Koch-Brinkmann: Wir sind eine Entwicklung durchgangen, weil wir hatten immer wieder das Problem, dass wir gemerkt haben, wir brauchen eine Anschauung. Viele Probleme können wir nur lösen wirklich am dreidimensionalen Objekt und haben eben angefangen, Kopien der Originale mit den Originalmaltechniken, die wir Schritt für Schritt rekonstruieren, und natürlich auch mit den Originalmalmaterialien den Naturfarben der Antike wiederherzustellen. Unser Interesse gilt eigentlich diesen einzelnen Schritten, dass da am Ende etwas herauskommt, was ganz verblüffend ist und zum Teil auch eindrucksvoll ausschaut, das war gar nicht so unbedingt unser Ziel.

Und die Phrasikleia ist insofern besonders interessant, weil das Original erst 1972 gefunden wurde und offensichtlich nur wenige Jahrzehnte überhaupt in der Antike gestanden hat und dann unter die Erde kam und so seine Farbigkeit noch fast vollständig bewahrt hat, bis heute. Und wir hatten eben die Möglichkeit, in den letzten zwei Jahren uns intensiv mit ihr zu befassen, sie zu untersuchen mit den neuesten naturwissenschaftlichen Methoden, auch die Farben zu analysieren, und haben nun versucht, in dieser Rekonstruktion wirklich nur die analysierten Farben auch wiederzugeben.

Scholl: Die Antike war bunt. Im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur ist die Archäologin Ulrike Koch-Brinkmann. Sie sagen, die Rekonstruktion auch der Farbmaterialien, das heißt also, wenn Sie darauf gestoßen sind, dass das Kleid der Phrasikleia rot ist, haben Sie nicht irgendwie eine rote Farbe genommen, sondern Sie haben dieses Rot auch rekonstruiert und dann so hergestellt, wie man es in der Antike gemacht hat? Wie geht denn so was?

Koch-Brinkmann: Ja, also wir haben in diesem Fall sogar sehr, sehr viel Zeit und Mühe aufwenden müssen, um dieses Rot zu rekonstruieren. Es gibt in der Natur ganz verschiedene rote Ockererden, von einem Orange bis hin zu einem Braun über ein Violettrot, das sind die sogenannten Eisenoxyde, die aufgrund ihres Eisenanteils eben eine Rotfärbung haben. Aber unter all diesen vielen Möglichkeiten, die wir auch heute noch aus modernem Abbau dieser alten, zum Teil antiken Ockergruben kennen, war unser gesuchtes Rot nicht dabei. Und irgendwann kamen wir auf die Idee, einen gelben Ocker zu brennen und haben das mit verschiedenen gelben Ockererden ausprobiert, und dann war wirklich einer dabei, ein zyprischer Ocker, der durch Brennen genau dieses Orangerot bekam, was wir bei der Phrasikleia analysiert hatten.

Das sind natürlich so ein bisschen Wundermomente. Da hat man das Gefühl, man ist wirklich in der antiken Werkstatt und begreift auf einmal, wie die damals gearbeitet haben, wie die getickt haben, wie die ihre Materialien auch durch kleine Tricks und Kniffe eben wiederverwendet haben, weiterverwendet haben. Denn bei ihr ist das Schöne, dass eben diese gelben Säume sind dieser zyprische Ocker unverändert und das Rot ist dann dieser zyprische Ocker gebrannt.

Scholl: Ich meine, durch diese Farbgebung wirkt die Antike jetzt plötzlich ein wenig alltäglicher und uns viel näher, nicht mehr so entrückt, edle Einfalt, stille Größe, klassisches Ebenmaß eben à la Winckelmann oder Goethe. Haben denn diese Farben auch, ja, Aussagekraft, stecken da auch Informationen drin über die Kunst, die Zeit oder die Mode eventuell?

Koch-Brinkmann: Das ist für uns natürlich schwierig, das genau zu fassen. Was wir sagen können, ist dass die Farben im Gegensatz zu heute einen Wert hatten, einen wirklich materiellen Wert. Wenn Sie also einen Löwen sehen, den wir ja auch in unserer Ausstellung haben, der eine azuritblaue Mähne hat, dann lächeln wir darüber und sehen das so ein bisschen naiv als ein Kinderding an, aber für den antiken Betrachter gewohnt von den Jahrtausend langen Traditionen, die es natürlich vorher auch schon in Ägypten gegeben hat, war diese blaue Mähne ein Machtsymbol. Das war einfach ein sehr teures Material, was da großflächig verwendet wurde und was diesen Löwen in den göttlichen, in den ewigen Bereich auch transportierte in der Wahrnehmung.

Also das sind natürlich Bereiche, da wissen wir heute leider viel zu wenig. Es gibt ab und zu Farben, eben wenn für eine Mähne eine blaue Farbe verwendet wird, oder natürlich auch Gold und Silber, das können wir noch sehr gut nachvollziehen, wie bei dem Gewand der Phrasikleia. Das hat damals natürlich Kostbarkeit und Reichtum bedeutet, ganz genauso wie heute. Ein Symbolwert der Farbe, wie wir es etwa aus der mittelalterlichen Kunst kennen, gibt es nicht.

Scholl: Noch mal generell gesprochen, Frau Koch-Brinkmann, es ist ja doch schon eine Art Paradigmenwechsel in der Altertumswissenschaft auch. Damals, als Sie das zum ersten Mal präsentiert haben, haben die Kollegen auch durchaus geschockt reagiert, weil man muss ja sein ganzes Bild eigentlich umpolen. Es ist ja doch schon auch eine Art Entzauberung. Also wenn man sich jetzt vorstellt, dass der berühmte Pergemonaltar vielleicht auch farbig war, also all die nackten marmornen griechischen Helden so im Kampf gegen Titanen jetzt in Schweinchenrosa mit bunten Schildern und Schwertern – bunt angemalt wirkt es doch noch auf eine Art, ja, man könnte vielleicht auch sagen ein bisschen trivialer. Wie geht es Ihnen denn?

Koch-Brinkmann: Wir kämpfen natürlich selbst auch mit den Problemen, dass wir nicht immer genau wissen, ob das jetzt wirklich schöner ist, was dabei herauskommt. Wir halten auch an dem alten Bild fest, aber wir merken immer wieder in den Ausstellungen, vor allen Dingen, wenn junge Leute die Ausstellung besuchen, sie verstehen auf einmal die Geschichten. Und das war natürlich in der Antike ganz genau so.

Also wir stehen vor einem Monument, einer antiken Skulptur, einer heroischen nackten, schönen Skulptur und genießen sie. Wir projizieren unsere eigenen Sehnsüchte vielleicht auch in dieses Bild. Also das ist ein ganz intimer Austausch mit dieser Skulptur, die wir da im Museum genießen. Aber das ist natürlich künstlich, das hat mit der historischen Situation gar nichts zu tun.

Und in dem Moment, wo sie ihr Farbenkleid erhält, wird sie verständlich. In dem Moment erzielt sie etwas, aus einer Mädchenfigur wird zum Beispiel eine Göttin aufgrund ihrer Tracht, oder wir können auch selbst bei der Phrasikleia können wir eine ganze Geschichte erzählen aus der Art, wie ihr Gewand geschmückt ist und was sie in der Hand hält. Auf einmal wird dieser Umgang mit der Antike konkret und vermittelbar. Und das ist, glaube ich, ganz wichtig.

Bemalte Kunstmarmorkopie des "Paris" (Glyptothek München)Bemalte Kunstmarmorkopie des "Paris" (Glyptothek München)Also insofern ist diese Trivialität nur ein erster Schock vielleicht, ein erster Moment, und dann fängt man auf einmal an, sich darauf einzulassen – das haben wir sehr häufig erlebt – und die Geschichten werden schön. Wenn Sie vor einem Giebel stehen, und da ist der trojanische Kampf dargestellt, Sie haben auf einmal da oben Helden, die Sie erkennen, Sie sehen, aha, das ist Aias, weil er diesen Schild trägt, oder da ist Paris, den erkennen wir aufgrund seiner orientalischen Tracht, das hat eine eigene Magie, weil man auf einmal sinnvoll ohne viel Vorbildung, ohne diese ganze emotionale Aufgeladenheit mit den Dingen umgehen kann.

Und das würde einem beim Pergamonaltar auch so gehen. Man würde natürlich die ganze Grausamkeit der Darstellung sehen, man würde das fließende Blut erkennen, diese brutalen Göttinnen, die also wirklich rücksichtslos mit den Giganten umgehen – das wäre sicher ein ganz großer Schock.

Scholl: Der neue farbige Blick auf die Antike. In der Ausstellung "Bunte Götter" kann man ihn einüben, ab heute ist die Schau im Berliner Pergamonmuseum zu sehen, bis 3. Oktober dann. Ulrike Koch-Brinkmann, die Archäologin, ist für diese Buntheit mitverantwortlich. Ich danke Ihnen, dass Sie Zeit für uns hatten!

Koch-Brinkmann: Vielen Dank!

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